Sommerserie
Das Wichtigste ist, immer die Bremse anzuziehen: mit dem Rollstuhl durch das Limmattal

Bei einem Selbstversuch im Rollstuhl zeigt sich, dass das Limmattal sehr gut erschlossen ist. Trotzdem gehört es zum Leben eines Rollstuhlfahrers, sich minutiös aufs Reisen vorzubereiten. Dazu gehört auch ein intensiver Muskelaufbau.

Alex Rudolf
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Zahlreiche Passanten boten ihre Dienste an, als sie bemerkten, dass ich mit der Steigung Mühe hatte.

Zahlreiche Passanten boten ihre Dienste an, als sie bemerkten, dass ich mit der Steigung Mühe hatte.

Limmattaler Zeitung

In meinem Hirn hat es wohl nicht genügend Sauerstoff, richtig geatmet habe ich seit Sekunden nicht. Mit rot angelaufenem Kopf, gebeugtem Oberkörper und mit einem konstanten Pressgeräusch auf den Lippen stehe ich an diesem heissen Sommertag auf dem Schlieremer Zentrumsplatz und komme nicht weiter. Mein unüberwindbares Hindernis ist für den Grossteil der Bevölkerung gar keines. Denn ich stehe vor einer rund vier Meter langen Betonrampe, die den schmalen Weg aus der Schlieremer Unterführung – genannt Mausoleum – mit der jüngst eröffneten neuen Hauptstrasse verbindet. Doch bis dahin ist es ein ziemlicher Knorz, denn ich sitze im Rollstuhl und die Steigung ist für meine ungeübten Arme ein immenser Kraftakt.

Sommerserie (11/12) Seit Jahrtausenden sind die Menschen unterwegs. Heute stehen unzählige Fortbewegungsmittel zur Verfügung, und die Mobilität ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In ihrer Sommerserie 2018 zeigt die Limmattaler Zeitung die Mobilität im Limmattal aus verschiedenen Blickwinkeln.

Sommerserie (11/12) Seit Jahrtausenden sind die Menschen unterwegs. Heute stehen unzählige Fortbewegungsmittel zur Verfügung, und die Mobilität ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In ihrer Sommerserie 2018 zeigt die Limmattaler Zeitung die Mobilität im Limmattal aus verschiedenen Blickwinkeln.

Limmattaler Zeitung

Im Rahmen eines Selbstversuchs mache ich mich gemeinsam mit dem Schlieremer Gemeinderat Roger Seger (SP) für drei Stunden und drei Kilometer auf den Weg, um zu erkunden, wie rollstuhlfreundlich die Limmattaler Verkehrswege sind. Hohe Kanten und knifflige Rampen fielen mir bislang nicht auf, weil ich nicht darauf angewiesen bin, dass ich mich in einem Rollstuhl fortbewegen kann. Nun sitze ich schwitzend in Segers Zweitrollstuhl und versuche, die Steigung hinter mich zu bringen. Meine bescheidene Muskelkraft, die mich spielend über die ersten paar Zentimeter gleiten liess, verlässt mich abrupt. Zusätzlich zu meinem eigenen Körpergewicht lasten auch noch die 20 Kilo des Rollstuhls auf meinen Armen.

«Kann ich Ihnen behilflich sein?» fragt eine Seniorin, die im selben Atemzug darauf verweist, dass sie wisse, was es heisst, wenn man von Hilfe abhängig sei. Ich verneine bestimmt, denn ich sollte diese kleine Steigung doch alleine schaffen. Ich lege eine Pause ein und plaudere mit der Dame kurz über dies und das. Seger steigt aus seinem eigenen Rollstuhl, um mich zu stützen und zu verhindern, dass ich nach hinten rolle oder gar kippe. Mit allerletzter Kraft hieve ich mich sodann die letzten Zentimeter den Hang hinauf auf die Badenerstrasse. Schweissperlen kullern über meine Stirn und es sind erst 15 Minuten des Selbstversuchs vorüber. Es wird anstrengend werden.

Es braucht Muskeln und Kniffs

Seger leidet an einer seltenen Nervenerkrankung, die ihn in seiner körperlichen Beweglichkeit einschränkt. Kurze Strecken von unter 200 Metern kann er noch an einem Stock gehen, doch bei allem darüber ist er auf eines seiner drei Gefährte angewiesen. «Schlieren – ja generell das Limmattal – ist für Rollstuhlfahrer ein sehr gutes Pflaster. Man kommt eigentlich überall komfortabel hin. An zwei, drei Stellen kann es aber ein wenig holperig werden», sagt Seger. Einige Male steht er aus seinem elektrisch betriebenen Rollstuhl-Modell – es wiegt rund 140 Kilo – auf, um mich zu stützen. Jenes Modell, das er mit heute ausgeliehen hat, ist ein klassischer Rollstuhl, wie ihn Menschen benutzen, die an den Beinen beeinträchtigt sind, deren Arme aber vollumfänglich funktionieren. «Mit der Zeit entwickelt man gewisse Strategien im Umgang mit dem Rollstuhl und trainiert sich mehr Kraft an. Steigungen lassen sich also mit gewissen Kniffs und Muskeln einfacher meistern», sagt Seger.

Redaktor Alex Rudolf machte sich gemeinsam mit Roger Seger auf den Weg, die Mobilität im Rollstuhl zu erkunden. Bei grossen Senkungen musste der Fuss hin und wieder als Bremse herhalten.
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Redaktor Alex Rudolf machte sich gemeinsam mit Roger Seger auf den Weg, die Mobilität im Rollstuhl zu erkunden. Bei grossen Senkungen musste der Fuss hin und wieder als Bremse herhalten.

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Wir sind derweil bereits auf dem Weg über den Stadtplatz in Richtung Bahnhof. Über die Randsteine komme ich locker, trotzdem schüttelt es mich jedes Mal durch, wenn ich einen Übergang passiere. Nach wenigen hundert Metern bin ich bereits durstig und will im Bahnhofskiosk ein Getränk kaufen. Dass ich Abläufe mit meinem neuen Gefährt noch nicht im Griff habe, zeigt sich daran, dass mir einige Geldstücke runterfallen, ich nicht weiss, wie ich die einzutippenden Gegenstände auf die kleine Plattform heben kann und ich relativ hilflos durch den kleinen Pavillon schwadere. Die Verkäuferin kümmert sich jedoch darum, kommt hinter dem Tresen hervor und bringt mir das Rückgeld zum Stuhl. «Die überwältigende Mehrheit ist sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Nur hin und wieder kommt es vor, dass Menschen einem das Gefühl geben, im Weg zu sein oder schlichtweg unfreundlich sind», sagt Seger auf dem Vorplatz. Er wartete draussen, da es in der kleinen Verkaufsfläche nicht genügend Platz für zwei Rollstühle hat.

Vorbereitung ist A und O

Wie auf Butter gleiten Seger und ich in die S12 Richtung Dietikon. «Diese sind sehr komfortabel für uns. Doch muss man sich auch hier auf die Fahrt vorbereiten», sagt er. Denn man wisse oftmals nicht, an welcher Stelle in der Komposition der Niederflurwaggon komme. Wartet man am falschen Ort, verpasse man leicht den Zug. Im Fernverkehr, wo nicht immer mindestens ein Niederflurwaggon benutzt wird, müssen sich Rollstuhlfahrer bis eine Stunde vor Abfahrt telefonisch melden, wenn sie eine Tragebühne zum Einstieg benötigen. «Dies mindert zwar die Spontaneität, funktioniert aber stets hervorragend», sagt Seger, als die S-Bahn beschleunigt und es mich in seinem Rollstuhl ruckartig in die Gegenfahrtrichtung drückt. Wohl eine der wichtigsten Lektionen, die man übers Rollstuhlfahren lernen muss, ist: immer die Bremse anziehen.

Ein Passagier verwickelt uns in ein Gespräch über die Höhe der Perronkanten. Es sei ja wirklich widersinnig, dass man diese noch nicht überall erhöht habe, sagt der Pensionär, der früher in einem technischen Beruf gearbeitet haben muss. Seger erzählt, dass die kleinsten Veränderungen im Bahnverkehr grosse Auswirkungen für Rollstuhlfahrer haben. Etwa, wenn unplanmässig kein Niederflurzug zum Einsatz kommt oder – noch schlimmer – der Zug auf einem anderen Gleis verkehrt als angekündigt. «Ich erinnere mich, wie in Schlieren mein Zug einmal auf dem Gleis 4/5 ankam. Dieses verfügt jedoch über keine erhöhte Perronkante, weshalb ich nicht aussteigen konnte. Ich musste weiterfahren bis nach Altstetten», sagt er.

In Dietikon angekommen rollen wir sanft aus der S-Bahn, jeder gesenkte Trottoir-Übergang war holperiger. Auf der Betonrampe zur Unterführung beschleunigt der Rollstuhl derart stark, dass meine bremsenden Hände durch die Reibung der Räder brennend heiss werden. Seger blickt mir mit Sorge hinterher, bei der nächsten Senkung wird er mir raten, meine Hände mit Stofftaschentücher zu schützen. Funktionieren wird es nicht, da ich auf diese Weise keine Kontrolle über die Geschwindigkeit habe. Handschuhe wären wohl sinnvoll gewesen.

Der nördlich vom Bahnhof gelegene Aufgang erweist sich als grösste Schwierigkeit. Nicht nur ist die Rampe sehr lang, auch zeichnet sie sich durch eine grosse Steigung aus. Ich muss mehrere Pausen machen, die letzten paar Meter schaffe ich nur mithilfe des Geländers, an dem ich mich emporziehe. Seger reicht mir im Anschluss eine Tube Desinfektionsmittel, wohl eines der unverzichtbaren Hilfsmittel.

Die Rollstuhl-Rampensau

Auf der betonierten Strasse Richtung Limmatfeld merke ich, wie ich mich allmählich an den Rollstuhl gewöhne, schneller werde, den Fahrtwind geniesse. Seger entgeht dies nicht, bei der Treppe hinauf zu einem Innenhof hinter dem Limmattower wird er mich eine Rollstuhl-Rampensau nennen. Dort nämlich navigiere ich mehrmals derart nahe an der Kante zum Abgrund, dass das Adrenalin durch meinen Kopf schiesst. Doch fühle ich mich sicher.

Die Hilfsbereitschaft der Limmattaler ist immens. Jedes Mal, wenn ich schweissüberströmt mit rotem Kopf und weichen Armen eine Rampe emporzukommen versuchte, offerierte mir eine Passantin oder ein Passant Hilfe. Die Kehrseite davon gibt es jedoch auch. So erreichen mich und Seger einige mitleidige Blicke. Etwa im Bus vom Limmatfeld zurück zum Dietiker Bahnhof. Eine Seniorin, die selber mit dem Rollator unterwegs ist, flüstert ein leises «Oje» und blickt mir dabei tief in die Augen. «Generell lassen einige Menschen die natürliche Distanz vermissen – weil man im Rollstuhl sitzt, haben sie das Bedürfnis, ihre eigene Geschichte zu erzählen», sagt Seger. Dies sei teilweise ja charmant, könne aber auch anstrengend sein. In der Tat wurde ich auf der Strasse noch nie so oft angesprochen wie während meiner drei Stunden im Rollstuhl.

Der Atem fehlt

Zurück in Schlieren bestehe ich darauf, keine weitere Rampe emporrollen zu müssen – meine offenbar ungenügend trainierten Arme machen schlapp. Die geringe Steigung zu Segers Zuhause an der Zwiegartenstrasse meistere ich erneut keuchend. Eine junge Dame mit Stöckelschuhen und detailreich aufgemalte Schminke fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Bedenklich ist, dass sie selber nicht massgeblich sicherer wirkt beim Erklimmen des Hügels. Seger verneint für mich, da mir der Atem fehlt.

Geschafft. Wir sind wieder in der kühlen Garage, wo unsere Reise begonnen hatte, und ich meine Beine zum ersten Mal nach drei Stunden wieder benutze. Wie lautet mein Fazit? Das Limmattal ist gut abgestimmt auf die Bedürfnisse von Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind – auf ein unüberwindbares Hindernis bin ich nicht gestossen. Dass man als Rollstuhlfahrer mehr Muskeln in den Oberarmen haben und besser organisiert sein muss, ist jedoch absolut wahr. Zudem hat sich meine Optik verändert. Keine Trottoir-Kante nehme ich seit dem Selbstversuch für selbstverständlich.

Interview: «Paradoxe Situation beim Busverkehr»

Unüberwindbare Treppen, zu hohe Kanten und Perrons ohne Lifte und Rampen – all dies müsste eigentlich bis zum Jahr 2024 der Vergangenheit angehören. Denn ab dann sieht das Behindertengleichstellungsgesetz vor, sämtliche Mittel des öffentlichen Verkehrs auch für Menschen im Rollstuhl zugängig zu machen. Erlassen hatte der Bund das Gesetz im Jahr 2004, die Übergangsfrist dauerte 20 Jahre. Doch wo stehen der Kanton Zürich und der Bezirk Dietikon aktuell? Im Gespräch erklärt der Architekt der Schweizer Fachstelle für Hindernisfreie Architektur, Bauherrenberater bei der Behindertenkonferenz des Kantons und Stadtzürcher SP-Gemeinderat Joe Manser, welches die grössten Herausforderungen sind.

Herr Manser, freuen Sie sich auf das Jahr 2024, wenn sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel zugänglich für Menschen im Rollstuhl sind?

Joe Manser: Dass dem so ist, ist aber unwahrscheinlich. Trotzdem ist das Jahr 2024 rechtlich relevant. Denn ab dann haben Rollstuhlfahrer die Möglichkeit, den Gerichtsweg zu beschreiten, wenn ihnen der öV-Zugang verwehrt wird. Verkehrsbetriebe und Gemeinden können dann vom Gericht zur Aufrüstung gezwungen werden.

Wie weit sind Verkehrsbetriebe und Gemeinden mit der Aufrüstung?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Der Fortschritt hängt einerseits vom Verkehrsmittel und andererseits Standort ab. Beispielsweise sind die regionalen Unterschiede im Schienenverkehr immens. Bei der Rhätischen Bahn etwa ist beinahe kein Wagen und keine Haltestelle rollstuhlgängig, im Regionalverkehr der Innerschweiz hingegen fast alle. Auf nationaler Ebene hat die SBB schon viel gemacht – mehr als die Hälfte der Bahnhöfe lässt sich mit Rollstuhl befahren.

Wo sehen Sie das grösste Problem bei der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetztes?

Im Schienenverkehr wurden grosse Anstrengungen unternommen. Beispielsweise die Verkehrsbetriebe Zürich stehen sehr gut da, da bereits 2002 mit ersten Massnahmen begonnen wurde. Dass die neuen Trams nun drei Jahre später kommen, wirft uns ein wenig zurück. Beim Busverkehr haben wir eine paradoxe Situation. So verfügen die Betriebe nahezu alle über eine grosse Niederflurbus-Flotte, doch sind die Haltestellen noch nicht auf dieses Niveau erhöht, dass der Ein- und Ausstieg ohne die Hilfe des Buschauffeurs geht. Dies ist in Zürich wie auch im Limmattal ein Thema.

Warum sind sie nicht aufeinander abgestimmt?

Die Besitzer der Haltestellen und jene des Rollmaterials sind nicht dieselben. Busse gehören den Betreibern, Haltestellen in der Regel den Städten und Gemeinden. Zahlreiche Gemeinden haben die Aufrüstung verschlafen. Es wurde lange Zeit nichts gemacht.

Wo sehen Sie bei den Verkehrskonzepten der Zukunft Probleme für Behinderte?

Der Trend hin zu Begegnungszonen ist für Sehbehinderte schwierig. So steht ihnen dort kein Trottoir zur Verfügung, das Orientierungshilfe bietet. Man verlässt sich auf den Blickkontakt zwischen Autofahrern und Fussgängern, was bei Blinden natürlich nicht geht.

Die Behindertenkonferenz testete die Prototyp-Haltestelle der Limmattalbahn – was sagen Sie dazu?

Man merkte, dass die Verantwortlichen viel Erfahrung von der Entwicklung der Glattalbahn mitbrachten – aus Sicht von Rollstuhlfahrern sind die Haltestellen sehr gut. Andererseits wäre es bedenklich, wenn im Jahr 2018 Haltestellen einer neuen Stadtbahn nicht behindertengerecht wären.

Joe Manser.

Joe Manser.

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