Es ist dunkel in Tullio Zanovellos Werkstatt in Schlieren. Eine gewaltige Bildwand, die beinahe die ganze Breite des Raumes einnimmt, ist das Erste, was dem Besucher beim Betreten ins Auge sticht. Dabei ist das Werk nicht in kompletter Grösse. Seit letzter Woche demontiert der Künstler sein Werk, das er innerhalb von drei Jahren aufgebaut hat, wieder und verpackt die einzelnen Teile in Transportkisten.

Die Bildmaschine mit dem Namen Réduit hat einen weiten Weg vor sich: Die eineinhalb Tonnen schwere Attraktion kommt auf den Gotthardpass. Am 13. Juni sollen alle Teile zum Museum Sasso San Gottardo hochgefahren und innerhalb einer Woche ausgepackt und wieder aufgebaut werden. «Ich musste einen genauen Ablaufplan schreiben, um das Kunstwerk wieder richtig zusammenbauen zu können», sagt Zanovello. Spätestens bis zur Vernissage am 30. Juni muss die Installation stehen.

Was denkt der Künstler im Hinblick auf die grosse Präsentation seines Werkes nach etwa 2500 Stunden Arbeit? «Es ist nicht gerade erfreulich», sagt Zanovello mit einem Zwinkern, «stellen Sie sich vor, Sie haben das Baby aufgebaut, bemalt und alles hat funktioniert und jetzt müssen Sie es wieder auseinandernehmen.» Er sei verstört durch die Gegend gelaufen und hätte nicht erwartet, dass ihn dieser Moment so treffen würde. «Letztlich birgt das Vorhaben viele Risiken», sagt der 55-Jährige.

Aus klein wird gross

Die Anfrage, ein Kunstwerk zum Thema Gotthard zu schaffen, hat der Schweizer mit italienischen Wurzeln vor drei Jahren vom Direktor des Museums Sasso San Gottardo erhalten. «Ich stellte zu der Zeit zwei mittelgrosse Bildmaschinen aus», sagt der professionelle Künstler, der auch Komponist ist. Er präsentierte daraufhin Skizzen und erste Entwürfe. «Ich hatte für das Projekt die volle künstlerische Freiheit. Das einzige Kriterium war, dass es sich um den Gotthard drehen muss.» Die folgenden drei Jahre widmete sich Zanovello ganz dem Projekt: «Ich hatte anfangs nicht gedacht, dass die Bildmaschine so gross werden würde. Man arbeitet in einer gefährlichen Höhe.»

Réduit ist viereinhalb Meter hoch und sieben Meter breit. Es ist ein Ungeheuer und dies nicht nur wegen seiner Grösse: Auf sieben Bildtafeln wird die Geschichte der Selbstbefreiung der Schweiz aus dem Schock des Zweiten Weltkrieges anhand von verschiedenen Sagen und Mythen erzählt. Die Bildmaschine breitet wie ein Vogel ihre Flügel aus und öffnet dann als Krönung ihr Herz - eine Helvetia, die beim Drehen zum Sennentuntschi wird. Lichteffekte und selbstkomponierte Musik zum Thema intensivieren das Erlebnis des Betrachters. Ein solcher Durchlauf dauert 24 Minuten. Darauf folgt eine sechsminütige Pause und man kann das Spektakel erneut bewundern.

Die Bildmaschine hat nicht nur einen historischen, sondern auch autobiografischen und politischen Aspekt. Der Begriff Réduit bezeichnet eine Verteidigungsstrategie, die die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges verwendete. «Es ist eine Rückzugsstrategie, bei der man zu einem Ort im Alpenraum aufsucht, der schwer einzunehmen ist. Es geht um Abschottung», sagt Zanovello. Das Gefühl ausgeschlossen und abgestossen zu werden, habe er selbst als Secondo erfahren. «Helvetia wird zum Sennentuntschi und befreit sich.» Sie bekomme Aggressionen - eine Anspielung auf die Integrationspolitik der 60 er und 70 er Jahre, als die Schweiz «fast an, der Abschottung erstickt ist».

Unterhaltung und Erkenntnis

Zanovello erkennt einen Aktualitätsbezug in seinem Werk: Die Schweiz isoliere sich heute beispielsweise von Europa. «Ich halte uns den Spiegel vors Gesicht.» Die Bildmaschine solle in erster Linie jedoch Unterhaltung sein, die auch Erkenntnis bringe. «Es ist die Darstellung der Gesellschaft, dazu gehören Politik, Kultur und Religion.»

Seine Kunst erschuf Zanovello jedoch nicht, um sich zu beruhigen und mit seinen Erinnerungen abzuschliessen. «Habe ich es geschafft, die Bilder künstlerisch so zu realisieren, dass die Botschaft ankommt?» Das ist eine Frage, mit der er sich ständig auseinandersetzen muss. Er habe versucht, so künstlerisch und klar wie möglich zu sein. Von den sieben Bildern hätten ihm zwei besonders Schwierigkeiten bereitet. «Ich bin zuletzt aber auch bei diesen zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen.»

«Bilder müssen ab einem gewissen Punkt zu mir reden und mich führen.» «Am meisten geschmerzt hat es, als wir mit dem Abmontieren begonnen haben.» Zanovello hat sich jedoch damit abgefunden, dass sein Werk etwa 120 Kilometer von seiner Werkstatt in Schlieren entfernt stehen wird. Er ist inzwischen an einem neuen Projekt dran, von dem er vorerst nichts Genaueres verraten will. Réduit wird aber Teil davon sein: «Es wird etwas Grosses.»