Bei kleinen Eseln ist es nicht anders als bei Kindern: Sie müssen die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens lernen. Und wenn die Eltern es ihnen nicht beibringen, dann tun es andere. Die Mutter des kleinen Esels Elvis, der am 15. Oktober letzten Jahres in der Dietiker Freizeitanlage Chrüzacher auf die Welt kam, konnte nicht Nein sagen, liess ihrem Sprössling alle Freiheiten, und es zeigte sich: Elvis, so sehr er auch die Herzen der Kinder im Sturm eroberte, wurde zum unartigen Flegel. Mirjam Spring, Reitpädagogin und im Chrüzacher verantwortlich für die Tiere und die Kinderprogramme mit Tieren, zog die Notbremse.

Seit Anfang Mai ist Elvis nun in einem Esel-Kinderheim und muss Anstand lernen.
Dem Zufall war es zu verdanken, dass Elvis überhaupt im Chrüzacher das Licht der Welt erblickte. Als im vergangenen Juni der hochbetagte Esel Capucin starb, machte sich Spring auf die Suche nach einem neuen Kameraden für Sassa, den zweiten Esel im Chrüzacher. Da kam ihr zu Ohren, dass einer Eselstute in einer Zucht im luzernischen Marbach der Gang zum Metzger drohte, weil sie nicht für Nachwuchs sorgen konnte.

Am Anfang stand die Liebe

Zwischen Mirjam Spring und Shakira war es Liebe auf den ersten Blick und so fand die Eselstute im Chrüzacher ein Zuhause. Nur wenige Monate später überraschte sie ihre neuen Besitzer mit Nachwuchs. Bis kurz vor dem Geburtstermin ahnte aber niemand, dass die Stute trächtig war. «Es ist mir zwar aufgefallen, dass ihr Bauch immer runder und sie auf unseren Waldspaziergängen immer langsamer wurde», erinnert sich Spring. «Aber es hiess ja, Shakira kann keinen Nachwuchs bekommen.»

Elvis tyrannisierte seine Mutter

Im Frühling begann Elvis mit dem sogenannten Hengsteln. Er tyrannisierte und biss seine Mutter. Spring wusste: Junge Pferde und Esel müssen in der Herde und auf einer Weide mit viel Platz aufwachsen, um artgerechtes Verhalten zu lernen. «Das konnten wir Elvis im Chrüzacher nicht bieten. Wir sind kein Zuchtbetrieb.» Im Aargau fand sich dann eine geeignete Fohlenweide.
Drei Hektaren Land teilt Elvis nun mit sechs anderen Eseln, Ziegen, Schafen und einem Pony. Dort lernt er, sich in der Herde unterzuordnen. «Der Einstieg war hart für ihn», sagt Emanuel Steger, der die Tierweide zusammen mit seinem Vater führt. «Die älteren Esel haben nach ihm geschnappt und ihn getreten, als er ungestüm auf sie zurannte. Ganz konsterniert war er. Es war offensichtlich, dass er die Eselsprache nicht kannte.»

Bald an der Seite des Schmutzlis?

Heute hat sich Elvis eingelebt, frisst in der Herde und spielt mit dem jüngeren Esel. In wenigen Wochen kommen zwei Eselfohlen auf die Welt. Dann wird Elvis nicht mehr der Jüngste sein und er kann dann den Neuankömmlingen zeigen, was Sache ist. Und wenn er sich gut benimmt, dann darf er später auch mal den Schmutzli begleiten, wenn Stegers am Samichlaus zu den Kindern gehen.
Mirjam Spring hat Elvis bereits einige Male besucht und sich davon überzeugt, dass es ihrem Schützling gut geht. Auch mit den Tiergruppenkindern des Chrüzacher plant sie einen Ausflug zum kleinen Esel. «Ob Elvis aber je wieder in den Chrüzacher zurückkehren wird, das steht in den Sternen.»