Drogensucht
Das überwältigende Gefühl nach dem Schritt in die Freiheit

Marco Schneider hat sich nach Drogensucht und einem langen, steinigen Weg wieder ein Leben aufgebaut. Die Entscheidung, etwas zu ändern, fiel in der von Limmattaler Gemeinden finanzierten therapeutischen Gemeinschaft Neuthal.

Bettina Hamilton-Irvine
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«Ich bin sehr gut eingebettet»: In Anja Bühlmann findet Marco Schneider Unterstützung, Rückhalt und ein Zuhause.

«Ich bin sehr gut eingebettet»: In Anja Bühlmann findet Marco Schneider Unterstützung, Rückhalt und ein Zuhause.

Limmattaler Zeitung

Heute ist es ein stichfestes Vanillejoghurt, das Marco Schneider realisieren lässt, dass er die Sucht noch nicht abgeschüttelt hat. Oder besser: mehrere stichfeste Vanillejoghurts. «Ich habe immer etwa acht bis zwölf davon im Kühlschrank», verrät er. «Und es kann schon einmal vorkommen, dass alle davon an einem einzigen Abend verschwinden.»

Für den 33-Jährigen ist klar: «Sucht ist für mich Sucht. Ob ich nun zwölf Vanillejoghurts oder fünf Bier konsumiere, ist für mich ein Ausdruck desselben Themas.»

DASS MARCO SCHNEIDER so differenziert und selbstkritisch über Sucht sprechen kann, war nicht immer so. Früher war er, wie er selber sagt, uneinsichtig, masslos und sich selber fremd. Dass er ein Suchtproblem hatte, verleugnete er lange - sich selbst und anderen gegenüber. Dabei ging es damals nicht um stichfeste Vanillejoghurts, sondern um viel mehr. Marco Schneider war süchtig nach vielem, doch vor allem nach Kokain. Während er lange Zeit oberflächlich noch immer funktionierte und Leistung erbrachte - er war Lehrer in einer Hotelfachschule und dann Eventmanager für eine Agentur - trieb er in sich drin die Sucht auf die Spitze, bis sie sein Leben und seine Gedanken beherrschte, bis er Tag und Nacht nur noch konsumierte und sich dazwischen mit Alkohol betäubte, um dem Elend zu entfliehen. Bis er schliesslich daran zerbrach, schmerzhaft und unwiderruflich. «Es war der absolute Kontrollverlust», sagte er ein paar Monate später über diese Zeit, in der das Lügengebilde zusammenfiel: «Alles, was kaputt gehen konnte, ging kaputt.»

SEITHER SIND 20 Monate vergangen und Marco Schneider hat einen Grossteil der Scherbentrümmer hinter sich gelassen. Der Weg dazwischen war lang und hart und gepflastert mit Zweifel, Schmerz und immer wiederkehrenden Kämpfen mit sich selbst. Der Wille, etwas zu ändern, begann in einem Sanatorium, in dem er auch gleich wieder zerbröckelte: Unzählige Rückfälle waren die Folge. Nach einer Zwischenstation im Burghölzli landete Marco Schneider schliesslich im Neuthal, einer von Limmattaler Gemeinden finanzierten therapeutischen Institution, in der er endlich wieder Hoffnung und Kraft fand.

Zehn Monate verbrachte er dort, setzte einen Fuss vor den anderen auf einer oft anstrengenden Reise zurück zu sich selber - oder hin zu einem neuen Marco, wie er damals sagte. Ein Marco, der Emotionen zeigen kann, der sich mit sich selbst und mit anderen auseinandersetzt und vor allem auch ein Marco, der das Mittelmass findet. Nach der Zeit im Neuthal lebte er sechs Monate lang in einer Aussenwohngruppe, wo er sich der Aufgabe stellte, eine Brücke zu schlagen zwischen der geschützten, strukturierten Welt der therapeutischen Gemeinschaft und der selbstbestimmten Autonomie des normalen Lebens, in dem er selber bestimmt, was er darf und was richtig ist.

VOR DREI MONATEN hat Marco Schneider den letzten grossen Schritt gewagt, den «Übertritt in die Freiheit», wie er es nennt. Nun sitzt er auf einem weissen Sofa in einer hellen, stilvoll eingerichteten Wohnung im Zürcher Oberland und schaut nachdenklich auf das Wasserglas in seiner Hand. Er ist braungebrannt und sieht erholt aus. Vor wenigen Tagen erst ist er zurückgekommen aus den ersten gemeinsamen Ferien mit seiner Freundin, Anja Bühlmann*, die seit neun Monaten den Weg mit ihm teilt, und seit drei Monaten die Wohnung im Zürcher Oberland. «Am Anfang war das Freiheitsgefühl absolut überwältigend», sagt er.

«Plötzlich war ich wieder völlig unabhängig im freien Raum.» Am deutlichsten habe sich diese neue Freiheit darin geäussert, dass er gleich «in den Alkohol reingelaufen» sei, wie er sagt. Denn obwohl der Alkohol nie Marco Schneiders Hauptproblem war, war er immer Teil des Problems und ein Symbol der Sucht. So hat er denn auch keinen Tropfen mehr angerührt, solange er sich selbst noch nicht
vertraute.

DOCH ALS SIE in die neue Wohnung einzogen seien, erzählt er, da habe er zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren wieder Alkohol getrunken. Das erste Glas noch zögerlich, sich fragend, ob er wohl nun alles wieder kaputtmache. Dann sei es plötzlich zu gut gegangen, erzählt er: «Sobald es lustig wird, wird es gefährlich.» Als er eines Abends auf dem Balkon eine zweite Flasche Wein öffnen wollte und seine Freundin ihn stoppte, kam es zum ersten Streit zwischen dem Paar. «SONST WAR ER IMMER so stark, so transparent, hatte immer so eine klare Vision», erzählt Anja Bühlmann, die sich nun neben Marco Schneider aufs Sofa gesetzt hat.

Sie hat ein bildschönes Gesicht, strahlende Augen und einen wachen Blick. Wenn sich die beiden ansehen, spürt man die Nähe und die Liebe zwischen den beiden. «Doch plötzlich war da eine Distanz zwischen uns, die der Alkohol geschaffen hatte», sagt sie über jenen Abend. Eine ganz neue Situation sei das gewesen, in der sie zum ersten Mal den alten Marco gespürt habe. In der Polizistinnenrolle, die sie automatisch eingenommen habe, habe sie sich unwohl gefühlt. Es war nicht der einzige Moment, in dem der Alkohol Marco Schneider herausgefordert und verwirrt hat.

Als die Freiheit noch ganz neu war, habe er wieder viele Träume gehabt, in denen die Ungeheuer der Vergangenheit aufgetaucht seien, erzählt er. «Es war, als versuchten mich die Monster der Sucht wieder zu packen.» Er wisse, dass es einfacher sei, nichts zu trinken, als wenig zu trinken, gibt er zu bedenken. Doch er wolle es schaffen, ein gesundes Mittelmass zu finden.

Manchmal funktioniere die Auseinandersetzung mit sich selber gut und sei spannend, sagt Marco Schneider. Doch manchmal sei er auch einfach nur müde. «Ich befinde mich zurzeit etwas auf einer Gratwanderung zwischen dem alten und dem neuen Marco», sagt er selbstkritisch. Doch es falle ihm auf, dass er sich wesentlich mehr Gedanken mache als früher. «Früher war mir alles egal», sagt er. «Heute habe ich so viel, das ich nicht aufs Spiel setzen will.»

DAZU GEHÖRT AUCH die Arbeit: Denn Marco Schneider hat im Juli eine Lehre als Zimmermann begonnen. Richtig verliebt in diesen Beruf habe er sich, sagt er: «Das Material Holz erdet mich.» Dass er fast doppelt so alt wie der zweite Lehrling ist, stört ihn nicht. «Ich fühle mich rundum wohl.»

DOCH VOR ALLEM gehört dazu seine Freundin. Sie sei ein grosses Glück für ihn und gebe ihm Rückhalt und ein Zuhause, sagt Marco Schneider. Während er früher mit nichts zufrieden gewesen sei und immer zu viel von allem gewollt habe, könne er heute auch dank Anja wieder das geniessen, was er habe, erzählt er. Wenn er morgens um 6 Uhr mit einer Tasse Kaffee auf dem Balkon stehe und in die Berge schaue, werde er ganz ruhig und dankbar. Dann realisiere er, wie schön es sei, dass er dieses Leben leben könne.

Dass er noch nicht endgültig über den Berg ist, das weiss Marco Schneider. Er muss sich immer wieder aktiv um sein Gleichgewicht bemühen. Man sage, die ersten vier bis fünf Jahre, nachdem man der Sucht den Rücken gekehrt habe, seien die einfachsten, erklärt er. Danach gäbe es oft wieder Rückfälle. Ob er Angst habe? «Nein», sagt er ohne zu zögern. Respekt habe er schon, aber Angst nicht. «Ich bin sehr gut eingebettet. Ausserdem denke ich, dass ich bis dann ein Familienvater bin.» Er lächelt. Ja, verrät er, Heirat und Kinder seien auf jeden Fall ein Thema. Anja sei die richtige Frau dazu.

FAST EIN BISSCHEN wie ein modernes Märchen hört sich das Ganze an. Nach einer dunklen, schwierigen Zeit ist wieder Licht in Marco Schneiders Leben getreten. Er zögert, überlegt einen Moment. «Als ich vor meinem Übertritt in die Freiheit das Abschlussgespräch auf dem Sozialamt hatte, sagte der Berater genau das», erzählt er dann: «Dass meine Geschichte an ein Märchen erinnere.» Da sei es ihm plötzlich auch aufgefallen. Ja, vielleicht sei sie wirklich so etwas wie ein Märchen.