Dietikon

«Das Tragische berührt die Menschen»: Liederabend ging unter die Haut

Ein Liederabend im Stadtkeller mit Philipp Galizia und Alois Bürger erzählte von der Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe.

«Der eine sagt das, der andere dieses und die meisten sagen nichts», singt der begnadete Schauspieler Philipp Galizia und gibt in seinem rund zweistündigen Programm «Nachtschatte» Einblick in das Leben jener Stammgäste, die in den Nächten eine Bahnhöflibar zwischen den Gleisen beleben. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt und die am vergangenen Freitagabend mit dem Chanson-Abend von Philipp Galizia am Bass und Alois Bürger am Klavier dem Publikum im Dietiker Stadtkeller – obwohl fiktiv – sehr nahekommen.

Ein Ort, um zu vergessen, wird angekündigt. Das schwache Licht einer Kerze passt dabei zur Stimmung der einzelnen Schicksale, über die abwechselnd erzählt und gesungen wird. Wehmütig folgt das Publikum etwa dem Lied über den eigentlichen und unfreiwilligen Poeten Charlie, der von seinen Erinnerungen an seinen Sohn erzählt. Und während Dorothee Abend für Abend ihre brillanten Zeichnungen wegwirft, serviert die unermüdliche Eveline, die sich an den Schmerz von Trennungen gewöhnt hatte – und gibt damit den Stammgästen ein Zuhause.

So etwa auch Heini, der mit seinem langen Bart in der Ecke sitzt und im Stück als das Nachtschattengewächs in Person vorgestellt wird. Und mittendrin klopft noch ein von allen akzeptierter Spinnvogel namens Gödel seine Sprüche, dem am Ende doch niemand so recht zuhören will: «Wir sind die Comedyshow des Universums, die grünen Marsmännchen freuen sich über jeden Slapstick», meint er.

Zusammenarbeit durch Zufall

Es ist die Wiederaufnahme des Erzähltheaters «Nachtschatte», die am Freitagabend in neuer Besetzung mit Alois Bürger am Klavier im Stadtkeller Dietikon Halt machte. Die Zusammenarbeit sei durch Zufall aus einer Begegnung auf einer Feier entstanden, erzählt Bürger, und das Stück sei für ihn wie ein zweiter Frühling: «Ich musste herausfinden, ob ich die Begleitung am Klavier für einen solchen Erzählabend überhaupt übernehmen kann und ob es mir gefällt», sagt er lächelnd. Seine Auftritte seien seit jeher im Genre der Klassik verortet; ein solcher Theaterabend sei eine ganz andere Welt. Aber die neue Sphäre gefalle ihm: «Ich konnte den Abend heute noch fast mehr geniessen als die Premiere.»

Die beiden Künstler schaffen mit der Abwechslung von Sprache und Musik die Kurve aus der Tragik, um Lichtblicke in dieser Bar aufblitzen zu lassen, sodass selbst der zunächst noch trostlos erscheinende Ort plötzlich etwas Tröstliches annimmt. Vom Mitgefühl zeugen auch die leisen Reaktionen aus dem Publikum. Und als an einem Abend statt dem beliebten Schnitzel ein luxuriöses Essen mit bestem Wein serviert wird, nachdem ein Herr in Anzug den Weg in die Bar fand, ahnt man bereits Schlimmeres, denn nur der sonst stille Stammgast Pepe weiss, wo es die nächste Kneipe mit ähnlichem Ambiente gibt – im fernen Valencia.

«Das Tragische berührt die Menschen und der Stadtkeller Dietikon ist ein Traumhaus für solche Abende», schwärmt Philipp Galizia nach der Aufführung. Man dürfe nicht vergessen, dass in der Menschheitsgeschichte das Erzählen vor dem Schreiben kam. So fühle man sich bei einem solchen Programm auch an das eigene Wehmütige im Leben erinnert. Es seien feinere und malerische Nuancen, die das Programm durch die Neubesetzung auszeichne. Über das Leben der Figuren, die keinem Roman besser hätten entspringen können, liess sich nach der Aufführung beim Apero an den Stehtischen gut reden.

Es sei wunderbar gewesen, lobte Besucherin Cornelia Jacky: «Da waren zwei Könner an den jeweiligen Instrumenten. Und die Geschichte, die mich besonders berührte, war jene vom Jungen, der den Klavierunterricht wegen der Musiklehrerin liebt und wie verrückt übt, damit sie zurückkehrt.» Sie kenne eine ähnliche Geschichte aus dem realen Leben.
Die Stimmung sei sehr gut eingefangen und rübergebracht worden, fand auch Philipp Jacky: «Ein durchaus philosophischer Abend, nicht zuletzt mit dem Schlusslied über das Ablaufdatum». Die Vergänglichkeit des Lebens zieht sich in der Tat – neben dem Scheitern einer grossen Liebe – als roter Faden durch den Abend.

Liederabend im Stadtkeller Dietikon mit Philipp Galizia und Alois Bürger am Freitag, dem 19. Januar 2018

Liederabend im Stadtkeller Dietikon mit Philipp Galizia und Alois Bürger am Freitag, dem 19. Januar 2018

Liederabend im Stadtkeller in Dietikon mit Philipp Galizia und Alois Bürger am Freitag, 19. Januar 2018

Liederabend im Stadtkeller in Dietikon mit Philipp Galizia und Alois Bürger am Freitag, 19. Januar 2018

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1