Birmensdorf
Das Töten geht weiter: «Man hat die Kadaver einfach liegen lassen»

Erneut werden im marokkanischen Agadir streunende Hunde aus dem Impf- und Kastrationsprogramm der Birmensdorfer Stiftung Tierbotschafter umgebracht.

Daniel Diriwächter
Merken
Drucken
Teilen
Rund 700 Hunde konnten in ein Auffanglager bei Agadir gebracht werden.

Rund 700 Hunde konnten in ein Auffanglager bei Agadir gebracht werden.

Zur Verfügung gestellt

Der Aufschrei war gross im April 2018, als bekannt wurde, dass auf den Strassen der marokkanischen Stadt Agadir streunende Hunde systematisch abgeschossen werden. Viele der getöteten Vierbeiner wurden zuvor durch ein Impf- und Kastrationsprogramm behandelt, das von der Stiftung Tierbotschafter in Birmensdorf mitfinanziert wurde. «Es ist ein Massaker», sagte damals Brigitte Post, Präsidentin der Stiftung.

Im Zuge dessen berichteten neben der Limmattaler Zeitung zahlreiche andere – auch internationale – Medien über die Situation in Agadir. Erste Mutmassung einiger Tierschützer war, dass die Beseitigung der Hunde mit der Bewerbung Marokkos für die Fussballweltmeisterschaft in Zusammenhang stehe. Dies konnte nicht nachgewiesen werden.

«Trotz der Berichterstattung und den Bemühungen vor Ort hat sich wenig geändert. Im Gegenteil: Es wurde noch schlimmer», sagt Post. Dabei entwickelte sich das von der Stiftung unterstützte Programm zunächst hoffnungsvoll. Es sah vor, dass streunende Hunde und Katzen geimpft und kastriert werden, um so deren Anzahl zu senken und die Tollwut zu stoppen. Die behandelten Tiere erkannte man an einer angebrachten Ohrmarke.

Die Organisation und Durchführung übernahm die etablierte Tierschutz-Organisation Le Coeur sur la Patte (LCSLP). Das Vorhaben überzeugte damals auch die Stadt Agadir, welche es als ein «Vorzeigeprojekt» lobte. «Wir konnten bis heute so rund 1600 Hunde kastrieren und für 40 Prozent davon haben wir die Kosten übernommen», sagt Post.

Eine Entscheidung in der Not

Es war ein Schock, als Bilder von abgeschossenen und vergifteten Hunden auftauchten, die eine Marke trugen. Der Pressewirbel zeigte laut Magda Muhmenthaler, Vizepräsidentin der Stiftung Tierbotschafter sowie Präsidentin des Zürcher Vereins Tierhilfe Marokko, aber zumindest zeitweise für Wirkung.

«Die vereinbarte Abmachung mit der Stadt lautete, dass diese die Hunde weder erschiessen noch vergiften darf.» Allerdings wurden die Tierschützer von LCSLP im August darüber informiert, dass auf Befehl der regionalen Regierung die Strassen «gesäubert» werden müssen. Die Vereinbarung mit der Stadt war nichtig.

«Wir erhielten als Konsequenz ein städtisches Tierheim, das Platz für 60 Hunde bot, die man nach und nach hätte kastrieren sollen», so Muhmenthaler. Oft lieferten die Behörden aber zweihundert oder dreihundert Hunde in das Heim und es wurde schnell klar, dass dies nicht funktionieren kann. Das einst so hoffnungsvolle Projekt fand ein jähes Ende.

Die Tierschützer trafen eine weitreichende Entscheidung: Quasi in Windeseile wurde ein Auffanglager auf einem Gelände weit ausserhalb der Stadt organisiert und man begann, die Hunde – mit oder ohne Marke – dorthin zu bringen. Mittlerweile wurden so rund 700 Vierbeiner in Sicherheit gebracht.

Es sind Hunde, die Glück hatten und sich jetzt im Refugium befinden. Dank dem Einsatz von sieben Angestellten und einer ideenreichen Planung – insbesondere bei der Futterausgabe – sei der Frieden unter den Vierbeinern gewährt.

«Für alle anderen Hunde in der Stadt gibt es jetzt aber keine Hoffnung mehr», sagt Post. Denn mit dem Rückzug in das Tierheim und dem zwangsläufigen Stopp des Programms geht nun das Töten in den Strassen weiter. «An einem Tag anfangs Dezember waren es etwa 80 vergiftete Hunde, die aufgefunden wurden. Man hat die Kadaver einfach liegen lassen», sagt Post.

Die Stiftung Tierbotschafter kann aufgrund ihrer Leitlinien das neue Hundelager bei Agadir vorerst nicht im gleichen Umfang unterstützen, wie sie es beim Impf- und Kastrationsprogramm getan hat. Denn ihre Spendengelder sind zweckgebunden. «Wir unterstützen Einzelkämpfer im nachhaltigen Tierschutz und keine Tierheime», sagt Post.

Trotzdem habe man beispielsweise noch Ladungen mit Futter nach Agadir versenden können oder übernehme medizinische Behandlungen.

Marokko sei generell ein schwieriges Pflaster für streunende Tiere, ganz speziell für Hunde, die im muslimischen Glauben als unrein gelten, sagt Post weiter. Wie Muhmenthaler ist sie aufgrund der Situation zutiefst bestürzt. Doch beide werden nicht aufgeben.