Das Dietiker Ehepaar Heidi Christen und Stefan Baier lernte sich während ihrer Schauspiel-Ausbildung in Verscio kennen. Nach ihrem Abschluss standen sie in Japan, Finnland und Spanien auf der Bühne bis sie Anfang der 1990er-Jahre in Zürich eine Bewegungsgruppe gründeten. Nach deren Trennung riefen Baier und Christen die Theateria Dietikon ins Leben.

Wie entstand die Idee, mit Kindern ein Projekt zu entwickeln?

Stefan Baier: Nach unserer Ausbildung gingen wir mit einem Stück auf Welttournee und haben aufgrund dessen einige Stages angeboten, die oftmals an Kinder gerichtet waren. Irgendwann hat es uns dann nach Dietikon verschlagen und Roberto Brioschi, der ehemalige Präsident des Vereins Theater Dietikon, hat uns angefragt, ob wir für den Freilufttheater-Tag nicht etwas mit Kindern auf die Beine stellen wollen. Und so kam das Ganze ins Rollen. Das war auch der Beginn einer schönen Partnerschaft.

Gibt es viele solche Partnerschaften?

Stefan Baier: Es sind nicht nur Heidi und ich, es ist immer ein Vernetzen mit verschiedenen Leuten, die Kultur in Dietikon mitgestalten wollen. So stellt uns die Stadt immer Räume zur Verfügung und die Stiftung Jugendförderung unterstützt uns Jahr für Jahr und ermöglicht so, alle Kinder teilhaben zu lassen. Wir schauen niemals hin, wer wie viel zahlt.

Heidi Christen: Wir haben ein Kursgeld, aber es gibt Kinder, die wir mitnehmen, die nichts oder weniger zahlen.

Der Kurs findet immer in der letzten Sommerferienwoche statt. Reicht da die Zeit aus?

Heidi Christen: Bis jetzt hat es immer gereicht. Alle bringen so viele Ideen, so viel Freude und so viel Lebenskraft. Am Ende der Woche ist manchmal etwas Knochenarbeit gefragt, aber das ist normal. Das kann dann natürlich auch anstrengend sein. Aber wir haben einfach jedes Mal absolut grossartige Kinder. Es ist uns wichtig, dass sie am Schluss in einem guten Licht stehen.

Stefan Baier: Theater machen ist immer ein Risiko. Wir hatten über die Jahre viele gute Produktionen. Bei manchen denkt man im Nachhinein auch, dass hier mehr herauszuholen gewesen wäre. Aber nicht, weil die Kinder keine gute Leistung erbracht haben. Vielmehr, weil unser Konzept nicht ganz aufgegangen ist. Aber da gehört das würdevolle Scheitern dazu. Wenn man so lange arbeitet, muss man eine Niederlage einsacken können.

Tut es weh, wenn man dann ein Kind verabschieden muss?

Heidi Christen: Nein, ich denke, das ist der falsche Ausdruck. Es ist immer eine Chance, für andere jüngere Teilnehmende in die Fussstapfen der «Herauswachsenden» zu treten oder auch für Kinder und Jugendliche, die neu dazu stossen.

Stefan Baier: Es ist auch schön, erwachsenen Frauen und Männern auf der Strasse zu begegnen, die einmal mit uns mitgewirkt haben. Wenn man darüber nachdenkt, sind diese 20 Jahre sehr schnell vergangen.

Heidi Christen: Jetzt freuen wir uns auf die nächsten 20 Jahre. (lacht)

Heidi Christen und Stefan Baier haben sich an der Scuola Dimitri kennengelernt.

Heidi Christen und Stefan Baier haben sich an der Scuola Dimitri kennengelernt. 

Wie kommen Sie zu Ihren Ideen?

Heidi Christen: Durch den Alltag. Wir haben selber Kinder und kommen auch sonst immer wieder mit Kinder und Jugendlichen in Berührung. Manchmal entstehen auch durch Alltagsgespräche oder philosophische Gedanken ein Satz, eine Idee, ein Bild, bei dem wir uns plötzlich denken: Das ist was.

Stefan Baier: Oder wir geraten an ein Material. Einmal haben wir mit Abfallsäcken ein Theater gestaltet. In einem anderen Jahr haben wir mit Wäschekörben gearbeitet. Unser Sohn brachte uns mit einer kindlichen Spielerei auf diese Idee.

Gibt es ein festes Drehbuch, an dem Sie sich orientieren?

Heidi Christen: Ein Skript, bei dem jedes Wort steht, gibt es nicht. Wir haben einen roten Faden. Das heisst, wir wissen, wo es beginnt und wo es aufhört. Dazwischen bieten wir den Kindern immer wieder Improvisationsflächen, in denen sie sich frei bewegen können. Das ist sehr spannend zu beobachten, wie ein Stück so entsteht. Wir sagen dem, es gibt «Fleisch an den Knochen».

Mit welchen Strategien beim Erlernen des Projekts gehen Sie vor?

Stefan Baier: Wir legen viel Wert auf Theatertraining. Es soll die Emotionen wecken und innere Bilder hervorrufen. Dazu benötigen wir sicher die halbe Woche. Wir haben gemerkt, dass sich reine Arbeit am Stück nicht besser auf die Vorstellungen auswirkt. Es wird besser, wenn wir die Basis im Improvisieren legen. So ergeben sich Vorgänge und Spielweisen, die abgespeichert werden. Und die Dinge, die sich nicht weiterentwickelten, waren nicht gut genug. Das haben wir beide stark von unserem Ausbildungsort, der Scuola Teatro Dimitri, mitgenommen.

Dort haben Sie sich kennen gelernt?

Stefan Baier: Ja. Und seither sind wir immer zusammen. Wir haben eine gemeinsame Familie. Wir haben eine gemeinsame Arbeit. Wir ergänzen uns gut. Wir sind beide autonome und starke Persönlichkeiten, die Reibung verursachen und Kreativität zulassen. Mit Heidi habe ich eine sehr gute Partnerin.

Weshalb gilt Ihre Liebe dem Theater?

Stefan Baier: Das Theater ist vergänglich. Im Vergleich zu einem Film oder Musik, die man auf eine CD brennt. Alles entsteht im Moment und dieser zieht vielleicht einen weiteren mit sich oder verflüchtigt sich. Das macht es so wertvoll. Und diese Szenerien können sich überall abspielen.

Wieso spielen Sie jedes Jahr unter freiem Himmel?

Heidi Christen: Wir haben die Auflage, draussen zu spielen. Manchmal kommt aber doch die Lust auf, drinnen zu spielen. Die Geräuschkulisse ist kleiner, man arbeitet feiner mit der Stimme. Und man kann mit dem Ausdruck und dem Licht mehr herausholen.

Stefan Baier: Man spielt anders im Raum. Interessanterweise haben wir aber immer richtig gepokert. Wenn wir Stücke planten, die wir drinnen spielen wollten, regnete es jedes Mal.

Welche Ambitionen haben Sie, was das Bühnenbild, das Licht, die Technik angeht?

Heidi Christen: Oft ist weniger mehr und es ist nicht notwendig, dass Hunderte von Gegenständen auf der Bühne sind. Wir arbeiten mit einfachen Materialen. Das haben wir auch in unserer Ausbildung gelernt. Eine Kulisse gemalt haben wir noch nie.

Stefan Baier: Wir müssen da auch nicht als Theatermacher dem Film hinterherrennen wollen. Wir heben uns hier ab. Über die Abstraktion und die Einfachheit schenken wir den Zuschauern Bilder.