Coronavirus

«Das Social Distancing fiel ihnen schwer» - So erlebten Limmattaler Jugendliche den Lockdown

Stellenleiterin Ursula Enderli ist froh, dass sie die Jugendlichen wieder persönlich in ihrem Büro beraten kann.

Stellenleiterin Ursula Enderli ist froh, dass sie die Jugendlichen wieder persönlich in ihrem Büro beraten kann.

Die Jugendberatung Blinker in Schlieren öffnet heute wieder ihre Beratungsstelle. Stellenleiterin Ursula Enderli erzählt im Interview, welche Probleme Jugendliche während des Corona-Lockdowns plagten und welche Vorteile das Social Distancing für einige bereithielt.

Plüschtiere, Holz- und Plastikfiguren schmücken die Regale in Ursula Enderlis Büro. Vier schwarze Ledersessel bilden einen Kreis in der Mitte des Raums. «Ich habe den vordersten Sessel zu meinem auserkoren, dann muss ich den nicht nach jeder Beratung desinfizieren», sagt Ursula Enderli. Normalerweise herrscht in ihrem Büro keine Sitzordnung. Doch das Coronavirus bringt Veränderungen mit sich. Die Schulen sind ab heute wieder geöffnet, deshalb empfängt die Psychotherapeutin nach acht Wochen Pause wieder Eltern und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 24 Jahren in der Jugendberatungsstelle Blinker an der Grabenstrasse in Schlieren. Die Jugendberatung ist Teil des Sozialdiensts Limmattal. Dem 1994 gegründeten Zweckverband gehören die elf Gemeinden des Bezirks Dietikon an. 2019 betreuten Enderli und ihr Team 185 Fälle. «Ich bin froh, dass langsam wieder Normalität in den Arbeitsalltag einkehrt», sagt die Stellenleiterin. Sie freue sich auf ihre Gegenüber und den Austausch mit ihren zwei Teamkolleginnen. «Ich war in den letzten Wochen oft allein im Büro, während die Kolleginnen im Homeoffice arbeiteten», sagt die 56-Jährige. Sie habe sich schon etwas einsam gefühlt.

Trotz geschlossener Beratungsstelle konnten sich Jugendliche und Eltern telefonisch an Sie und Ihr Team wenden. Liefen die Leitungen während der Coronakrise heiss?

Ursula Enderli: Wir waren erstaunt wie ruhig es war. Unser Telefon hat weniger oft geläutet als sonst. Es gab zwar Neuanmeldungen, aber nicht viele. Von den von uns erwarteten häuslichen Konflikten haben wir bisher sehr wenig mitbekommen.

Wie erklären Sie sich das?

Meine Hypothese ist, dass die Leute in dieser speziellen Situation Beratungen und Therapien gemieden und hinten angestellt haben. Genauso wie auch viel weniger Personen zum Arzt oder ins Spital gegangen sind. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Nachfrage nun zunimmt, weil die Jugendlichen wieder in der Schule sind und gewisse Probleme erst jetzt zum Vorschein kommen.

Was hat die Jugendlichen während der Zeit des Corona-Lockdowns beschäftigt?

Es gab diverse Themen, die bei den telefonischen Beratungen zur Sprache kamen. Zu Beginn des Lockdowns langweilten sich einige. Sie wussten nicht, was sie mit ihrer freien Zeit anstellen sollen. Viele vermissten es, Gleichaltrige um sich zu haben. Das Social Distancing fiel ihnen schwer. Es war für die Jugendlichen mühsam, sich draussen nicht frei mit ihren Freunden treffen zu können. Anfänglich wurden die Abstandsregeln wenig beachtet. Die Jugendlichen fühlten sich als Nicht-Risikogruppe vom Virus nicht betroffen. Doch mit der Zeit merkten sie, dass es sich um ein Thema handelt, das die ganze Welt etwas angeht. Andere Jugendliche verunsicherte die Coronakrise bei der Lehrstellensuche. Sie fragten sich, wie sie vorgehen sollen und ob Vorstellungsgespräche in dieser Situation überhaupt noch möglich sind. Wir rieten ihnen, es trotzdem zu probieren. Viele machten positive Erfahrungen. Einige wurden nach der Kontaktaufnahme zu persönlichen Gesprächen oder Videokonferenzen eingeladen. Gewisse Jugendliche hatten zudem mit technischen Problemen zu kämpfen, vor allem in den ersten Wochen nach Einführung des Präsenzunterrichtverbots. Es dauerte bei einigen eine Weile, bis das Einloggen auf den entsprechenden Schul-Plattformen klappte. Hinzu kam die Schwierigkeit, dass nicht jeder Jugendliche zuhause über einen Computer verfügt.

Sie haben aber auch festgestellt, dass die Krise für einige Jugendliche positive Auswirkungen hatte.

Das stimmt. Viele berichteten mir von einem stärkeren Familienzusammenhalt. Man verbringt mehr Zeit miteinander, sitzt wieder häufiger zusammen zum Essen am Tisch. Einzelgänger, Mobbing-Opfer und Jugendliche mit sozialen Phobien empfanden es sogar als befreiend, nicht zur Schule gehen zu müssen. Für sie war es eine Erleichterung, zuhause zu bleiben. Auch die Beratung per Telefon barg für einige Vorteile. Schambesetzte Themen wie etwa die Sexualität konnten telefonisch besser besprochen werden.

Was waren die Sorgen der Eltern?

Der durch das Social Distancing erhöhte Medienkonsum der Jugendlichen bereitete Eltern Mühe. Um sich auszutauschen und zu lernen wurden soziale Medien, Whatsapp, Smartphone, Computer oder Tablet noch häufiger genutzt als sonst schon. Eltern erkundigten sich, wie sie diesen Konsum nach der Lockerung wieder runterschrauben können, ohne dass dies zu Problemen führt. Wir versuchten zu beruhigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kommunikation mit der Schulöffnung wieder vermehrt über den persönlichen Austausch und weniger über Smartphone und soziale Medien laufen wird. Falls es zu grossen Konflikten kommen sollte, können sich die Eltern aber gerne an uns wenden.

Die Rückkehr zur Beratung vor Ort ist mit Schutzmassnahmen verbunden. Ist die Jugendberatung Blinker dafür gerüstet?

Ja, wir sind gut vorbereitet. Im Wartebereich dürfen sich nur noch zwei Personen aufhalten, der Rest muss draussen warten. Handdesinfektionsmittel und Schutzmasken stehen bereit. Wir desinfizieren die Sessel nach den Beratungen. Personen, die sich noch nicht getrauen, vorbeizukommen, beraten wir nach wie vor am Telefon. Einige können es gar noch nicht glauben, dass sie wieder kommen dürfen. Meine Kollegin musste einem Jugendlichen versichern, dass der Besuch auf der Jugendberatung tatsächlich wieder erlaubt ist. Sein Vater schickte uns eine E-Mail und erzählte uns, dass sein Sohn Zweifel daran hat.

Und konnte Ihre Kollegin die Zweifel aus dem Weg räumen?

Ja, das konnte sie. Wir freuen uns, wenn wir unsere Klientinnen und Klienten wieder persönlich sehen und sie sich bei uns Hilfe holen. Schon allein die nonverbale Kommunikation wieder zu erleben, ist für uns Psychologinnen und Psychotherapeuten enorm wichtig. Unser oberstes Ziel ist, dass die Jugendlichen gute Erfahrungen auf unserer Beratungsstelle machen, sei das auch nur bei kleineren Fragen oder Problemen. So werden sie sich bei künftigen Schwierigkeiten wieder an uns wenden, weil sie merken, dass es sich lohnt, uns aufzusuchen statt die Probleme zum Beispiel mit Alkohol, Drogen oder Selbstverletzung zu betäuben.

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