Könige der Schweiz
Das sind die Milchmillionäre aus dem Limmattal

Die Bühlers aus Oetwil an der Limmat ZH gehören zu den ganz wenigen Bauern, deren Kühe mehr als eine Million Kilogramm Milch pro Jahr liefern. 120 Kühe stehen hier im Stall.

Doris Kleck
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Der Vater bremst, wenn der Junior zu viel Gas gibt: Walter und Benjamin Bühler mit einer ihrer Milchkühe.Emanuel Freudiger

Der Vater bremst, wenn der Junior zu viel Gas gibt: Walter und Benjamin Bühler mit einer ihrer Milchkühe.Emanuel Freudiger

Man nennt sie Milchmillionäre: Diejenigen Bauern, die in einem Jahr mehr als eine Million Kilogramm Milch abliefern. 25 sind es an der Zahl, also nur ein Bruchteil der gut 24 000 Milchbetriebe in der Schweiz. 25 Milchbauern also, die in der kleinstrukturierten Schweizer Landwirtschaft auffallen, das Licht der Öffentlichkeit aber scheuen. Könige, die keine Könige sein wollen. Neid und Missgunst sind die Gründe – man wähnt sich in einer Jeremias-Gotthelf-Verfilmung.

Walter Bühler und sein Sohn Benjamin gehören zu den Schweizer Milchmillionären. Kurz hatte auch Walter Bühler gezögert, bevor er Ja zu einem Treffen sagte. «Jetzt, wo es in der Schweiz zu wenig Milch gibt, kann man das ja machen», sagte er schliesslich lachend am Telefon.

Paradies mit Aussicht auf Autobahn

Mit dem beschaulichen Emmental des 19. Jahrhunderts hat Oetwil an der Limmat ZH nichts zu tun. Der Hof der Familie Bühler mit reichlich Umschwung ist zwar ein kleines, grünes Paradies. Doch die Aussicht reicht von der Autobahn über den Rangierbahnhof bis zum Tivoli-Shoppingcenter in Spreitenbach AG. Nach Zukunftsängsten befragt, spricht Junior Benjamin Bühler nicht etwa über Freihandel und Milchpreise, sondern davon, dass der Hof dereinst der einzige «Naturpark» im verbauten Limmattal sein könnte – aufgefressen von Baden und Zürich.

Vor 38 Jahren übernahm Walter Bühler den Hof seines Vaters. Im Dorf gab es damals 30 Bauern, heute sind es noch deren 2. 15 Kühe und 12 Hektaren Land gehörten damals zum Betrieb, heute sind es 120 Kühe und 63 Hektaren Land. Dazu kommen rund hundert Jungtiere, die bei vier Bergbauern im Ostschweizer Speergebiet aufgezogen werden.

Nach der Million hat Walter Bühler nicht gestrebt: «Das Wachstum hat sich so ergeben.» Er ist froh, dass mit Sohn Benjamin die Nachfolge gesichert ist – keine Selbstverständlichkeit. Vater und Sohn führen den Betrieb in einer Generationengemeinschaft. Der Junior gibt Gas, der Vater bremst, wo es nötig ist. Wenn der Vater sagt «Milchmillionär zu sein, bedeutet mir nichts», erinnert sich der Sohn haargenau, wie er schon im ersten Lehrjahr vor zehn Jahren zu seiner Chefin gesagt hat: «Irgendwann hole ich die Million.»

Grosse Konflikte kennen die beiden aber nicht, altersbedingt unterschiedliche Ansichten sehr wohl. Als der Sohn über die Vorzüge eines Melkroboters spricht, winkt der Vater ab: «Ich bin der Melkroboter». Walter Bühler möchte jede einzelne Kuh zweimal am Tag sehen.

Kühe sind nur noch Nummern

Walter Bühler spricht nicht gerne über die Grösse des Betriebs, seine Botschaft ist eine andere: «Wir sind mit Leib und Seele Bauern.» Den Tieren gehe es auch in einem Grossbetrieb gut. Nur eben, dass er die Kühe nicht mehr beim Namen kennt, sondern nur noch anhand ihrer Nummern. Doch der 60-Jährige kann immer noch von jeder Kuh aus dem Stegreif das Euter zeichnen.

Lieblingskuh ist die Nummer 38: Bereits 16-jährig, doch noch immer kerngesund. In ihrem Leben hat sie bereits 125 000 Liter Milch gegeben. Früher gab es vom Zuchtverband für eine Lebensleistung von 100 000 Litern eine Glocke, heute braucht es 25 000 mehr. In Bühlers Stube stehen zwei Glocken.

Schweine seien interessant, einem galoppierenden Pferd zuzuschauen etwas Schönes, sagt Walter Bühler. Doch richtig angesprochen fühlt er sich nur von Kühen. Die Freude an diesem Tier in Worte zu fassen, fällt ihm schwer. Stattdessen zeigt er Fotos von seinen Red Holsteinern – Fotos von Auftritten an Viehschauen.

Noch heute nehmen die Bühlers an Wettbewerben teil, wenn auch aus Zeitgründen etwas weniger. Denn eine Kuh will gut vorbereitet sein: Wie ein Model muss sie ihren Gang trainieren, braucht viel Heu für eine breite Brust, muss alle zwei Tage gewaschen werden. Und damit das Fell schön glänzt, muss der Bauer sie scheren.

Ans Aufhören hat er deshalb nie gedacht, selbst als der Milchpreis im Keller war. Von Kühen könne man sich nicht einfach trennen, sie seien keine Waren, sondern Lebewesen. Er könne keiner Kuh mehr in die Augen schauen, nachdem er sie zum Schlachten angemeldet habe.

Mitten unter den Holsteinern und Red Holsteinern steht eine einzige braune Kuh. Eine der drei Töchter wollte sie haben. Die Bühlers, ein ganz normaler Familienbetrieb.