Nachbarn der reformierten Kirche Schlieren, die sich am nächtlichen Gebimmel der Kirchenglocken stören, erhalten wieder Aufwind. Dies fast ein Jahr nachdem sie einen herben Rückschlag erlitten haben: Ihrer Bitte, man möge die Glocken des Nachts ihrem Schlaf zuliebe doch bitte ausschalten, schenkte die Kirchenpflege zwar Gehör. Sie beantragte der Gemeindeversammlung im November 2014, den viertelstündlichen Zeitschlag und den Stundenschlag zwischen 22 und 7 Uhr abzuschalten. Bei den Stimmberechtigten stiess das Begehren aber auf taube Ohren: Sie lehnten den Antrag ganz knapp mit 21 zu 20 Stimmen ab (die Limmattaler Zeitung berichtete). Damit schien die Sache erledigt.

Doch nun führten wiederholte Reklamationen offenbar dazu, dass die nächtlichen Zeitschläge auch im Stadtrat zum Thema werden. An seiner gestrigen Sitzung besprach dieser, wie die Stadt mit dem nächtlichen Glockengeläut umgehen soll, wie Polizeivorstand Pierre Dalcher (SVP) auf Anfrage bestätigte: «Wenn jemand belegen kann, dass die städtische Lärmschutzverordnung durch die Kirchenglocken verletzt wird, müssen wir uns damit auseinandersetzen», erklärte er. Im Gegensatz zur reformierten setzt etwa die katholische Kirche St. Josef ihre Zeitschläge bereits heute in der Nacht aus.

Von 65 Dezibel aus Schlaf geweckt

Einer, der die störende Wirkung der Kirchenglocken auf seinen Schlaf belegen kann, ist Erwin Holzer. Er wohnt seit seiner Geburt an der Urdorferstrasse. Nachdem er sein Schlafzimmer von der Süd- auf die Nordseite seiner Wohnung verlegt hatte, konnte er nachts «nicht mehr durchschlafen», wie er sagt. Er besorgte sich ein Schallmessgerät und erhob die Lärmimmissionen. Das Ergebnis: In seinem Schlafzimmer mit Sichtverbindung zum 169 Meter entfernten Kirchturm betrug der Lärm beim Stundenschlag um Mitternacht stolze 64,8 Dezibel. «Meine Messungen beweisen, dass die Schlafruhe selbst in dieser Entfernung vom Turm noch massiv gestört wird», so Holzer.

Er beruft sich mit dieser Einschätzung auf eine Studie der ETH und der Empa aus dem Jahr 2011, welche die bisherige Annahme widerlegte, dass Glockengeläut den Schlaf erst ab 60 Dezibel stört. Anhand von 27 Probanden zeigten die Forscher auf, dass bereits bei deutlich tieferen Lärmimmissionen mit einer bis mehreren Aufwachreaktionen zu rechnen ist. «Die Zeitschläge der reformierten Kirche verstossen also klar gegen die Lärmschutzverordnung der Stadt», so Holzer.

Er war vom Entscheid der Kirchgemeindeversammlung vor einem Jahr bitter enttäuscht. Das Argument der Gegner des Antrags, die Zeitschläge seien eine Tradition, lässt er nicht gelten: «Nirgends in der Bibel steht etwas von einer Glocke», so Holzer. Die Zeitschläge seien zudem zu einer Zeit eingeführt worden, als die Menschen noch keine Uhren an ihren Handgelenken oder Wecker zur Verfügung hatten.

Beim Beschluss der Kirchgemeindeversammlung war von den über 20 Nachbarn, die ihr Begehren per Brief an die Kirchenpflege gerichtet hatten, niemand zugegen. Holzer und seine Mitstreiter müssen sich daher den Vorwurf gefallen lassen, dass sie sich an der demokratischen Entscheidungsfindung nicht beteiligt hätten. Er rechtfertigt sein Fernbleiben mit dem Eindruck, den er vom Austausch mit der Kirchenpflege erhielt. «Die Kirchenvertreter sagten uns, dass sie hinter unserem Begehren stehen würden und dass sie zuversichtlich seien, dass die Stimmberechtigten den Antrag genehmigen werden», sagt der 74-Jährige. Er hätte es zudem als unanständig empfunden, an der Versammlung seine Stimme zu erheben, zumal er kein Kirchengänger sei. Holzer hofft daher, dass nun die Behörden für Ruhe sorgen.

Kirchenpflege widerspricht

Kirchenpflegepräsidentin Ursula Gütlin-Plüer widerspricht Holzers Aussage, dass ihr Gremium im Vorfeld der Kirchgemeindeversammlung Prognosen zum Ausgang der Verhandlung gemacht habe: «Es war nicht vorauszusehen, wie die Stimmberechtigten entscheiden, auch wenn unsere Behörde hinter dem Antrag der Nachbarn stand», sagt sie. Die Kirchenpflege habe damals befunden, dass die Kirchenmitglieder und nicht sie selbst über die nächtliche Abschaltung des Zeitschlages entscheiden sollten. «Wenn nun aber der Stadtrat den nächtlichen Glockenschlag aufgrund der Lärmschutzverordnung verbieten sollte, würde der Entscheid der Kirchgemeindeversammlung wohl hinfällig», so Gütlin.

Um die Zeitschläge des Nachts überhaupt aussetzen zu können, müsste die Kirchgemeinde eine Systemsteuerung installieren, die bis zu 22 000 Franken kostet. Im kommenden Jahr werden aber die Stimmberechtigten ohnehin über eine computergestützte Steuerung für die Klimatisierung der Kirche befinden müssen, wie Gütlin sagt: «Falls uns also die Stadt zwingt, die Glocken nachts abzuschalten, könnten wir deren Steuerung problemlos an dieses System anhängen.» Ob die Lärmschutzverordnung den Entscheid der Kirchgemeindeversammlung aushebeln wird, zeigt sich bald. Polizeivorstand Dalcher stellte weiterführende Informationen zu den Beratungen des Stadtrats in den nächsten Tagen in Aussicht.