Urdorf/Dietikon
Das Rückgrat des Päcklizaubers

80 Bezirke der Kantone Zürich und Aargau werden vom Logistikzentrum der Post in Urdorf aus mit Paketen versorgt. Der Job von Pöstler Manuel Egger ist um Weihnachten noch strenger als sonst – er arbeitet bis zu 180 Prozent.

David Hunziker (Text und Fotos)
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Unterwegs mit dem Limmattaler Pöstler
13 Bilder
2 Manuel Egger lädt die letzten Pakete ein
3 Der volle Lieferwagen vor der Abfahrt im Logistikzentrum der Post in Urdorf
4 Kurz vor der Abfahrt macht Manuel Egger noch eine kurze Kaffeepause
5 Zwischenhalt im Silbern-Quartier in Dietikon
6 In einem der Bürogebäude im Silbern-Quartier
7 Wer Pakete verschickt, erhält auch - die Post einer Elektronikversand-Firma
8 Manuel Egger ordnet die Pakete im Kofferraum neu - so kann er nachher schneller verteilen
9 Nur wenigen Paketen sieht man an, ob sich darin Geschenke verstecken
10 Nach der Fahrt durchs Dietiker Industriegebiet hat sich der Lieferwagen schon stark geleert
11 Blick zurück - dennoch wird Manuel Egger noch bis Mitte Nachmittag unterwegs sein
12 Diese Kundin erhält gleich einen ganzen Haufen Pakete
13 Nach vielen Jahren auf der gleichen Route kennt Manuel Egger viele seiner Kunden

Unterwegs mit dem Limmattaler Pöstler

David Hunziker

In Reih und Glied stehen die gelben Lieferwagen in der riesigen Halle des Logistikzentrums der Post in Urdorf. 80 Bezirke der Kantone Zürich und Aargau werden heute von hier aus mit Paketen versorgt. Weihnachten bedeutet für die Pöstler zuerst einmal eine Menge Arbeit: «Letzte Woche hatten wir eine Auslastung von 170 Prozent des Durchschnitts, diese Woche sind es sogar bis zu 180 Prozent», sagt Daniel Margreth, Leiter Zustellung im Urdorfer Logistikzentrum. Um die Berge von Paketen vor den Festtagen zu bewältigen, gilt seit Mitte November Ferienverbot für die Mitarbeiter.

Wir gehen am Höngger Sektor vorbei in den Limmattaler Sektor, wo der Pöstler Manuel Egger die letzten Pakete aus einem vergitterten Rollwagen in den Lieferwagen Nummer 107 verlädt. Als er die Schiebetüre schliesst, sind bereits etwa 370 Pakete mit einem Gewicht von rund einer Tonne durch seine Hände gewandert. «Sie haben sich für Ihren Besuch einen strengen Tag ausgesucht», ruft einer von Manuel Eggers Kollegen. Bevor die Pöstler um 7.45 Uhr in Scharen ausrücken, machen wir eine Kaffeepause im «Paradiesli», wo sich die Pöstler in der Halle verpflegen können.

Mitten im Weihnachtskarussell

«Mir gefällt die Arbeit in der Weihnachtszeit sehr», sagt Manuel Egger, vor allem wegen der festlich beleuchteten Häuser und Strassen. Aber auch, weil er wisse, dass er mit Paketzustellungen in dieser Zeit besonders vielen Leuten eine Freude macht. Er bekomme aber auch zu spüren, dass die Leute viel gestresster sind, so der 43-Jährige. «Es kommt mir manchmal vor wie ein Karussell, das sich immer schneller dreht.»

Manuel Egger bewegt eine Chipkarte über einen Scanner in seinem gelben Lieferwagen. «Jetzt weiss der Computer, dass die Fahrt losgeht.» Es ist noch dunkel, als er neben einer kleinen Handwerkerbude am Rand von Dietikon parkiert. «Ich kenne den Besitzer und komme hier sowieso zuerst vorbei.» Seinen Lieblingskunden schickt er auch mal ein SMS, dass sie sich heute für ein Paket bereithalten sollen.

Nun wird die Route kompliziert. Denn Manuel Egger muss dabei allerhand beachten. Grundsätzlich sind die Express-Pakete zuerst dran, sie müssen bis 9 Uhr alle abgeliefert sein. «Weil viele der Büros aber noch nicht besetzt sind, fahren wir zuerst durch ein paar Nebenstrassen», erklärt der Pöstler. Das Zentralschulhaus sollte wegen der vielen Kinder auf dem Schulplatz ausserdem vor oder nach der grossen Pause angefahren werden und die Zustellung im Silbern-Quartier geht einiges schneller, wenn man sich in dem Labyrinth von Warenliften, Anlieferungsrampen und Hintereingängen auskennt.

Manuel Egger ist in Dietikon geboren und aufgewachsen. Nach einer ersten Anstellung als Migros-Kassierer und weiteren Zwischenstationen wohnte er mit seiner damaligen Freundin einige Jahre in Olten, wo er stellvertretender Leiter einer «Do it»-Filiale war. «Als meine Beziehung auseinanderbrach, wollte ich wieder ins Limmattal zurück und bin im ‹Tages-Anzeiger› per Zufall auf ein Inserat gestossen, in dem ein Paketpöstler gesucht wurde.» Er wurde eingestellt und zog nach Spreitenbach. Das war vor 13 Jahren.

Der Paket-Boom

Damals war die Rede davon, eines der drei Schweizer Verteilzentren für Pakete zu schliessen. «Kurz danach kam der grosse Paket-Boom», erzählt Manuel Egger. Dass die Leute immer mehr in Online-Shops einkaufen, kam der Paketpost zugute. Seit Manuel Egger für die Post zu arbeiten begonnen hat, wurde die Kapazität der Paketverteilzentren um 20 Prozent erhöht.

Manuel Egger ist froh, dass er weiterhin als Pöstler gebraucht wird. «Ich bin gern draussen und meistens darf ich erfreuliche Dinge überreichen.» Selten erlebe er auch Tragisches. So etwa, als er im Jahr 2005 einer Frau nichts ahnend ein grosses Paket aus Thailand überreichte. «Als es die Adressatin völlig erschüttert entgegengenommen hatte, musste ich erfahren, dass sich in dem Paket die Habseligkeiten eines Angehörigen befanden, der beim Jahrhundert-Tsunami ums Leben kam.»

Als stiller Beobachter erhält der Pöstler immer wieder Einblick in das Leben der Menschen, die er beliefert. Manchmal ist Manuel Egger auch so etwas wie ein säkularer Beichtvater. «Bei kurzen Gesprächen erzählen mir die Leute manchmal von ihren Sorgen.»

Manuel Egger stapelt ein Paket mit Weinflaschen und eines mit einer Zuger Kirschtorte auf einen kleinen Wagen. Den meisten Geschenken sieht man den Inhalt jedoch nicht an. «Ich mache mir eigentlich auch keine Gedanken, was sich in all den Paketen befindet», meint er. Etwas später liefert er ein Paket mit der Aufschrift einer teuren Kleidermarke aus, das per Nachnahme verschickt wurde. Um das Paket entgegenzunehmen, müsste ihm die Adressatin über 2000 Franken in bar auf die Hand geben. So viel Geld habe sie nicht bei sich, sagt sie durchs Fenster. Das Paket kommt wieder in den Lieferwagen.

Post in Zeiten der Digitalisierung

In Manuel Eggers 13 Jahren als Pöstler hat vor allem die Digitalisierung Einzug gehalten. Das kleine Gerät, mit dem jedes Paket gescannt wird, zeichnet jeden seiner Arbeitsschritte auf, sogar seine genaue Position. «Wenn ich zehn Minuten nichts mache, wird schon mal gefragt, wo ich war», sagt Manuel Egger. Durch die digitale Abwicklung falle eine Menge Papierkram weg, was praktisch sei. Dadurch habe er aber auch weniger Kontakt mit den Kunden. «Das Ausfüllen des Formulars liess immer genug Zeit für ein kurzes Gespräch.»

Manuel Egger hofft, dass die gute Grundversorgung der Post auch in Zukunft erhalten bleibt. «Dafür muss sie im Besitz des Staates bleiben», meint er. Denn einer privaten Firma gehe es nur noch um den Profit.

Manuel Egger hält die Chipkarte noch einmal an den Scanner. Damit beginnt seine Mittagspause.