Spurensuche
«Das Rätsel des Tobelbachs» – was alte Karten über Uitikon verraten

Bernhard Buchter fand den angeblichen Lauf des ehemaligen Tobelbachs in Uitikon schon immer kurios. Er erforschte nun dessen Ursprung.

Alex Rudolf
Merken
Drucken
Teilen
Entlang der Uitiker Mettlenstrasse verlief der ehemalige Bach, der durch seinen ungewöhnlichen Lauf auffiel.

Entlang der Uitiker Mettlenstrasse verlief der ehemalige Bach, der durch seinen ungewöhnlichen Lauf auffiel.

Lydia Lippuner

Zwei Bäume, vermutlich Silberweiden, beschäftigten Bernhard Buchter. Er war Anfang der 1970er-Jahre als Teenager mit seinen Eltern von Zürich an die Uitiker Mettlenstrasse gezogen. Besagte Bäume standen im Nachbarsgarten und wuchsen am Fuss eines zwei Meter hohen Bords, in das sich ihre Wurzeln verwucherten. «Hier habe ich möglicherweise meine Leidenschaft für alles, was mit Wäldern und Böden zu tun hat, ­entdeckt», sagt der ehemalige Forstingenieur gegenüber der «Limmattaler Zeitung».

Buch­ter wollte wissen, wie es zu dieser Konstellation von Bäumen, die an einem Bord wachsen, gekommen war, und begann nachzuforschen. Unter dem Titel «Das Rätsel des Tobelbachs – Erkenntnisse einer kartografischen Spurensuche im Gebiet Mettlen, Gemeinde Uitikon» wurden seine Ergebnisse, die er über mehrere Jahre angesammelt hat, nun im Uitiker «Weihnachtskurier» veröffentlicht.

Ist es ein Hohlweg, der zum Bach wurde?

Im Grundbuch der Gemeinde aus dem Jahr 1958 und in der Gewässerkarte des Kantons war vermerkt, dass an dieser Stelle früher der Tobelbach geflossen ist. Dies erschien Buchter jedoch seltsam. «Denn Tobel bezeichnet üblicherweise ein enges, trichterförmiges Tal.» Weiter habe das Gefälle des Tobelbachs laut den Plänen ein Prozent betragen. «Das Wasser des Bachs wäre demzufolge nahezu horizontal geflossen», so Buchter. Das Gefälle des Hanges betrage derweil aber vier bis fünf Prozent. «Natürliche Gewässer fliessen immer in Richtung des stärksten Gefälles, also senkrecht zu den Höhenlinien, nie parallel.» Buchter vermutet, dass der Tobelbach ursprünglich gar kein Bach, sondern ein Hohlweg war, der erst später zum Bachlauf wurde.

Militärquartierplan ist auf 1660 datiert

Noch bevor es ein modernes Strassen- und Wegnetz gab, ­entstanden Hohlwege rund um die Stadt Zürich dort, wo die Leute durchliefen. Aus Trampelpfaden wurden oftmals Hohlwege, die auch als ­Abflussrinne für ­Regenwasser dienten, wie Buchter im «Weihnachts­kurier» erklärt. Weil sie dadurch ­weniger ­benutzbar wurden, wurde 1830 vom Kanton eine neue ­Verbindung zwischen Albis­rieden und Birmensdorf gebaut, die heutige Birmens­dorfer­strasse. Sie befindet sich nur rund 100 Meter von jener Stelle entfernt, wo einst der ­Tobelbach durchgeflossen ist.

«Hohlweg geriet innert weniger Jahre in Vergessenheit»

Das älteste von Buchter durchforstete Dokument ist der ­Militärquartierplan der Stadt Zürich, der auf das Jahr 1660 datiert ist. Dort ist ein Weg eingezeichnet, der ungefähr an besagter Stelle verläuft. Handelt es sich dabei um die Anfänge des Tobelbachs? In der Wild-Karte des Kantons Zürich von 1851 fehlte von dem Weg jede Spur. «Dieser war ­vermutlich nur noch als lockere Hecke mit einigen grossen ­Bäumen erkennbar und wurde folglich nicht in die Karte aufgenommen», schreibt er.

Auf dem undatierten Situationsplan zum kantonalen Strassenbauprojekt aus dem Jahr 1830 war der Weg jedoch zu finden. Diesmal präzise dort, wo der Bach hatte verlaufen müssen. «Damit war meine These bewiesen. Die eindrücklichen Silberweiden im Garten unserer Nachbarn markierten den östlichen Rand des mittelalterlichen Weges von Albisrieden nach Birmensdorf. Die neue, fast gradlinige Verbindung, die heutige Birmensdorferstrasse, hat die Bedürfnisse wohl derart gut erfüllt, dass der Hohlweg innert weniger Jahre vollständig in Vergessenheit geriet», resümiert Buchter.