Michael Bolliger ballt seine Hände zu Fäusten vor Ärger: «Es ist immer schade, wenn man den Schlusspunkt versaut», sagt der Moderator entschuldigend zu seinen beiden Gesprächspartnerinnen Monique Roth, Leiterin der Schlieremer Stadtbibliothek, und Anita Manatschal, Politologin. Die drei sitzen um einen runden Tisch in der Stadtbibliothek, in ihren Händen je ein Mikrofon, in einer Ecke daneben der Radio-Techniker von «SRF 4 News». Aus zwei aufgestellten Lautsprechern ist die Stimme der Nachrichtensprecherin zu hören.

Sie ist der Grund für Bolligers Ärger. Eine halbe Stunde dauerte das Live-Gespräch zwischen ihm und seinen Gesprächspartnerinnen. Am Ende verlor der erfahrene Redaktor den Überblick über die Zeit: Vom Radiostudio in Bern aus wurde das Gespräch um punkt 10.30 Uhr – kurz vor seiner Abmoderation – unterbrochen: Die Nachrichten fingen an. «Es ist mein Fehler. Aber das Gespräch war einfach zu interessant», sagt Bolliger zu Aufnahmeleiterin Simone Weber gerichtet. Das Publikum in der Bibliothek kommentiert seine Äusserung mit Kopfnicken.

SRF4 News sendet live aus der Stadtbibliothek in Schlieren. Interviews mit Bibliotheksleiterin Monique Roth und Politologin Anita Manatschal über die Eigenheiten der Stadt Schlieren.

SRF 4 News sendet live aus der Stadtbibliothek in Schlieren.

Acht Orte repräsentieren das Land

Der Grund für den Besuch des Schweizer Radios in Schlieren ist eine Sendungsserie, die im Jahr der National- und Ständeratswahlen den Puls der Bevölkerung fühlen soll. «Bahnhofstrasse 4» ist nicht nur Titel, sondern auch Programm: In acht verschiedenen Orten der Deutschschweiz unterhält sich ein SRF-Team mit Personen, die an dieser Adresse wohnen, arbeiten oder sich regelmässig dort aufhalten. Die Bahnhofstrasse 4 ist die am weitesten verbreitete Adresse des Landes – in Schlieren, der dritten Station der Sendereihe, bezeichnet sie das Wohngebäude, in dessen Erdgeschoss die Stadtbibliothek untergebracht ist. Jeder der acht Orte, die SRF besucht, steht für eine Gemeindekategorie mit ihrer jeweils typischen gesellschaftlichen, geografischen und politischen Prägung. Die Stadt vor den Toren Zürichs dient als Beispiel für die Agglomeration. Sie gilt als politischer Gradmesser. «Man sagt, wer in der Agglomeration gewinnt, gewinnt auch auf nationaler Ebene», erklärt Weber.

Warum das so ist, wird aus dem Live-Gespräch zwischen Moderator Bolliger und Bibliotheksleiterin Monique Roth spürbar. Es dreht sich um das schnelle Wachstum und den hohen Ausländeranteil in Schlieren – beides Themen, die in den letzten Jahren Gegenstand von Volksabstimmungen waren; so etwa bei der Masseneinwanderungs-, der Ecopop- oder der Kulturland-Initiative. Zur Sprache kommt auch die integrative Leistung der Bibliothek. Roth sagt dazu, dass die Integration beim regelmässigen Kontakt mit Schulkindern ein wichtiger Aspekt sei: «Diese Zusammenarbeit mit Fremdsprachigen macht meinen Arbeitsalltag lebendig.» Und von Politologin Manatschal will Bolliger wissen, warum Agglomerationsgemeinden für die Forschung so interessant sind. Sie verweist in ihrer Antwort auf die Charaktereigenschaften eines «Storfs» – also einer Mischung zwischen Stadt und Dorf –, die solche Orte aufweisen. Sie würden etwa dazu führen, dass sowohl SVP als auch SP hohe Wähleranteile haben, sagt Manatschal.

Dass das spannende Gespräch Moderator Bolliger sogar das Ende der Sendezeit vergessen liess, dürften die SRF-Hörer im Übrigen kaum bemerken. Noch während die Nachrichten laufen, die das Interview unterbrochen haben, zeichnet er seine Abmoderation auf. Sie wird für die Wiederholungssendungen digital an das Interview angefügt.

Zu hören sind die Sendungen der Reihe «Bahnhofstrasse 4» bis Anfang Juni jeweils dienstags und donnerstags ab 10 Uhr auf «SRF 4 News». Die Folge aus Schlieren können Sie bequem hier hören:

«Bahnhofstrasse 4» in Schlieren: Die ganze Sendung

«Bahnhofstrasse 4» in Schlieren: Die ganze Sendung