«Einige Leute halten Fussball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist», sagte der legendäre schottische Fussballtrainer Bill Shankly einst. Verfolgt man auf Schweizer Fussballplätzen, wie verschiedene Eltern ihre und gegnerische Sprösslinge hitzig anschreien, festigt sich dieser Eindruck. Im Kinderfussball (Fünf- bis Zehnjährige / E- bis G-Junioren) sollte der Nachwuchs neben dem Lernen der Sportart auch soziale Kompetenzen und Charakterstärke erlangen. Krankhafter Ehrgeiz und unkontrollierte Emotionen gehören da nicht dazu, zumal gerade die Eltern und auch die Trainer zu den wichtigsten Vorbildern für das Verhalten auf dem Rasen gehören.

In animierten Videos wird das richtige Verhalten aufgezeigt.

In einem animierten Video wird das richtige Verhalten aufgezeigt.

Um die Kinder vor zu emotionalen Eltern zu schützen, hat der Schweizerische Fussballverband (SFV) vor kurzem die Kampagne «Erlebnis vor Ergebnis – Fairplay am Spielfeldrand» ins Leben gerufen. Damit setzt der SFV sich für mehr Gelassenheit neben dem Spielfeld ein und erinnert daran, dass beim Kinderfussball die Freude am Spiel im Mittelpunkt stehen soll. In animierten Erklärvideos und auf Postkarten werden die Kernbotschaften für ein faires Verhalten neben dem Platz zusammengefasst. Die Benimmregeln betreffen grösstenteils die Einmischung von Zuschauern, aber auch Trainer werden angehalten, nach Fehlern nicht mit der gleichen Verbissenheit auf ihre Schützlinge einzureden, wie das öfter im Erwachsenenfussball der Fall ist. Fussballvereine werden vom Nationalverband animiert, das Kampagnenmaterial – Flyer, Plakate und Banner mit den Regeln – und Pylonen zur klaren Eingrenzung der Zuschauerzone zu bestellen, um die Botschaft auch bei den eigenen Heimspielen zu verbreiten.

«Resultate sind unwichtig»

In der Region werden die Fairplaybestrebungen positiv aufgenommen. Alle angefragten Vereine sind sich einig, dass die Kampagne notwendig und richtig ist, und haben das angebotene Material für den Einsatz bei Heimspielen bestellt. «In den jungen Alterskategorien soll der einzelne Spieler oder die Spielerin und ihre Weiterentwicklung im Mittelpunkt stehen. Resultate sind unwichtig», sagt Beat Lutz, Leiter Junioren beim FC Oetwil-Geroldswil.

Bei der Ausarbeitung der Fairplay-Kampagne war der Fussballverband Region Zürich (FVRZ) von Anfang an mit dabei, sagt Vorstandsmitglied Willy Scramoncini, der in seinen mittlerweile 30 Jahren als Leiter des Spielbetriebs beim Regionalverband viel erlebt hat. Bereits seit einigen Jahren habe man in den Verbänden aktiv am Problem der zunehmenden Streitereien neben dem Platz gearbeitet, bis nun die Kampagne daraus resultierte. «E-Junioren könnte man auch ohne Schiedsrichter spielen lassen», ist er überzeugt. Den Kindern gehe es vor allem um die Freude am Sport. Aber das Phänomen, dass Eltern ihren Ehrgeiz zulasten ihrer Kinder am Spielfeldrand ausleben, habe über die Jahre zugenommen. «Vor 30 Jahren wünschte man, dass mehr Eltern die Spiele ihrer Kinder schauen kommen, heute ist die Situation teilweise fast umgekehrt», sagt er überspitzt.

Ein wichtiger Aspekt der Deeskalationsstrategie sei es, die Eltern etwas weiter vom Spielfeld wegzubringen, damit sie auch emotional nicht so nah am Spielgeschehen dran sind und gelassener reagieren können, so Scramoncini. Damit hat man beim FC Birmensdorf gute Erfahrungen gemacht: «Dadurch dass die Eltern von der anderen Platzseite aus zuschauen, wird eine Distanz zu den Junioren geschaffen, sodass der Matchbetrieb nicht gestört wird», sagt Thomas Bosshart, Obmann der D- bis G-Junioren.

Aus Versöhnung lernen

Michel Strehler, Sportchef und Leiter Aktive und Junioren beim FC Engstringen, kennt das Problem von hitzigen und lauten Eltern oder Trainern in seiner Funktion als Schiedsrichter gut. Erst kürzlich erlebte er, wie zwei Trainer sich während eines Spiels gegenseitig beschimpften. Nach dem Abpfiff entschuldigten sich die beiden gegenseitig und umarmten sich herzlich. «Die Kinder beobachteten die Versöhnung mit Freude», erinnert sich Strehler. Er findet es wichtig, dass die Kinder in solchen Situationen die Konfliktlösung miterleben, und erhofft sich auch daraus einen Lerneffekt. «Auf dem Platz kann immer etwas passieren. Man kann aber nach dem Spiel Grösse zeigen.»

Die meisten Einmischungen und Streitereien seien eher unterschwelliger Natur und oft helfe es, die Leute auf ihr Verhalten aufmerksam zu machen, bestätigt Scramoncini. «Es ist im Kanton auch schon zu Spielabbrüchen gekommen, aber das sind Einzelfälle», sagt er. Letzte Saison sei nur ein Spiel wegen externer Einmischung abgebrochen worden. Weil einige Eltern ihre Sprösslinge zu aggressivem Verhalten anstifteten, nahm der Trainer der gegnerischen Mannschaft seine Spieler vom Platz. Im Jahr zuvor habe es vier oder fünf solcher Zwischenfälle gegeben, erinnert sich Scramoncini. Das deckt sich mit den Erfahrungen aus der Region. Die generelle Problematik ist bekannt und alle sehen Handlungsbedarf, zu Spielunterbrüchen oder gar -abbrüchen ist es bisher aber nicht gekommen.

Bei Heimspielen komme es nur selten zu hitzigen Situationen und die Gemüter würden sich dann immer rasch wieder beruhigen, sagt Beat Lutz vom FC Oetwil-Geroldswil. «Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass es gut funktioniert, wenn der eigene Trainer die fehlbaren Eltern sachlich und bestimmt auf ihr Verhalten hinweist und ihnen Fairness und ihre Vorbildfunktion in Erinnerung ruft.» Auch beim FC Birmensdorf hat es sich bewährt, wenn der Trainer direkt auf die ausfällig gewordenen Eltern zugeht, bestätigt Thomas Bosshart.

Verhaltensregeln für Eltern

Beim FC Dietikon werden die Eltern der eigenen Kinder zusätzlich in die Pflicht genommen. «Wir organisieren vor dem Meisterschaftsstart einen Elternabend, an dem wir auch die Verhaltensregeln für die Eltern aufzeigen», sagt Juniorenobmann Carmelo Giamboi. Er selbst hat am Spielfeldrand auch schon Streitereien zwischen Eltern erlebt und Zuschauer, die sich mit dem Schiedsrichter anlegten. Aber es sei nie derart eskaliert, dass jemand eingreifen musste.

Weil die Kampagne neu ist, gibt es noch keine Auswertungen zu ihrem Erfolg. Aber Willy Scramoncini hat bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. «Endlich macht ihr was», so der Tenor von mehreren Vereinen. Gerade junge Trainer hätten teilweise einen schweren Stand, wenn die Eltern von der Seitenlinie zu stark eingreifen.

Egal wo man nachfragt, alle sind sich einig, dass die meisten aufkommenden Konflikte am besten zwischenmenschlich zu lösen sind. Denn die meisten fehlbaren Zuschauer und Trainer würden sich bloss in der Hitze des Gefechts in ihren Emotionen verlieren. Einmal erlebte Michel Strehler, wie ein Trainer mitten im Spiel auf den Platz stürmte, um Dampf abzulassen. Als er sich kurz später beruhigt hatte, war ihm sein Verhalten äusserst peinlich und er entschuldigte sich überschwänglich bei allen Involvierten. Auch beobachte er manchmal, dass während des Matchs streitende Eltern anschliessend beim gemeinsamen Imbiss über ihr Verhalten lachen können.