Schlieren
«Das Präsidium gab mir ein neues Selbstbewusstsein»

Parlamentspräsident Daniel Tännler musste ab und zu auf den Tisch hauen.

Alex Rudolf
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Daniel Tännler wird am kommenden Montag das Amt des Gemeinderatspräsidenten abgeben. Roland Schmid

Daniel Tännler wird am kommenden Montag das Amt des Gemeinderatspräsidenten abgeben. Roland Schmid

Roland Schmid

Trotz nicht sonderlich hohen Temperaturen trägt Daniel Tännler ein kurzärmliges Hemd. Locker kommt der aktuell höchste Schlieremer daher und spricht offen über sein Jahr als Ratspräsident. Er ist ein Sympathieträger, stets hat er ein Lächeln auf den Lippen und betont, wie bodenständig er ist. Er spricht schnell, verschluckt hin und wieder ein Wort am Ende des Satzes.

So unbekümmert und fröhlich ging es in den vergangenen zwölf Monaten nicht immer zu und her. Im Parlament musste er auch auf den Tisch hauen, um die Ratsmitglieder in die Schranken zu weisen. «Einige Kollegen haben sich im vergangenen Jahr nicht immer respektvoll gegenüber einander verhalten», so Tännler. Darauf habe er das persönliche Gespräch mit den Fraktionsvorständen gesucht. «Seither war Ruhe.»

Tännler kennt Schlieren und die Politik, die hier betrieben wird. Zwar ist er in Dietikon geboren, wohnt aber seit den späten 1970er-Jahren hier, Mitte der 1990er-Jahre wurde er SVP-Mitglied. Vor seinem erneuten Einzug ins Parlament im Jahr 2014 war er vier Jahre Mitglied der Bürgerrechtskommission, davor bereits elf Jahre Parlamentsmitglied. Das politische Engagement des zweifachen Vaters ist beachtlich, zumal er für seine Arbeitsstelle als Leiter einer Transportabteilung in die Ostschweiz pendelt. Viel freie Zeit für seine Leidenschaft, das Motorradfahren, bleibt da nicht.

Kein schwerwiegender Patzer

Tännler kam früher zum Parlamentspräsidium, als er erwartet hatte. Denn die letztjährige erste Vizepräsidentin, Priska Randegger (FDP), verzichtete aus privaten Gründen auf das Amt. Die SVP sprang mit ihrem zweiten Vize, Tännler, ein. Bereits anlässlich seiner Antrittsrede entschuldigte er sich für künftige Situationen, in denen er nicht die akkuraten Bezeichnungen finden würde. Heute sagt er, dass es diese durchaus gegeben habe. «In gewissen Momenten kam mir ein Begriff oder der richtige Nachname nicht in den Sinn», sagt er. «Das Ratsprotokoll schreibt vor, dass man sich während der Sitzung siezen muss. Weil wir aber privat alle per Du sind, war diese Umstellung manchmal schwierig», sagt er. Einen schwerwiegenden Patzer habe er sich jedoch nicht geleistet.

Ein spezieller Moment war der Stichentscheid, den Tännler beim Geschäft zum Kredit für die Skateanlage im Zelgliquartier zu fällen hatte. Gleich viele Parlamentarier sprachen sich für und gegen den zusätzlich benötigten Kredit aus. «Damals habe ich erstmals die Macht gespürt, die ein Parlamentspräsident unter Umständen hat», so Tännler. Er votierte Nein und steht voll und ganz hinter dem Entscheid und seiner Meinung. «Das Projekt war viel zu teuer.» Der Skatepark war damit begraben. Inhaltlich durfte er sich nicht zu den Geschäften äussern als Ratspräsident, diesem ist die Moderation der Debatte vorbehalten. «Hin und wieder brannte mir aber schon ein Kommentar unter den Nägeln.»

Nicht nur der Skatepark wurde heiss diskutiert. So waren die Debatten zu den neuen Friedhofs- und Bürgerrechtsverordnungen ebenfalls hart umkämpft. «Viele Parlamentarier kamen im Anschluss auf mich zu und sagten, dass sie im Rat noch nie etwas Vergleichbares erlebt hätten», sagt Tännler heute. Die Debatten waren gekennzeichnet von einer Vielzahl von Änderungsanträgen und der Frage, ob diese überhaupt rechtens seien. «Für einige Momente verlor ich den Überblick. Mir war nicht mehr bewusst, über welche Änderung nun abgestimmt wird.» Zum Glück habe Parlamentssekretär Arno Graf stets den Überblick behalten. Man dürfe nicht vergessen, dass hier in der Schweiz das Milizsystem angewendet werde. «Wir Politiker sind keine Profis. Daher passiert es hin und wieder, dass die Debatten chaotisch anmuten können.»

Er hat neues Selbstbewusstsein

Derzeit befasst sich die Bürgerrechtskommission mit der überarbeiteten Verordnung. «Wohl in der heutigen Sitzung werden sie den neuen Entwurf beraten», sagt Tännler und blickt zu einem Personengrüppchen hinüber. Es sind die Mitglieder der Bürgerrechtskommission und verbringen ihre Sitzungspause ebenfalls auf der Dachterrasse des Stadthauses, wo das Gespräch stattfindet. Man nickt sich freundlich zu und hält einen Schwatz. Unter Tännler wird die neue Vorlage nicht mehr im Rat debattiert, dies wird Aufgabe seines Nachfolgers, Daniel Frey von der FDP, sein. Um diese Aufgabe beneidet Tännler ihn wohl nicht.

Besonders gerne denkt Tännler aber an einen Auftritt zurück, der mit dem Ratsbetrieb nichts zu tun hatte: Das Halten der 1.-August-Rede in Schlieren sei nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch ein besonderes Vergnügen gewesen. «Mehrere Wochen vor dem Auftritt befasste ich mich damit, was ich den Zuhörern am Nationalfeiertag mit auf den Weg geben möchte. Allein der Entstehungsprozess meiner Rede war etwas ganz Spezielles.» Inhaltlich blieb er damals klassisch und thematisierte den Rütlischwur und den Nationalstolz, der in der Schweiz in einer anderen – viel schlichteren – Form ausgeprägt sei als in anderen Ländern.

Am Montag findet die konstituierende Sitzung des Gemeindeparlaments statt. Tännler hat dann seinen letzten Auftritt als höchster Schlieremer. Auf seine Zukunft als «normaler» Gemeinderat freut er sich. So habe ihm das Präsidialjahr ein neues Selbstbewusstsein gegeben. «Früher war ich eher still und schritt nur selten ans Rednerpult. Ich glaube, das wird nun anders.»