Die Aufregung erreicht das Schulhaus Kalktarren in einem himmelblauen Reisecar. In der 10-Uhr-Pause stürmen sichtlich aufgekratzte Schülerinnen und Schüler auf den Vorplatz. Wo auch immer man sich hinstellt, überall ist die gleiche Frage zu hören: «Habt ihr sie gesehen?» Was alle so gerne zu Gesicht bekämen, hat den Car aber schon längst verlassen: Die Rede ist von elf Schülern aus dem polnischen Majdan-Krolewski, die für zwei Tage zu Besuch sind.

Der Grund für ihre Anwesenheit: Während eines Austauschs zwischen den Behörden der Gemeinde Zollikon und deren polnischen Amtskollegen von vergangenem Jahr kam die Idee auf, dass sich Schulklassen aus den beiden Ländern per Mail austauschen könnten. Sie sollten so die Kultur, die Geografie und nicht zuletzt auch die Sprache des Gegenübers kennen lernen. Beim Besuch in Polen war damals auch Markus Jetzer dabei, der im «Kalktarren» unterrichtet.

Er motivierte 21 Jugendliche der zweiten Sekundarstufe dazu, mit Schülern des Gymnasiums von Majdan-Krolewski Brieffreundschaften aufzubauen. «Für die Polen war der Austausch vor allem eine Deutschübung. Für unsere Klassen ein Geografieprojekt», so Jetzer. Auf Initiative der Gemeinde Majdan-Krolewski und mit finanzieller Unterstützung des Programms «Swiss Contribution» konnte schliesslich für die Polen eine zweitägige Reise in die Schweiz organisiert werden. Teilnehmen durften jedoch nur elf polnische Schüler, die sich zuvor in einem Test über die deutsche Sprache und Fakten zur Schweiz bewähren mussten.

In ihrer ersten gemeinsamen Schullektion in Schlieren versuchen die Schüler beider Nationen nun, einander die wichtigsten Sätze des alltäglichen Gebrauchs beizubringen. Und diese Übung erweist sich bald als grosse Herausforderung: «Es war viel einfacher, sich schriftlich auszutauschen», sagt etwa David Bodul. Zum einen habe man sich Formulierungen länger überlegen können, und zum anderen sei einem online eine Übersetzungs-Website zur Verfügung gestanden, so der 14-Jährige. Seiner polnischen Brieffreundin Karolina Lulek versucht er gleich zu Beginn zu vermitteln, wie sie jemanden nach dem Weg zur Toilette fragt. Nach kurzem Nachdenken weiten sich plötzlich die Augen der 16-Jährigen: «Ah! Gdzie jest toaleta?» Zufrieden notieren die beiden die Frage in ihrer Sprache auf einem gemeinsamen Notizpapier.

Erfreut schauen Markus Jetzer und seine polnische Kollegin Anna Zieba-Kurda dem Treiben zu. Mit dem Austausch hätten ihre beiden Schulen zwei Ziele verfolgt, sagt Zieba-Kurda: «Wir wollten eine zusätzliche Motivation zum Erwerb geografischer und sprachlicher Kenntnisse schaffen. Gleichzeitig sollten Vorurteile abgebaut werden.» Es sei nämlich leicht festzustellen, dass alle Jugendlichen ähnliche Themen beschäftigen, egal, woher sie stammen, so die 38-Jährige.

Und tatsächlich: Auf die Frage, welche Unterschiede ihm zwischen seinen Mitschülern im «Kalktarren» und den polnischen Besuchern aufgefallen seien, antwortet der Zweitsekler Jan-Martin Becker: «In den Gesprächen ist mir nichts aufgefallen. Ich habe höchstens den Eindruck, dass sie etwas grösser gebaut sind als wir.» Besonders freue er sich auf das Abendessen mit zwei Austauschschülern bei ihm zu Hause. Übernachten werden die Besucher in der Jugendherberge in Wollishofen. Nach einer Rundreise zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten steht ihnen morgen bereits wieder die Rückkehr nach Polen bevor. Ein Gegenbesuch ist derzeit nicht vorgesehen. «Das ist schade. Es wäre spannend gewesen, die polnische Schule zu sehen», sagt Schüler David Bodul.