Dietikon

Das Meer war ihm Universum: Neujahrsblatt setzt sich mit Lyriker Daniel Wirth auseinander

Das jüngste Dietiker Neujahrsblatt setzt sich mit dem Lyriker Daniel Wirth auseinander. In Dietikon aufgewachsen, zog es ihn immer wieder ans Meer.

Eine Verleitung zum Gedichtelesen nennt der Schriftsteller und Lyriker Bernd Steiner seinen Beitrag im Dietiker Neujahrsblatt 2020. Nächsten Samstag wird es anlässlich einer Vernissage der Öffentlichkeit präsentiert. Die Leserinnen und Leser werden dann nicht nur zum Gedichtelesen verleitet, sondern auch dazu eingeladen, einen für viele wohl unbekannten Lyriker zu entdecken – den vor neun Jahren verstorbenen Daniel Wirth. 

Vier dünne Bändchen mit rund 140 Gedichten hat der 1953 in Dietikon geborene Lyriker herausgegeben. «In die Nacht gesagt», «Im Meergeruch», «Licht und Salz» und «Mare Mosso» lauten deren Titel. Dass das Meer im Werk von Wirth eine wichtige Rolle spielt, lässt sich auch an den vielen schwarz-weiss Aufnahmen ablesen, die den Beitrag illustrieren. Doch es finden sich auch andere wiederkehrende Motive in seinem Schaffen. Denn, so Steiner, «wer schreibt, ist erkennbar an bestimmten Wörtern. Sie kehren wieder, sind charakteristisch für die Atmosphäre seiner oder ihrer Gedichte. Sie stehen für Atmosphäre, Inhaltliches, Persönliches. Sie führen uns ganz nahe an die heran, die da dichten. Es sind Schlüsselwörter, aber keine Druckknöpfe, um herauszufinden, wie jemand ‹tickt›.» Bei Wirth sind diese Fackelworte, wie sie Steiner nennt, neben dem Meer auch Licht, Salz, Schiff, Traum, Zikade und Möwe.

«Wirth ist ein Reisender, besessen vom Meer, vom Licht, vom Salz», schreibt Steiner. Obwohl er alleine lebte, sei er oft unterwegs gewesen. Mit seinem Bruder, mit Fredi Staub, dem Sohn des Dietiker Eisenplastikers, oder mit seinem Freund Werner S.. «Das Licht, das Meer, die Gerüche, Geschmäcke, Geräusche des Südens waren Daniel Wirths Wort- und Kraftreservoire. Der Dichter aus den blickverstellenden Alpen brauchte das Grenzenlose des grossen Wassers», schreibt Steiner.

Die glücklichsten Momente hatte Daniel Wirth am Meer

Auch Fredi Staub kommt unweigerlich das Meer in den Sinn, wenn er an Daniel Wirth denkt. «Bilder kommen hoch von Küsten, Klippen, Häfen, Schiffen, Gerüche steigen auf von
grilliertem Fisch, Tang, Teer, Gischt», schreibt Staub. Und weiter: «Ich kenne niemanden sonst, der sich so innig mit dem Meer verbunden gefühlt hat wie Daniel. Wenn er am Meer war, war er am Ziel. Das Meer war für ihn Universum. Am Meer hat er wahrscheinlich seine glücklichsten Momente erlebt.»

Steiner, der den Lyriker persönlich kannte, beschreibt ihn als scheu und zurückhaltend. Freunden und Freundinnen gegenüber, die er gut kannte, jedoch sei er offen und zugewandt gewesen. «Auf Unbekannte zuzugehen, war ihm nicht möglich», so Steiner. Dennoch sei er aber weder abweisend noch verschlossen gewesen. Das Thema, das ihn am meisten umtrieb, war gleichwohl das Alleinsein.

Den Lyriker zeichne aus, dass er frage. Das sei bei Daniel Wirth nicht anders. «Sie fragen immerzu und auf tausend Arten nach dem gleichen – dem Woher, dem Wohin, dem Ist und dem Soll, der Welt und den Menschen darin», schreibt Steiner. Er sei überzeugt, dass Wirth auf elementare Fragen zu seiner Person klare Antworten gefunden habe. «Seine Melancholien und Depressionen verbarg er sorgfältig vor andern» so Steiner. Traurig sei seine Dichtung deswegen aber nicht, wie man vielleicht annehmen könnte. «Die Verblüffung ist daher gross, Daniel Wirths Dichtung so hell, lebensbejahend, gegenwartskritisch, gelegentlich sogar schalkhaft zu sehen», hält Steiner fest.

Das Psychologiestudium brach er nach drei Semestern ab

Nach dem Gymnasium begann Daniel Wirth ein Psychologiestudium an der Universität Zürich, brach es nach drei Semestern aber wieder ab. Er arbeitete danach als Korrektor beim «Badener Tagblatt», ehe er als Lektor zur Buchdruckerei an der Sihl wechselte. «2002 schlich sich die Alzheimersche Krankheit in seinen Kopf, entwendete ihm Wort nach Wort, Satz nach Satz», schreibt Steiner. Gestorben ist Daniel Wirth im Juni 2010.

Seine Gedichte, drei bis vier Strophen lang, haben von ihrer Kraft nichts verloren. «Beim Wiederlesen sind die Gedichte so frisch und unverbraucht, als hätte er sie gestern oder morgen geschrieben», konstatiert Steiner. Doch nicht nur das sollte die Leserinnen und Leser zum Gedichtelesen verleiten. «Daniel Wirth hatte auch dieses Talent: Es lernt sich gut bei ihm, Gedichte zu lesen.»

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