Uitikon
«Das mag atypisch sein, aber Arbeiten reizt mich mehr als Familie»

Die Limmattaler Finanzmanagerin Martha Scheiber steht kurz vor dem Antritt ihres ersten Verwaltungsratsmandats. Im Interview erzählt sie von ihrem Werdegang in der männerlastigen Finanzwelt und gibt ambitionierten Frauen Tipps mit auf den Weg.

Alex Rudolf
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Martha Scheiber aus Uitikon fühlt sich wohl in der männerlastigen Finanzwelt.

Martha Scheiber aus Uitikon fühlt sich wohl in der männerlastigen Finanzwelt.

Matthias Marx

Frau Scheiber, wie schafft man es als Frau in die Teppichetage?

Martha Scheiber: Ein Geheimrezept gibt es nicht. Die Personalrekrutierungen, die nicht über das Beziehungsnetz zustande kommen, laufen über Headhunter. Diese haben heute vermehrt den Auftrag, auch geeignete Frauen zu finden.

Firmen machen sich aktiv auf die Suche nach qualifizierten Frauen?

Genau. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Firmen mit Frauen in Führungspositionen besser dastehen. Geschäftsleitungen können es sich allmählich nicht mehr leisten, ein reines Männergremium zu sein. Oftmals ist der Grossteil der Kunden und der Mitarbeitenden weiblich. Diese auszuschliessen, ist auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr klug.

Trotzdem sind erst knapp 15 Prozent der Schweizer Führungskräfte weiblich. Nun die Gretchenfrage: Befürworten Sie eine Frauenquote in Unternehmen?

Das ist ein schwieriges Thema. In gewissen Situationen wäre eine solche hilfreich.

In welchen?

Noch heute gibt es Firmen, in denen Frauen bei Beförderungen aus Nachlässigkeit oder absichtlich übergangen werden. Selber habe ich dies zwar noch nie erlebt, aber die Tendenz ist vorhanden. Auf der anderen Seite könnte eine Quote dazu führen, dass Frauen an Positionen kommen, für die sie schlichtweg nicht qualifiziert sind.

Gibt es Branchen, in denen es Frauen besonders schwer haben?

Ich denke nicht. Die Frauenfreundlichkeit eines Betriebs hängt von den Persönlichkeiten darin ab. Je souveräner und kompetenter ein Chef ist, desto eher sieht er Potenzial in seinen Angestellten.

Passiert es, dass Sie von männlichen Angestellten nicht ernst genommen werden, weil Sie eine Frau sind?

Das nicht. Aber es gab auch schon Männer, die erschraken, weil ich solide Leistungen fordere. Sie schätzten mich vielleicht als lieben, netten Muttertyp ein, der Harmonie sucht.

Wie kommen Sie mit der Männerlastigkeit in der Finanzwelt klar?

Gut. Schon im Gymnasium und während des Physikstudiums war ich als Frau in der Unterzahl. Dadurch habe ich ein Stück weit auch die Umgangsformen der Männer angenommen.

Wie zeigt sich dies?

Im Ton und in der Direktheit. Habe ich eine klare Meinung, dann äussere ich diese. Stösst sie auf Gegenwehr, dann beeindruckt mich dies nicht sonderlich. Im Gegensatz zu vielen Frauen scheue ich Konfrontation nicht.

Hatten Sie Karrierefrauen in der Familie als Vorbild?

Nein, gar nicht. Im ländlichen Uri, wo ich herkomme, gab es dies nicht.

Müssen Sie sich als Frau täglich behaupten?

Das müssen Männer auch. In einer Führungsposition muss man jeden Tag zeigen, dass man die Zügel in der Hand hat.

Wann wussten Sie, dass Sie Karriere machen wollen?

Den Drang, Chefin zu werden, hatte ich nie. Eine Motivation war eher, dass ich mitgestalten wollte. Wenn ich etwas mache, dann will ich den Weg zum Ziel mitbestimmen können.

Sie haben keine Kinder. Mussten Sie sich bewusst gegen eine Familiengründung entscheiden?

Nein, eine Entscheidung war es nicht. Das Bedürfnis nach dem Muttersein war nicht so ausgeprägt, aber auch die Option darauf hat sich nicht aufgedrängt. Das mag atypisch sein, aber Arbeiten reizt mich mehr als Familie.

Ein Mann, der in seiner Arbeit aufgeht, erntet Bewunderung. Auf welche Reaktionen stossen Sie?

Keine explizit Negativen. Doch ich denke, dass viele es für nicht normal halten, wenn eine Frau ihr Leben der Karriere widmet. Es ist mir aber auch wichtig zu betonen, dass ich grossen Respekt für die Arbeit von Müttern habe.

Haben Sie viele Arbeitskolleginnen, die Mütter sind?

Nein. Es hat auf meiner Ebene nur wenig Frauen und unter denen sind nicht viele Mütter.

Würden mehr Möglichkeiten auf ausserfamiliäre Betreuung zu mehr Frauen in Kaderpositionen führen?

Ich denke ja. Aber ich finde nicht, dass dies primär die Aufgabe des Staates ist. Firmen oder auch Familien sollen sich vermehrt organisieren und private Kinderkrippen lancieren.

Nun werden Sie für Ihr erstes Verwaltungsratsmandat bei der Luzerner Kantonalbank vorgeschlagen. Wie kam es dazu?

Ich wurde von einem Headhunter angefragt. Mein Dossier wurde vorselektioniert, anschliessend konnte ich mich beim Personalausschuss in einem Gespräch vorstellen. In einer zweiten Runde fand ein Gespräch mit dem gesamten Verwaltungsrat statt. Da ging es um meine Ansichten über die Entwicklungen in der Bankenwelt und darüber, was ich ins Gremium einbringen könnte.

Aus Ihrem Mund klingt alles sehr locker und mühelos. Hatten Sie in ihrem Berufsleben auch schwere Momente?

Ich absolvierte zwei arbeitsintensive Studien und auch heute ist der Arbeitsaufwand gross. Aber wenn einem der Beruf Spass macht und man sich dafür interessiert, dann werden die negativen Seiten nicht überhandnehmen.

Ist das ein Ratschlag an eine junge Frau, die Karriere machen will?

Ja. Zudem darf sie sich nicht vom Imponiergehabe ihrer männlichen Kollegen beeindrucken lassen.

Wie meinen Sie das?

Treffen sich fünf Männer, die sich nicht kennen, dient die erste halbe Stunde dazu, sich zu profilieren. Danach besteht eine Art Hierarchie. Viele Frauen lassen sich von diesem Ritual beeindrucken.

Und Sie machen dabei jeweils mit?

Innerlich halte ich es zwar für befremdend, ich mache aber trotzdem mit. Täte ich dies nicht, würde ich nicht gehört. (lacht)