Leichtathletik
Das Limmattaler Liebkind für die Weltmeisterschaften ist eingeschnappt

Die von Limmattalern dominierte Staffel über 4 x 100 Meter darf in wenigen Tagen nicht an die WM nach Moskau fliegen. Die schwachen Leistungen dieses Jahres bewegten die Verantworlichen trotz Qualifikation zum Rückzug.

Raphael Biermayr
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Kein Start für Steven Gugerli und Co.: Zum ersten Mal seit 2005 stellt die Region keinen Teilnehmer an Weltmeisterschaften.keystone

Kein Start für Steven Gugerli und Co.: Zum ersten Mal seit 2005 stellt die Region keinen Teilnehmer an Weltmeisterschaften.keystone

Es war eine Überraschung. Eine Überraschung der unschönen Art. Teamcaptain Steven Gugerli erfuhr am vergangenen Sonntag, dass er und seine Kollegen von der Nationalstaffel über 4 x 100 Meter nicht in wenigen Tagen an die Weltmeisterschaften nach Moskau fliegen werden.

Obwohl sie schon seit dem letzten Jahr dafür qualifiziert waren. Der Grund liegt auf der Hand: Die Leistungen der laufenden Saison waren keine Bestätigung.

Eine Auswahl mit immerhin zwei Kaderläufern – Gugerli (Urdorf) und Rolf Malcolm Fongué (Dietikon) – steht lediglich mit 40,58 Sekunden zu Buche. Das ist an sich ein magerer Wert, und darüber hinaus nicht einmal Saisonbestzeit. Die liegt bei 40,53 Sekunden, aufgestellt von einer Junioren-Equipe.

Luzern als Schicksalsort

Die Voraussetzungen waren alles andere als ideal. Infolge von Verletzungen sowie der Verzichtserklärung der arrivierten Amaru Schenkel und Marc Schneeberger konnte die Staffel nur ein einziges Mal in Bestbesetzung antreten.

Am internationalen Meeting in Luzern verpatzte sie allerdings die Chance auf einen guten Eindruck mit einem Wechselfehler bei der letzten Übergabe. Luzern wurde endgültig zum Schicksalsort.

An den Schweizer Meisterschaften vom vergangenen Wochenende hatten die Staffelläufer die Möglichkeit, sich mittels guter Einzelergebnisse in den Fokus zu rücken. Bis auf den Basler Alex Wilson, der als Einzelstarter ohnehin für die WM qualifiziert ist, scheiterten sie bei diesem Unterfangen.

Weder Gugerli noch Fongué noch dem Unterengstringer Suganthan Somasundaram gelang eine überdurchschnittliche Leistung.

Dass die Bedingungen dafür mit Gegenwind nicht gut waren, lässt Peter Haas, Chef Leistungssport des nationalen Verbands Swiss Athletics, nicht gelten: «Die SM ist der wichtigste Wettkampf der nationalen Saison.

Auf diesen hin müssen die Athleten fokussiert sein und ihre Bestleistung abrufen können. Davon waren die meisten um einiges entfernt.» Die fünfköpfige Selektionskommission entschied sich schliesslich gegen die Meldung der Männerstaffel, dem eigentlichen Liebkind im Verband. Dieses zeigt sich in Person ihres Teamcaptains eingeschnappt. Gugerli kann zwar die Argumentation von Haas nachvollziehen.

«Als Sportler kann ich aber nicht verstehen, warum man uns die Chance nimmt, an einem Grossereignis zu starten. Die damit verbundenen Erfahrungen sind unbezahlbar. Ausserdem hat die Staffel in der Vergangenheit gezeigt, dass sie gerade an solchen Anlässen für starke Zeiten gut ist», sagt er.

Im letzten Jahr lief sie an den Europameisterschaften in Helsinki – mit Schenkel und Schneeberger – in 38,83 Sekunden auf Rang fünf.

«Als wir uns im Herbst mit der neuen Zusammensetzung der Staffel 2013 befassten, trauten wir dieser eine Zeit um 39,0 zu», sagt Peter Haas. Davon ist sie nicht nur wegen der neuen Zusammensetzung weit entfernt. Das war eine Fehleinschätzung.

Haas glaubt nicht, dass das nun abgekühlte Verhältnis Folgen für die Heim-EM 2014 hat. «Wir sind davon überzeugt, dass die Staffel im Letzigrund erfreulich abschneiden wird.» Die aktuelle Massnahme macht in diesem Zusammenhang den Anschein einer Erziehungsmethode:

Die Athleten sollen sich nicht in Sicherheit wähnen wegen früherer Verdienste, sondern ihre Leistung auf den Tag X abrufen können. Und sie sollen sich an ihrem Ehrgeiz gepackt fühlen.

Haas bestreitet, dass es sich um eine Erziehungsmassnahme handelt. Er sagt lediglich: «Wenn sich Steven nun sagt, er will es mir jetzt erst recht zeigen, ist das eine sehr gute Art, damit umzugehen.»

Momentan empfindet Gugerli in erster Linie Enttäuschung. «Man hätte Vertrauen geschaffen, indem man uns an der WM starten lässt», ist er überzeugt.

Keine letzte Chance

Bittere Ironie für den Urdorfer und Co.: Am kommenden Freitag bestreitet die Nationalstaffel im deutschen Weinheim die sogenannte WM-Verabschiedung. Aus Gugerlis Sicht wäre damit die Möglichkeit für eine «letzte Chance» gegeben gewesen.

Peter Haas erklärt, man habe dem internationalen Verband IAAF die Selektionen bis gestern gemeldet haben müssen. Dem Gedankenspiel, die Staffel anzumelden und bei Nichterfüllen der Erwartungen in Weinheim wieder zurückzuziehen, gewinnt der Leistungssportchef nichts ab:

«Einerseits wäre ein solches Vorgehen den Organisatoren, aber auch allen andern WM-Kandidaten gegenüber nicht fair. Andererseits würden wir damit von unseren eigenen Richtlinien abweichen. Das kommt nicht infrage.»