Industrialisierung
Das Limmattal wird zum «Ruhrpott» wider Erwarten

Während der Industrialisierung war vor allem das grosszügige Platzangebot Grund dafür, dass sich Grossbetriebe in der Region ansiedelten. Diese Entwicklung hätten damals nur wenige vorausgesagt, lag doch der industrielle Schwerpunkt in den Städten.

Florian Niedermann
Drucken
Teilen
Platznot in Zürich zwang Betriebe wie das Gaswerk, sich vor den Toren der Stadt anzusiedeln. In Schlieren fanden nun immer mehr Menschen Arbeit in grossen Industriebetrieben, wie diese Gaswerkarbeiter, die um 1910 fotografiert wurden.

Platznot in Zürich zwang Betriebe wie das Gaswerk, sich vor den Toren der Stadt anzusiedeln. In Schlieren fanden nun immer mehr Menschen Arbeit in grossen Industriebetrieben, wie diese Gaswerkarbeiter, die um 1910 fotografiert wurden.

Vereinigung Heimatkunde Schlieren

Im Jahr 1895 stellte in Dietikon die obere der beiden Mühlen an der Reppisch ihren Betrieb ein. Zeitzeuge Jakob Grau schreibt dazu in seinen «Jugenderinnerungen»: «In der Marmori droben entwickelte sich ein emsiger Geschäftsbetrieb. Die Sägen zertrennten die mächtigen Marmor- und Granitblöcke in mehr oder weniger dicke Platten, die von Steinhauern in die geplante Form gebracht wurden, um dann wieder auf den Poliermaschinen glänzend glatt geschliffen zu werden (...). Dieses Klopfen und Kratzen, das Kreischen der Sägen im harten Gestein, das Singen der Diamantfräsen floss zusammen zu einer Sinfonie der Arbeit.»

Obwohl es noch vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, blieb das Marmor- und Granitwerk im Namen des noch heute bestehenden Weihers erhalten. Die «Marmori», wie auch die «Wagi» und das «Gasi» in Schlieren, bezeichnen heute noch Orte, die über Jahrzehnte durch die Anwesenheit einer Fabrik geprägt wurden. Auf diese Weise bleibt eine Handvoll jener Betriebe im kollektiven Gedächtnis erhalten, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Industrialisierung in der Region einläuteten.

Sie brachten in der Folge eine grundlegende demografische, soziale und kulturelle Veränderung der hiesigen Gesellschaft mit sich. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 entwickelten sich insbesondere am linken Limmatufer zuvor landwirtschaftlich geprägte Gemeinden zu Industriestandorten, die aufgrund ihrer Exportgüter teilweise weltweite Bekanntheit erlangen sollten.

Diese Entwicklung hätten damals wohl nur wenige vorausgesagt: Die industriellen Schwerpunkte des Kantons Zürich lagen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Städten Zürich und Winterthur sowie in einzelnen Gemeinden im Oberland und am linken Seeufer. Und tatsächlich waren etwa in Schlieren laut einer Volkszählung aus dem Jahr 1850 unter den 689 Einwohnern noch 140 Landwirte, viele Handwerker und nur gerade
8 Fabrikarbeiter.

Der Grund: Bestimmend für die Ansiedlung von Industriebetrieben waren vor allem schnell fliessende Wasserläufe als Energielieferanten, Wasserwege für den Transport und ein reichliches Angebot an Arbeitskräften. Neben der Limmat war für die Energiegewinnung nur die Reppisch geeignet. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass Dietikon die erste Wachstumsgemeinde der Region war. Als Hemmschuh für die Industrialisierung des Limmattals wirkte ausserdem der Umstand, dass hier die Landwirtschaft den vorhandenen Arbeitskräften noch ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten bot.

Die Volkszählungen von 1905 und 1910 zeigen etwa für Dietikon, wie stark sich die Gesellschaft veränderte: Waren bei der ersten Zählung noch 27 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, so waren es fünf Jahre Später nur noch 10 Prozent. In den 12 Jahren nach 1888 wuchs die Schlieremer Bevölkerung von 766 Einwohnern auf 1670 an. Bestand sie 1836 noch fast ausschliesslich aus Gemeindebürgern, so stammte bei der Jahrhundertwende nur noch jeder Vierte aus Schlieren. Etwa gleich viele Einwohner waren bis dahin aus dem Ausland zugewandert.

Industrie verdrängt Landwirtschaft

Diese demografischen Veränderungen verweisen auf eine starke Wanderungsbewegung, die durch eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsverhältnisse ausgelöst worden war. Bereits 1910 verdienten gemäss einer Volkszählung nur noch
18 Prozent der Bevölkerung im Kanton Zürich ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Dem gegenüber standen rund 55 Prozent, die in industriellen Betrieben arbeiteten.

Im Limmattal und insbesondere in den beiden heutigen Städten Schlieren und Dietikon entstanden bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit der «Rotfarb», der Weberei Syz, der «Marmori», der Leimfabrik Geistlich, der Wagenfabrik Geissberger — aus welcher später die Wagons- und Aufzügefabrik AG herauswuchs — sowie dem Gaswerk der Stadt Zürich industrielle Grossbetriebe. Auch in den Gemeinden Birmensdorf und Urdorf entstanden vor dem Ersten Weltkrieg einzelne Fabriken. So etwa zwei Zwirnereien, eine Glühlampenfabrik, eine Giesserei, die Maschinenfabrik Lips, die noch heute bestehende Sax-Farbenfabrik, die deutsche Sprengstofffabrik «Pulveri» oder eine Schuhcreme-Fabrik. Am rechten Limmatufer gab es bis 1914 lediglich zwei industrielle (Spinnerei-)Betriebe in Oberengstringen und Oetwil. Erstere ging bereits in den 1870er-Jahren wieder ein.

Während sich die Textilbetriebe in Dietikon und Birmensdorf insbesondere wegen der vorhandenen Wasserkraft ansiedeln konnten, entstanden die ersten Schlieremer Betriebe vor allem wegen der Platznot in der Stadt Zürich: Alle drei genannten Unternehmen, die sich dort niederliessen, hatten schon vorher in Zürich bestanden. Doch zwang sie der sprunghafte Anstieg der Nachfrage im Zuge der Industrialisierung, die Betriebe zu vergrössern. Dafür boten die beengten Verhältnisse auf dem Boden der Stadt keinen Raum mehr. In Schlieren bestanden hingegen grosse Reserven an wenig ertragreichem Gemeindeland. Dazu war die Region verkehrstechnisch sehr gut angeschlossen, nachdem die Spanischbrötlibahn Schlieren und Dietikon ab 1847 mit Zürich und Baden verband. Damit konnte das vormalige Manko an Wassertransportwegen kompensiert werden.