Limmattal
Das Limmattal im Jahr 1914 – Die Idylle weicht allmählich der Moderne

Der Gegensatz zwischen bäuerlichem Leben und aufkommender Industrie prägt 1914 das Limmattal – die Limmat trennt die Lebenswelten.

Sandro Zimmerli
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Das Limmattal 1914
5 Bilder
Oberurdorf 1912
Das Bild zeigt die Mühle und den Mühleweiher ca
Die alte reformierte Kirche Schlieren vom Stürmeierhuus aus gesehen
Die Kreuzung Zürcher- Badener- Uitikonerstrasse in Schlieren um 1914

Das Limmattal 1914

Zur Verfügung gestellt

2014: Das Limmattal boomt. Immer mehr Menschen zieht es in die Region, sei es wegen der Arbeit oder um hier zu wohnen. Die rege Bautätigkeit zeugt von dieser Entwicklung. Mit den Zuzügern wächst aber auch das Verkehrsaufkommen. 1914, also vor 100 Jahren, bot sich den Menschen im Tal noch ein ganz anderes Bild. Es gab aber auch erstaunliche Parallelen zur heutigen Zeit.

Einem Zeitreisenden würde als Erstes die damalige Siedlungsstruktur ins Auge stechen. Einen zusammenhängenden Siedlungsgürtel, wie er heute charakteristisch ist für die Region, gab es damals noch nicht. Die Hänge auf den beiden Talseiten waren kaum überbaut. Sie waren gesäumt von Rebbergen, die oftmals reichen Stadtbürgern gehörten.

Städtische Verdichtung war vor 100 Jahren noch kein Thema. Das zeigen auch die Einwohnerzahlen. Das Verkehrsaufkommen auf den Strassen war damals überschaubar, nur wenige Menschen verfügten über ein Auto. Gleiches gilt für die Einwohnerzahl. Während im Bezirk Dietikon mittlerweile knapp 84'000 Menschen leben, weist die Volkszählung von 1910 rund 11'700 Einwohner für die heutigen elf Bezirksgemeinden aus. Mit Ausnahme von Dietikon, Schlieren und Birmensdorf zählte damals keines dieser Dörfer mehr als 1000 Einwohner. Das änderte sich erst ab den 1950er-Jahren.

Mehr Gemeinden als heute

Dazu gesellten sich 1914 auch die Grossgemeinden Altstetten und Höngg, die damals noch eigenständige Ortschaften waren. Beide Dörfer erlebten ab 1850 eine rasante Entwicklung. Bereits um 1900 zählten sie über 5000 beziehungsweise 3000 Einwohner. Sowohl Höngg als auch Altstetten waren in knapp 50 Jahren von Bauerndörfern zu Vororten der Stadt Zürich geworden. 1934 wurden sie eingemeindet und sind seither Stadtquartiere. Gleiches geschah mit Albisrieden. 1914 grenzte also noch keine Limmattaler Gemeinde an die Stadt Zürich. Auch Urdorf existierte vor 100 Jahren noch nicht in seiner heutigen Form. Erst 1930 beschlossen die Einwohner von Nieder- und Oberurdorf, sich zusammenzuschliessen.

Die Region war weitestgehend landwirtschaftlich geprägt. Vor allem in den Gemeinden rechts der Limmat und im Reppischtal dominierten Bauernhäuser das Ortsbild. Die Bauern in diesen Dörfern bewirtschafteten lediglich Kleinstparzellen. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit der Arbeit in den Reben der grossen Weingüter, mit Ackerbau für den Eigenbedarf sowie mit Nebenberufen. Diese fanden sie in den Industriebetrieben links der Limmat. Etwa in den Zwirnereien entlang der Reppisch in Birmensdorf oder in den Fabriken in Schlieren und Dietikon. Auch in Urdorf liessen sich erste Betriebe nieder. Der Grossteil der Menschen lebte dennoch in ärmlichen Verhältnissen.

Während sich am linken Flussufer die Industrialisierung bemerkbar machte, waren auf der anderen Seite kaum Industriebetriebe angesiedelt. Lediglich die Seidenzwirnerei der Firma Bruno Wettstein AG in Oetwil konnte sich etablieren. 1983 endete deren Geschichte nach fast 120 Jahren mit der Sprengung des Fabrikgebäudes. In Oberengstringen scheiterte hingegen der Versuch, Industrie anzusiedeln. Die dort ansässige Baumwollspinnerei der Familie Bebié musste bereits in den 1870er-Jahren ihre Tore schliessen.

Schrittweise Elektrifizierung

Obwohl sich die Situation in den rechtsufrigen Gemeinden in den nächsten Jahren kaum veränderte, ging auch damals schon ein Ruck durch die Region. Die 1908 gegründeten Elektrizitätswerke des Kantons Zürich AG hatten den Auftrag, sämtliche Gemeinden ans Elektrizitätsnetz anzuschliessen, was sie schrittweise auch taten. Eine neue Zeit brach an.

Wie heute befanden sich damals vor allem Dietikon und Schlieren in einem Wandlungsprozess. Die Wagonsfabrik, die Leimfabrik Geistlich und das Gaswerk in Schlieren sowie die Textilfirmen, die Metallgiesserei, das Marmorwerk und die Zementfabrik in Dietikon gaben den beiden einstigen Bauerndörfern ein neues Gesicht. Besonders der heutige Bezirkshauptort hatte am Vorabend des Ersten Weltkrieges eine stürmische Entwicklung hinter sich. In knapp zwei Jahrzehnten stieg die Einwohnerzahl von knapp 1800 auf über 4000 an. Die Menschen, die sich neu in Dietikon ansiedelten, waren Arbeiter, viele von ihnen aus dem Ausland, vornehmlich aus Italien und Deutschland. Auf einen Schlag war die Bauernbevölkerung in der Minderheit. Zwar erlebte Dietikon zwischen 1950 und 1970 eine noch rasantere Bevölkerungsentwicklung, der soziale Charakter der Gemeinde änderte sich allerdings nicht derart radikal, wie das vor 100 Jahren der Fall war.

Auch in anderer Hinsicht war das linke Limmatufer ein boomendes Gebiet. Obschon eine Autobahn, die das Tal durchschneidet, ein Rangierbahnhof, der Lärm verursacht, und Flugzeuge, die über die Region hinwegfliegen, 1914 noch Zukunftsmusik waren, gab es bereits Vorboten der kommenden Verkehrsentwicklung. Die Spanischbrötlibahn, die Baden mit Zürich verband und in Dietikon einen wichtigen Halteort hatte, war schon seit 1847 in Betrieb. Auch die Limmattal-Strassenbahn existierte bereits. Sie verkehrte von Altstetten über Schlieren nach Dietikon. Zudem fuhr sie ab Schlieren via Unterengstringen nach Weiningen.

Die Menschen hatten damals auch die Möglichkeit, per Bahn von Dietikon nach Bremgarten zu reisen. An die Zugstrecke Zürich–Zug war auch Birmensdorf angeschlossen. Selbst auf den Üetliberg konnte man vor 100 Jahren bereits mit der Bahn fahren. Ab 1917 existierte sogar ein Flugfeld zwischen Dietikon und Spreitenbach.