Windenergie
Das Limmattal bleibt innovativ

Die Windenergieanlage auf dem Heitersberg, Wasserwirbelkraftwerke in der Reppisch oder E-Autos in Schlieren. An Vorschlägen für eine effektive Energienutzung mangelt es nicht. Die Hürden für die Realisierung sind jedoch hoch.

Nicole Emmenegger
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Das geplante Windrad auf dem Heitersberg

Das geplante Windrad auf dem Heitersberg

Limmattaler Zeitung

Unter dem Titel «Das Limmattal – mein Traumtal» hielt der damalige Energieminister Moritz Leuenberger am Wirtschaftspodium Limmattal 2008 eine Lobrede: Wo das Limmattal früher Avantgarde in der Shoppingwelt gewesen sei, dürfe es heute als «Pionier der Nachhaltigkeit» bezeichnet werden. Das werde sich auszahlen – gerade im Bereich Energie, so Leuenberger.

Er sollte recht behalten: Inmitten der Debatte rund um den Schweizer Atomausstieg steht das Limmattal mit zahlreichen realisierten Alternativenergie-Projekten in einem guten Licht da. Die grösste Photovoltaik-Anlage im Kanton Zürich ist auf dem Dach des Coop Silbern in Dietikon installiert. Die Dietiker Traditionsfabrik F. Hunziker und Co. produziert ihre Bonbons mit Energie aus dem Kehrichtheizkraftwerk Limeco, und im Biomassekraftwerk der Firma Richi AG in Weiningen entsteht aus Altholz Strom (siehe auch die bisherigen Folgen der Serie «Atomausstieg: Alternativenergie im Limmattal»).

Auf diesen Errungenschaften ausruhen mag man sich indes in der Region nicht. «Der Erneuerungswille ist im Limmattal ungebrochen», hielt Energieminister Leuenberger 2008 in seiner Rede fest. Ebenfalls zu Recht: Pläne für die Nutzung nachhaltiger Energie existieren viele – darunter Grossprojekte wie die Umwelt-Arena in Spreitenbach, die im Sommer 2012 eröffnet werden soll. Auf dem Dach der Event- und Ausstellungshalle wird derzeit das grösste gebäudeintegrierte Solardach der Schweiz gebaut. Ein weiteres Grossprojekt: Der entstehende neue Stadtteil Limmatfeld in Dietikon wird ab Herbst 2011 vom Kläranlageverband Limmattal (KVL) und von den EKZ via Fernwärmesystem mit Abwärme aus Abwasser beheizt. Für andere Alternativenergie-Projekte im Limmat-tal ist der Weg bis zur Realisierung hingegen noch länger und teilweise auch steiniger:

Windrad im Gegenwind: Paradebeispiel für ein Projekt mit grosser Symbol- und Sprengkraft ist die geplante Windenergieanlage in Remetschwil, auf dem Heitersberg hoch über dem Limmattal. Das Windrad mit einem Rotordurchmesser von 82 Metern soll mit dem erzeugten Strom rund 1000 Haushalte versorgen können. Das Problem: Eine Ausnahmebewilligung ist nötig, weil der geplante Standort gemäss Richtplan des Kantons Aargau in einer «Landschaft von kantonaler Bedeutung» liegt. Die Windrad-Initianten betonen, dass der Heitersberg trotz dieser Schutzzone mit seinen Hochspannungsleitungen keine unberührte Landschaft mehr darstelle. Das Argument überzeugt die Gegner der Anlage nicht: 42 Einsprachen gingen gegen das 2010 eingereichte Baugesuch ein – darunter eine Verbandseinsprache von Pro Natura Aargau. Laut Theres Meier-Wettstein, Geschäftsführerin der Bauherrin Mittelland Windenergie GmbH, erwarten die Initianten bis Ende August einen Entscheid der Gemeinde Remetschwil und des Kantons Aargau. «Wenn die Bewilligung da ist, könnten wir die Anlage innerhalb eines Jahres realisieren», so Meier-Wettstein.

Wirbel um Wasserkraft: Bis auf weiteres auf Eis gelegt sind derzeit die Pläne für ein Kleinwasserkraftwerk am Klosterkanal in Unterengstringen. 2009 informierte Gemeindepräsident Peter Trombik, dass sich eine Firma für diesen Standort interessiere und technische Abklärungen im Gange seien. Inzwischen hat diese Firma ihre Pläne sistiert, wie Trombik sagt: «Das Unternehmen hat dem Gemeinderat mitgeteilt, dass sich die Verhandlungen mit den kantonalen Behörden zäh gestalteten.» Bereits zuvor hätten durch die Gemeinde veranlasste technischen Prüfungen ergeben, dass der Wasserstand im Kanal über die Jahre abgesunken sei und künstlich erhöht werden müsste. «Unvernünftig wäre ein Kraftwerk an diesem Standort nicht. Der Gemeinderat würde einer solchen Nutzung positiv gegenüberstehen», sagt Trombik. Das Scheitern zahlreicher Naturstrom-Projekte ärgere ihn: «Auch wenn man nach der Fukushima-Katastrophe viel über alternative Energien gesprochen hat: Im Alltag passiert leider nach wie vor wenig», so der Gemeindepräsident. Massive Forderungen von Umweltschutzgruppen würden vieles bereits im Anfangsstadium «abwürgen».

Auch im Fall der Reppisch ist noch ungewiss, ob ihr Wasser je für die Stromproduktion genutzt wird – entsprechende Ideen existieren allerdings. Die Reppisch ist einer der Flüsse im Kanton Zürich, an denen die kantonale Baudirektion derzeit mögliche Standorte für Kleinwasserkraftwerke näher prüft. Zudem hatte der Dietiker SP-Gemeinderat Peter Wettler 2010 in einem Postulat den Einbau von so genannten Wasserwirbelkraftwerken in Dietikon angeregt. Diese seien umweltfreundlich und könnten von Fischen gefahrlos passiert werden, schrieb Wettler. Der Stadtrat stellte in seiner Antwort auf das Postulat aber die Wirtschaftlichkeit eines solchen Kraftwerks infrage: Eine Studie an einem vergleichbaren Fluss habe gezeigt, dass die Stromproduktion nicht rentiere – es sei denn, der Kanton baue und finanziere die Wasserwirbelbecken, um den Fluss für die Fische besser durchgängig zu machen. Ob der Kanton dazu bereit ist, steht noch nicht fest. Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft plant in Zusammenarbeit mit der Stadt Dietikon ein neues Konzept für den Reppischraum. «Wir haben das Anliegen deponiert», sagt der Dietiker Infrastrukturvorstand Roger Brunner.

E-Autos suchen Standort: In der Warteschleife – wenn auch in einer kürzeren – befindet sich momentan auch das Elektromobilitäts-Projekt in Schlieren, das von der Post-Tochtergesellschaft Mobility Solutions AG, der Stadt Schlieren, den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ), der Schlieremer Firma Kamoo AG Electrocars und dem Newtechclub Schlieren getragen wird. Geplant war ursprünglich, dass ab Juli unter dem Namen «eShare» in Schlieren drei bis fünf mietbare Elektroautos für Privatpersonen zur Verfügung stehen. Firmen sollen zudem ganze Flotten von Elektrofahrzeugen inklusive Komplettservice (Reparaturen, Versicherungen, Reifenwechsel etc.) mieten können. Das Angebot sei noch nicht gestartet, sagt Projektleiter Anderas Haruksteiner auf Anfrage. Der Grund: Man suche gemeinsam mit der Stadt Schlieren noch immer nach geeigneten Standorten für die Elektrofahrzeuge. Mitte August, so Haruksteiner, wolle man aber startklar sein. Zum Konzept des Elektromobilitäts-Projekts gehört, dass die Fahrzeuge mit Ökostrom betrieben werden.

Auch wenn einige Alternativenergie-Projekte in der Region auf Hindernisse stossen oder gar aufgegeben werden müssen: Erneuerbare Energie ist im Aufwind. Passend für eine Gegend, in der immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird, erhält das Limmattal noch in diesem Jahr die grösste Batterie der Schweiz. Die Pilotanlage entsteht am EKZ-Standort in Dietikon. Geliefert, installiert und weiterentwickelt wird sie vom Energie- und Elektrotechnikkonzern ABB. Die Batterie kann bis 500 Kilowattstunden speichern, den Strom bei Bedarf ins Netz einspeisen oder von dort beziehen. Ziel dieser Technik ist es unter anderem, eine sichere, regelmässige Stromversorgung zu gewährleisten, wenn Solar- oder Windkraftwerke je nach Wetter mal mehr, mal weniger Strom produzieren.