Lenin, Benito Mussolini, Albert Einstein, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt haben eines gemeinsam: Sie verkehrten im Grand Café Odeon beim Bellevue. Die vielen Intellektuellen und Künstler, die sich hier zum Umtrunk einfanden, haben das 1911 eröffnete Kaffeehaus zu einem legendären Zeitzeugen gemacht.

1973 veröffentlichte der jüdisch-deutsche Schriftsteller Curt Riess ein Buch über das Café, in dem zur Zeit des Zweiten Weltkriegs viele dem Faschismus entkommene Exilanten verkehrten. Riessens Buch «Café Odeon» dient nun als Inspiration für das musikalische Bühnenwerk «Odeon», das im Bühnensaal des Restaurants Weisser Wind im Niederdorf aufgeführt wird. Am 16. Oktober war die Uraufführung, gespielt wird bis 28. November.

Im Stück kommt natürlich auch Fred Tschanz vor, dessen Gastrounternehmen 1972 das «Odeon» übernahm. Bis zu seinem Tod 2012 war er im Familienbetrieb engagiert, zu dem seit 1992 auch das Restaurant Bauschänzli gehört.

Gespielt wird Tschanz von Albert Räss aus Geroldswil. Er ist im Limmattal vielen bekannt, macht er doch seit Anfang der 1970er-Jahre beim Heimetchor Limmiggruess Oetwil-Geroldswil mit, der für sein alljährliches Chränzli mit Gesang und Theater in der Oetwiler Gemeindescheune bekannt ist. Räss, ehemaliger Präsident des Heimetchors, gibt dabei jeweils seine Tenor-Stimme zum Besten. Zudem war er unter anderem lange bei der Männerriege Weiningen dabei. Und bis vor einem Jahr hat sich der ehemalige Kantonspolizist als freiwilliger Rotkreuzfahrer engagiert.

Auf Räss aufmerksam wurde Peter Bachmann vom Verlag Musikalische Bühnenwerke durch einen Zufall. Bachmann, der früher in Schlieren und Dietikon zuhause war, und Räss haben sich vor drei Jahren auf einer Reise nach Wien kennen gelernt, zu der mitunter auch der Besuch einer Operette gehörte. Und so kam Bachmann – der in «Odeon» Albert Einstein und Oberst Ulrich Wille spielt – auf Räss zu. «Er meinte, ich würde Fred Tschanz ähneln und fragte mich daher für diese Rolle an», erzählt Räss. Und fügt an: «Ich musste mir nur noch eine Glatze schneiden.» Zumeist wird diese jetzt allerdings von einem Béret überdeckt.
Schauspiel und Gesang hält fit

Nun steht Räss also mitten im Niederdorf auf der Bühne, für ein Stück über ein Grand Café, das in die Weltgeschichte eingegangen ist. Er bildet sich aber nichts darauf ein. «Es ist kein grosser Unterschied dazu, wenn ich mit unserem Chörli auf der Bühne stehe. Da habe ich auch schon solo gesungen», sagt Räss. Aber er merke, dass er jetzt 81 Jahre alt ist. «Ich habe den Plausch, bin aber ziemlich gefordert», sagt Räss. Und zwar im positiven Sinne: Die Konzentration zu behalten, auch wenn die Enkel in der vordersten Reihe sitzen, sei eine gute Herausforderung, die den Kopf fit halte. Für die körperliche Gesundheit besucht Räss regelmässig ein Fitnessstudio in Dietikon.

Seine Rolle im «Odeon» ist einzigartig. «Ich bin der einzige, der keinen Dialog hat. Als Gastgeber des ‹Odeon› wende ich mich immer an das Publikum», sagt Räss. Er ist zudem einer der wenige, die nur eine Rolle verkörpern. Schauspielerkollege Marcel Höhener beispielsweise muss sich während des Stücks siebenmal umziehen, da er acht verschiedene Personen spielt, etwa Hans Arp, ein Mitbegründer des Dadaismus, den berühmten Chirurgen Professor Ferdinand Sauerbruch und einen Hippie.

Viele Berühmtheiten auf der Bühne

Neben Räss stehen einige Berühmtheiten auf der Bühne. Angefangen beim Sportkommentator Bernard Thurnheer alias Beni national. Dieser spielt einen Stadtführer und «Odeon»-Stammgast. Die Sängerin Ronja Borer, Tochter von Bo Katzman, spielt unter anderem die niederländische Tänzerin und deutsch-britische Doppelspionin Mata Hari sowie die russische Malerin Marianne von Werefkin. Stefan Camenzind, unter anderem bekannt als Ensemble-Mitglied von «Karl’s kühne Gassenschau», spielt mitunter den deutschen Schriftsteller und Kriegskritiker Erich Maria Remarque sowie Dada-Mitbegründer Richard Huelsenbeck. Weiter stehen Ruth Graf, Markus Barth, Florian Reimann, Theo Bünzli und Werner Wintsch auf der Bühne.

Dass der Geroldswiler Limmiggrüessler Albert Räss nun im «Weissen Wind» seine Premiere auf einer Stadtzürcher Bühne hatte, passt ihm bestens, kennt er doch das Lokal noch aus seiner Jugendzeit. «Schon als ich meine Lehre als Elektromaschinenzeichner in der Maschinenfabrik Oerlikon machte, war ich hin und wieder hier anzutreffen», sagt Räss, der ursprünglich aus Richterswil stammt. Als Jazz-Liebhaber genoss er im «Weissen Wind» vor allem die Jazz-Konzerte. So etwa jene der 1952 gegründeten Band The Saints, die im November ihr 66-jähriges Bestehen feiert. Ehe es so weit ist, steht Räss aber noch in Oetwil auf der Bühne: Das diesjährige Chränzli des Heimetchors findet am 2. und 3. November in der Gemeindescheune statt. Albert Räss ist zurzeit im Dauereinsatz.