Oetwil
«Das Lachen ist nie wieder dasselbe wie zuvor»

Solange das juristische Verfahren rund um den tödlichen Unfall im CEVI-Lager andauert, können die Hinterbliebenen Wut und Trauer nicht hinter sich lassen, sagt Psychologin Erica Brühlmann-Jecklin.

Florian Niedermann
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Vor drei Jahren kam es zu einem tödlichen Unfall. (Archiv)

Vor drei Jahren kam es zu einem tödlichen Unfall. (Archiv)

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Frau Brühlmann, ein Urteil zur Schuldfrage im Zusammenhang mit dem tödlichen Unfall vor drei Jahren ist noch immer hängig. Was bedeutet das für die Eltern des verstorbenen Kindes?

Erica Brühlmann-Jecklin: Das Schlimme an dieser Situation ist, dass die Hinterbliebenen ihre Trauerarbeit nicht abschliessen können. Ein erster Abschied erfolgte sicher mit der Beerdigung des Kindes. Aber den inneren Frieden zu finden, ist angesichts des laufenden Verfahrens schwer möglich.

Ist die Schuldfrage für den ganzen Verarbeitungsprozess überhaupt wichtig?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt sicher Eltern, für die Sühne wichtig ist. Nach solch tragischen Unfällen suchen viele aber nicht nach den Schuldigen, sondern versetzen sich auch in die Situation der vermeintlichen Täter, die in diesem Fall ja nicht in böser Absicht gehandelt haben und eigentlich auch Opfer sind. Wichtig ist, dass ein Abschluss gefunden werden kann. Und das ist hier für beide Seiten kaum der Fall.

Wie lange dauert es denn, bis Eltern den Tod ihres Kindes verarbeitet haben?

Der Trauerprozess dauert nicht immer gleich lang. Was ich in der Praxis feststellen konnte, ist, dass die Angehörigen praktisch immer alle Phasen nach Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross durchleben.

Was heisst das?

Es handelt sich dabei um fünf verschiedene Phasen, die Menschen erleben, denen der Tod bevorsteht, die einen Angehörigen verloren oder einen Schicksalsschlag erlitten haben.

Wie laufen diese Phasen ab?

Zunächst sind die Opfer im Schock und wollen ihr Schicksal nicht wahrhaben, dann folgen die Wut- und die sogenannte Verhandlungsphase.

Was muss man sich darunter vorstellen?

In diesem Stadium versuchen Menschen, durch gute Taten oder Gebete eine Verbesserung der Situation zu erreichen.

Wie geht es danach weiter?

Bevor ein schweres Schicksal akzeptiert werden kann, folgt eine depressive Phase. Solange die letzte Stufe - die der Akzeptanz - nicht erreicht ist, kann es immer wieder zu Rückfällen in die Trauer oder Wut kommen. Diese innere Not kann über Jahre andauern, wenn der Schicksalsschlag etwa durch ein laufendes Gerichtsverfahren immer präsent bleibt.

Was raten Sie Menschen, die etwas derart Tragisches erlebt haben?

Als Psychologin erteile ich kaum Ratschläge. Es geht in meinen Sitzungen mehr darum, die Patientinnen und Patienten durch den Trauerprozess zu begleiten und ihnen aufzuzeigen, dass ihre Empfindungen in ihrer Situation völlig normal sind. Wichtig ist, dass man Trauer zulässt und sich dafür die Zeit nimmt, die man braucht.

Am Ende der fünf Phasen steht die Akzeptanz. Doch kann man einen solchen Schicksalsschlag wie den Tod des eigenen Kindes überhaupt vollständig verarbeiten?

In der Therapie antworte ich auf diese Frage oft mit einem Satz, den meine Mutter benutzte, um zu beschreiben, was der frühe Tod ihres Bruders in meiner Grossmutter zurückliess. Sie sagte: «Sie lernte wieder zu lachen, aber es war nie wieder dasselbe Lachen wie zuvor.»