Integration über Generationen

Das kommt auf den Tisch, wenn Kinder und Senioren gemeinsam kochen

Kinder und Senioren kochen gemeinsam im Tageszentrum Dietikon

Kinder und Senioren kochen gemeinsam im Tageszentrum Dietikon

Einmal im Monat besucht die «Spielgruppe plus» das Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon. Hier kochen die Kinder mit Migrationsintergrund gemeinsam mit älteren Menschen.

Er hält den Apfelschnitz fest, sie fuhrwerkt mit dem Messer daran herum, hebelt das Kerngehäuse aus dem Fruchtfleisch und zerlegt den Schnitz nach und nach in kleine Stücke. Dazwischen lachen sie sich an, kichern in einer vertrauten Herzlichkeit. Er, Fritz Nestel, pensionierter Primarschullehrer; sie, Alessia, vierjähriges Spielgruppenmädchen.

Früher an diesem Montagmorgen; draussen im Garten hüpfen die Spatzen auf dem Brunnenrand herum, drinnen, im Tageszentrum des Dietiker Alters- und Gesundheitszentrums Ruggacker, sitzen Fritz Nestel und Franz Eberhart vor ihren Kaffeetassen. Eberhart trommelt mit den Fingern auf der Tischplatte und summt, «Es wott es Fraueli z Märit gah». Die Zeiger der Uhr kriechen langsam auf 10 Uhr zu. Wo wohl die Kinder bleiben? «Die alte Chlöis sind ämu scho doh», sagt Nestel und lacht.

Spielgruppenkinder und Pensionierte singen gemeinsam im Tageszentrum Dietikon

Spielgruppenkinder und Pensionierte singen gemeinsam im Tageszentrum Dietikon

Seit September kommen die Kinder der «Spielgruppe plus» mit ihrer Leiterin Barbara Venezia aus der Schuleinheit Wolfsmatt einmal im Monat für eine gute Stunde im Tageszentrum vorbei. Die Kinder haben alle einen Migrationshintergrund, haben Anfang Jahr teilweise noch kein Wort Deutsch verstanden, geschweige denn gesprochen. Jetzt sitzen Alessia, Betül, Kalthrina und Nehir mit den Senioren vor ihren Küchenbrettchen und rüsten Äpfel, Sellerie und Rüebli, plaudern und singen lauthals «Det äne am Bergli».

«Die gegenseitige Wertschätzung ist extrem hoch; die zwei Generationen nehmen sich, wie sie sind», sagt Karin Neuenschwander, Leiterin des Tageszentrums. Sie glaubt, dass die Erfahrungen, die die Kinder mit den Senioren machen, auf Lebzeiten prägend sind – gerade auch, weil die meisten in der Schweiz ohne Grosseltern aufwachsen. «Diese Kinder werden den Respekt gegenüber älteren Menschen auch als Erwachsene behalten.» Dass das Projekt auch den Kindern Spass macht, bestätigt Spielgruppenleiterin Barbara Venezia: «Die Kinder kommen gerne hierher und erzählen jeweils noch lange, was sie gekocht haben. Sie sind sehr stolz auf sich.»

Kirsche am Ohr, Apfel am Kopf

Es gibt Blumenkohlsuppe zur Vorspeise, «Hörnli und Ghackets» und Salat; grünen, Randen, Gurken und Rüebli. Zum Dessert Apfelmus. Alles frisch zubereitet, das gibt viel zu tun. Aber helfende Hände hat es mehr als genug. Es ist eng in der kleinen Küche, eng und laut, und es riecht nach glasigen Zwiebeln, angebratenem Hackfleisch und frischen Kräutern. Kalthrina hängt sich Kirschen über die Ohren, Betül ist so auf ihre Apfelschnitze konzentriert, dass sie gar nicht merkt, dass ihr ein bisschen Apfel an der Stirn klebt. Und Nehir ist müde, mit abwesendem Blick saugt sie an einem Salzbretzeli.

Mit Alessia und Fritz Nestel haben sich zwei gefunden: Die Rüebli müssen warten, Nestel muss Alessias Apfel festhalten. Plötzlich schreckt er mit entsetztem Gesicht zurück. «Jetzt hesch mer fascht de Finger abgsaget», ruft er und Alessia gefriert das Lachen im Gesicht fest. Doch nur für einen Bruchteil von Sekunden. Dann prusten die beiden wieder los.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1