Das Kloster Fahr und seine Benediktinerinnen können auf eine 888-jährige Geschichte zurückblicken. Am Wochenende findet deshalb eine Jubiläumsfeier statt. Anlässlich der Schnapszahl wird das Leben der Klosterfrauen in einem Buch verewigt, das nicht nur ein katholisches Buch sein soll. «Es geht um verschiedene Lebensformen», sagt Buchautorin Susann Bosshard-Kälin. «Wer sein Herz für das Erzählte öffnet, wird positiv überrascht.» So wie Bosshard-Kälin selbst, als sie sich im Jahr 1983 für eine Ausbildung an der Bäuerinnenschule des Klosters entschied. Die damals 29-jährige verheiratete Journalistin vermutete, dass ihre Bewerbung für die Schule mit höchster Wahrscheinlichkeit abgelehnt würde. «Aber die Schwestern gaben mir eine Chance», sagt die Autorin.

Aus einem Gefühl der Dankbarkeit entstand einige Jahrzehnte später das Buch «Im Fahr», das die Biografie der Benediktinerinnen beleuchtet. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Christoph Hammer resultierten 17 Porträts der insgesamt 20 Schwestern. Die Frauen erzählen aus ihrem Leben und über den Entscheid, sich dem Klosterleben zu widmen. «Für die meisten war es wohl das allererste Mal in ihrem Leben, dass sie so viel über sich erzählten und überhaupt so viel sprachen», schreibt Bosshard-Kälin. Das Projekt, das 120 Gesprächsstunden und ein Jahr Begleitung der Nonnen umfasste, wird ab morgen in Form einer Buch-Vernissage und zeitgleich an einer Open-Air-Ausstellung im Klosterhof präsentiert.

Jede hat eine Meinung

Die erste Nonne, die «Im Fahr» porträtiert wird, ist die 85-jährige Schwester Fidelis. Ihre Haltung ist genauso stark wie überraschend: «Es muss etwas geschehen in der katholischen Kirche. Die Männer fürchten grosse Veränderungen.» Das Thema der Frauen in der Kirche bewege sie. «Die Männer hocken auf ihren Privilegien. Einige sehen, dass man Lösungen finden muss, andere pochen – bewusst oder unbewusst – auf ihre vermeintlichen Rechte. Die Kirche würde anders aussehen, hätten Frauen gleich viel Macht und Möglichkeiten.» Fidelis pflegt einen selbstbewussten, ja feministischen Diskurs, ohne konfrontativ zu wirken, sondern lösungsorientiert im wahrsten Sinn des Wortes. «Die Freiheit, meine geistige Freiheit, gab ich im Kloster nie auf. Ich liess mir nichts aufzwingen», sagt sie im Interview mit Bosshard-Kälin.

Diese ersten Aussagen verleihen dem Buch eine gründliche Tiefe. Spätestens nach der Lektüre des Porträts der Schwester Fidelis wird dem Leser klar, dass das Buch weit mehr als simple Erzählungen über den Klosteralltag beinhaltet. «Im Fahr» stellt offen die Gedanken und Zweifel der Nonnen dar. Wie Schwester Martina schildert: «Ich dachte, hier leben fromme, heilige Frauen. Bis ich merkte, das sind ja Menschen.» Menschen, die gläubig sind. Es kann also kaum überraschen, wenn über Gott und Religion geredet wird. Für konfessionslose Menschen lohnt sich die Lektüre von «Im Fahr» trotzdem, denn es wird nicht gepredigt, sondern sinniert. «Ich denke, unser Leben gleicht einer Wendeltreppe. Es geht aufwärts oder auch runter, aber immer weiter und weiter. Das Leben ist für mich kein Kreis, leben fliesst hin zu Gott, schlussendlich. (...) Meine Sorgen übergab ich im Gebet dem Herrgott», sagt Schwester Matthäa.

Im Fahr. Die Klosterfrauen erzählen aus ihrem LebenSusann Bosshard-Kälin, Fotografien von Christoph Hammer300 Seiten, gebunden, Fr. 39.–Verlag Hier und Jetzt.

Im Fahr. Die Klosterfrauen erzählen aus ihrem LebenSusann Bosshard-Kälin, Fotografien von Christoph Hammer300 Seiten, gebunden, Fr. 39.–Verlag Hier und Jetzt.

Gelassene und humorvolle Momente sind auch in einer Abtei möglich. Schwester Martina erzählt anekdotisch: «Ich war ein Quecksilber, stillsitzen war für mich eine Qual. Grossmutter sagte einmal, ich sei dem Teufel vom Karren gefallen.» Als gute Katholikin ging sie zum Pfarrer. Er tröstete sie: «Ich bin froh, bist du runtergefallen. Stell dir vor, du wärst auf dem Karren geblieben!»

Lachen, Zweifeln und Nachsinnen. Alles findet seinen Platz im einfach gestalteten Alltag der Schwestern. Noch vor fünf Uhr morgens stehen die 20 Frauen auf und bereiten sich für das frühmorgendliche Gebet, die Vigil, vor. Um sechs Uhr frühstücken sie, der Tag schwingt zwischen Ruhezeiten, Gebet und Arbeit. Pünktlich um 18.15 Uhr wird das Nachtessen aufgetischt. Das Abendgebet beschliesst kurz vor 20 Uhr den Tag. Bosshard-Kälin schreibt: «Die benediktinische Einteilung des Tages entspricht dem natürlichen Rhythmus des Menschen. So sind etwa die frühen Morgenstunden von jeher die geeignete Zeit für das Gebet und die Meditation. Die Arbeitseinheiten während des Tages sind nie zu lang, und wenn der Abend beginnt und die Nacht hereinbricht, sind die Schwestern wieder bereit für das Gebet.»

Unsichere Zukunft

Die Lektüre macht deutlich: Was die Schwestern verbindet, ist nicht nur die bäuerliche Herkunft und der Glaube an Gott, sondern das Gemeinschaftgefühl, die Hingabe. Die Frauen haben Bedenken im Bezug auf den fehlenden Nachwuchs an jungen Nonnen. Schwester Fidelis bringt es auf den Punkt, was die Klosterfrauen antreibt: «Wir haben nicht das Recht aufzuhören, zu resignieren. Aus der Tradition heraus haben wir eine Verpflichtung. Es ist bedeutend für die Stadt Zürich und das Limmattal, dass hier seit Jahrhunderten ein katholisches Kloster steht, wo Frauen leben, die an Gott glauben und die beten. Einen solchen Ort muss es auch in Zukunft geben. Wir renovieren doch nicht, damit wir ein Altersheim werden!»

Buch-Vernissage und Open-Air-Ausstellung am Samstag, 1. September, ab 10.30 Uhr im Kloster Fahr. Susann Bosshard-Kälin liest ab 13 Uhr Auszüge aus «Im Fahr». Freier Eintritt.