Die Sonne scheint an die Klostermauern, und aus einem Fenster des Kapellengebäudes winkt eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren. «Hallo, wir sind schon hier!» Es ist Susann Bosshard-Kälin, deren Buch «Beruf Bäuerin» gerade aus der Druckerpresse kam.

Sie plaudert mit Priorin Irene, die es kaum erwarten konnte, das fertige Buch in den Händen zu halten. War es doch ihre Idee, die Ära der Fahrer Bäuerinnenschule, die im letzten Sommer nach 69 Jahren ein Ende fand, mit einer Porträtreihe ehemaliger Schülerinnen ausklingen zu lassen.

Bosshard-Kälin, selbst eine Absolventin und langjährige Medienberaterin für das Kloster, hat für das Buch 13 Bäuerinnen getroffen, die im Fahr die «Schule fürs Leben» besuchten – alte und junge, verheiratete, geschiedene und verwitwete, Bäuerinnen aus Berg und Tal, mit Bio-Betrieb, Hof-Kinderkrippe oder Büffelmilchbetrieb.

Die Autorin hat die Frauen in abgeschiedenen Alphütten, auf Weinbergen und Hühnerhöfen, ja gar auf einer australischen Bananenfarm besucht und sie über ihr Leben als Bäuerin befragt.

Frau Bosshard-Kälin, Sie beschreiben in Ihrem Buch 13 sehr verschiedene Frauen. Was ist ihnen allen gemein?

Susann Bosshard-Kälin: Alle haben während ihrer 20 Wochen in der Bäuerinnenschule nebst der fachlichen Ausbildung auch viel Menschliches von den Schwestern mitnehmen können. Das Leben in der klösterlichen Umgebung hat die Frauen nachhaltig geprägt.

Wie äusserte sich das in ihrem späteren Leben?

Darin, dass sie ihrem Leben positiv gegenüberstehen. Dass sie die Natur schätzen, Schafferinnen sind – wie die Ordensfrauen auch. Dass sie humorvoll sind. Und dass sie Gottvertrauen haben. Das dringt bei den Geschichten immer wieder durch, obwohl nicht alle Porträtierten religiös sind. Auch dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Ich bewundere, wie sie nach Schicksalsschlägen wieder die Kraft fanden, weiterzumachen.

Einige der Porträtierten hatten es tatsächlich alles andere als einfach im Leben. Überforderung, finanzielle Probleme, die falsche Partnerwahl, Empfängnisprobleme oder Marktschwankungen brachten die Bäuerinnen an ihre Grenzen. «Ich habe oft geweint in meinem Leben, aber nie vor den Kindern», zieht etwa Berta Fazit, die in den 1950er-Jahren im fremden Fribourg den Hof bestellt und nebenbei elf Kinder grosszieht, von denen sie zwei noch im Kindesalter verlieren sollte.

Auch Paula musste zwei Kinder zu Grabe tragen; das Abbrennen der existenzsichernden, in den Hof integrierten Sägerei war da im Vergleich noch ein geringes Übel. Schwerer hingegen wog der Brand in Heidis Bauernhaus, der der Familie die Heimat und Lebensgrundlage raubte. So verschieden die Krisen der bodenständigen Frauen, eines ist ihnen gemein: Sie rafften sich wieder auf. Denn die Wiesen wollten gemäht, die Kühe gemolken, die Familien ernährt sein.

Die Älteste im Buch ist 86, die Jüngste 29 Jahre alt. Die Porträts zeigen so auch Veränderungen im Bäuerinnenberuf auf. Was ist heute anders als früher?

Durch die Geschichten habe ich klarer gesehen, dass in den letzten Jahrzehnten ein Riesenwandel in der Landwirtschaft stattgefunden hat. Berta, die 1949 hier zur Schule ging, und Luzia, die im 21. Jahrhundert im Fahr war, haben grundverschiedene Lebensentwürfe. Heute sind die Frauen nicht mehr «nur» Bäuerinnen, sondern haben oft zusätzliche berufliche Standbeine, sei das ein Hofladen, eine Bauernhof-Kinderkrippe oder eine Lehrtätigkeit. Dazu haben die meisten einen andern Beruf gelernt, bevor sie Bäuerinnen wurden. Berta hingegen durfte gar nichts anderes lernen als Bäuerin. Früher war klar: Die Frau kommt auf den Hof. Heute stehen die Frauen zwischen zwei Welten und vor der schwierigen Aufgabe, diese miteinander zu verbinden.

Dafür wurden die Kinder weniger.

Ja (lacht). Heute haben nicht mehr viele elf Kinder.

Wie haben sich die Beziehungen im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Es gab eine Entwicklung hin zu einer partnerschaftlicheren Rollenaufteilung. Die gab es zwar manchmal auch früher schon, doch sie war weniger explizit. Es war etwa nicht denkbar, dass Bauer und Bäuerin zusammen den Pachtvertrag unterschreiben. Das war Sache des Mannes; die Frau arbeitete im Hintergrund. Hier gab es einen starken Wechsel – was auch richtig ist.

Die Beziehungen der Bäuerinnen zu ihren Männern und deren Familien nehmen viel Platz im Buch ein. Kein Wunder, verschmelzen auf dem Hof doch Lebens- und Arbeitswelt in eine. Die meisten Fahr-Absolventinnen haben auf Anhieb die richtige Wahl getroffen – andere, wie etwa Rosmarie, erst im zweiten Anlauf.

Bevor diese im Thurgau mit Werner ihr Glück fand, sorgte sie 1974 im Kloster Fahr aber noch für besondere Aufregung. Was nämlich weder Eltern noch Benediktinerinnen ahnten: Rosmarie war bei ihrem Eintritt in die Bäuerinnenschule hochschwanger. Als eines Nachts die Wehen einsetzten, halfen die Schwestern dem Kind auf die Welt und Rosmarie ins Spital. Auch halfen sie ihr dabei, ihren Eltern mit dem unehelichen Kind unter die Augen zu treten.

Sie sind selbst Absolventin der Bäuerinnenschule, haben aber einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Wie kamen Sie auf die Idee, den Kurs im Kloster zu besuchen?

Ich wohne in einem alten Bauernhaus in einer ländlichen Gegend. Mich hat das landwirtschaftliche Leben schon immer fasziniert. Ich dachte: In der Bäuerinnenschule lerne ich etwas fürs Leben. Und so war es auch. Mir war aber von Anfang an klar, dass ich nicht als Bäuerin arbeiten würde. Ich war damals schon Journalistin und PR-Beraterin.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Bäuerinnenschule?

Es war eine einzigartige Zeit hier. Bei mir sind es jetzt 31 Jahre her und ich brauche jeden Tag etwas, das ich hier gelernt habe.

Die Frauen, die Sie vorstellen, wurden nach ihrer Ausbildung im Fahr alle Bäuerinnen. Doch – gerade in den letzten Jahren – musste das nicht die einzige Motivation für einen Kursbesuch sein.

Nein, da fand eine Veränderung statt. In den letzten Jahren besuchten immer mehr Frauen die Bäuerinnenschule für sich, fürs Leben, als Auszeit – nicht als Vorbereitung auf das eidgenössische Diplom. Auch unsere beiden Töchter, die es gerade noch in einen der letzten Kurse schafften, haben nicht vor, Bäuerinnen zu werden. Damit waren sie nicht allein. Ich hingegen war 1983 noch eine Aussenseiterin unter meinen Mitschülerinnen.

Nun ist die Bäuerinnenschule Geschichte. Was ging damit verloren?

Sehr viel. Hier lernten Frauen Dinge, die man heute in keiner anderen Bäuerinnenschule mehr so lernt. Es herrschte eine einmalige Atmosphäre, die vor allem der Schwesternschaft zu verdanken ist. Es wurde Wissen vermittelt, das schon über Jahrhunderte im Kloster gelebt wird. Die Möglichkeit, an solch einem schönen Ort lernen zu dürfen, war einmalig. Das Kloster Fahr ist eine Oase – man merkt, dass hier gebetet wird. Der Entscheid der Schwestern, die Schule zu schliessen, ist zwar verständlich, aber sehr traurig.

Wieso haben Sie das Buch geschrieben?

Es soll ein Dank an die Schwestern sein. Das Buch ist für mich eine Möglichkeit, ihnen etwas zurückzugeben. Und ich wollte den Bäuerinnen, die weitgehend unbemerkt so fest chrampfen, ein Gesicht geben, für sie einmal den roten Teppich ausrollen.