Das Limmattaler Gewerbe kämpft um seinen Platz im lokalen Wirtschaftsraum. Vor allem das Kleingewerbe, Bau- und Handwerksbetriebe, fühlen sich zusehends als Verlierer des Booms, der die Region in den letzten Jahren erfasst hat. In den Stadtparlamenten von Schlieren und Zürich wurden diese Woche Vorstösse eingereicht, die für Industrie und Gewerbe neue Zonen verlangen, in denen Mietflächen tragbar sind. Auch in Dietikon wurden bereits ähnliche Forderungen laut. Das Anliegen verdient, Gehör zu finden.

Denn tatsächlich läuft die Entwicklung den Bedürfnissen von Industrie und Gewerbe im Limmattal entgegen. Der Bauboom befriedigt vor allem das enorme Bedürfnis im Grossraum Zürich nach Wohnungen und Büroräumen. Die Industriebrachen wie das Rapid- oder das Schellerareal in Dietikon sind oder werden überbaut. Mit Färbi- und Geistlich-Areal in Schlieren geschieht dasselbe. Und das Wagi-Areal wandelt sich zu einem Forschungsplatz für Life-Science-Firmen. Doch gerade die alten Industriebrachen waren und sind Heimat von Kleinproduzenten und Handwerkern. Mancher muss weichen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass nicht nur Limmattaler Betriebe auf Standortsuche sind, sondern Stadtzürcher hinzukommen. Zürichs teure Pflaster treiben sie in die Vororte hinaus.

Klar ist: Alternativen sind rar geworden. Industrie- und Gewerbebetriebe finden in den Neubauquartieren, wo auf einen Sockel, bestehend aus Verkaufslokalen, Wohnungen getürmt werden, kaum Unterschlupf. Die Mieten sind zu teuer. Das Gewerbe für die Mieter zu lärmig. Wo Menschen zusammenrücken, werden sie empfindlich. Wohin also?

Es gibt sie noch die reinen Industrie- und Gewerbegebiete im Bezirk Dietikon. Im Gemeindedreieck Unterengstringen, Schlieren, Dietikon an der Überlandstrasse, im Gebiet Silbern-Lerzen-Stierematt (Dietikon), entlang der Autobahn im Gebiet Ristet-Bergermoos (Urdorf/Birmensdorf), im ehemaligen Gaswerkareal (Schlieren), nur um ein paar zu nennen. Sie werden immer mehr verdichtet. Doch reicht das, um die Situation zu entschärfen? Die Frage bleibt offen.

Kleingewerbe, Bau- und Handwerksbetriebe werden also verdrängt, gar aus dem Limmattal? Damit stünde das Limmattal erneut vor einem Strukturwandel, wenngleich in kleinerem Ausmass? So weit war die Region schon einmal.

Der Niedergang der Industrie in den 70er- und 80er-Jahren traf das Limmattal hart, am härtesten wohl Schlieren. Der spektakulärste Fall war die Schliessung der Wagons- und Aufzügefabrik. Aber auch das Gaswerk, die Textilfärberei oder Sibir schlossen ihre Produktionsstätten. Das Limmattal ging den Weg, den die ganze Schweizer Wirtschaft ging: Es wandelte sich vom Industrie- zum Dienstleistungsplatz.

Die Vorzeichen wurden dadurch umgekehrt. Der Sekundäre Sektor mit Industrie und Gewerbe trägt im Kanton Zürich nur noch 15 Prozent zur Wertschöpfung bei - das ist klein, aber fein. Der Löwenanteil kommt aus dem Tertiären Sektor mit knapp 85 Prozent. Darin dominieren der Finanzsektor, das Immobilienwesen und der öffentliche Sektor, gefolgt vom Grosshandel. Der Primäre Sektor (Landwirtschaft) liegt bei 0,3 Prozent Wertschöpfungsanteil, so die jüngsten Zahlen des Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Im Bezirk Dietikon sind im Sekundären Sektor 9000 Beschäftigte ausgewiesen, im Tertiären 32 000 Arbeitnehmende. Es sind die jüngsten beim Statistischen Amt des Kantons Zürich erhältlichen Zahlen, sie stammen aus dem Jahre 2008, haben sich in den letzten fünf Jahren aber sicher erhöht. Prognosen gehen von plus 29 Prozent Arbeitsplätze und plus 17 Prozent Wohnbevölkerung bis 2030 aus. Die Region hat den Strukturwandel mittlerweile überwunden. Im ehemaligen Wagi-Areal in Schlieren arbeiten heute mehr Leute als zu Glanzzeiten des Industriebetriebs.

Doch die Region sollte sich nicht auf die Anpassungsfähigkeit verlassen. Zu einer Verdrängung von Kleingewerbe, Bau- und Handwerksbetrieben darf es nicht kommen, und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Natürlich hilft die Nähe dieser Firmen zu ihrer Kundschaft erst einmal Wegkosten sparen. Und kurze Wege sind ein Beitrag an den Umweltschutz.

Genauso wichtig ist jedoch ein anderer Punkt. Die Arbeitsplatzsicherheit ist beim Gewerbe grösser als bei Grossfirmen, wo Arbeitsplätze im Allgemeinen leichter verschoben oder schneller gestrichen werden. Das ist in einer Region wie dem Bezirk Dietikon in zweierlei Hinsicht von Vorteil. Erstens, weil hier die Arbeitslosigkeit (aktuell bei 4,2 Prozent) stets über dem kantonalen Mittel (3,7 Prozent) liegt und jeder Arbeitsplatz gebraucht wird.

Zweitens, weil die Bevölkerungsstruktur in Schlieren und Dietikon einen hohen Anteil an Ausländern ausweist. Nicht wenige davon haben handwerkliche oder wenig qualifizierte Jobs, die nicht weniger werden dürfen. Das Limmattal braucht also nicht nur prestigeträchtige Life-Science-Firmen, sondern auch das produzierende Gewerbe, weil dieses die Arbeitslosenquote positiv beeinflusst. Das wiederum stärkt den sozialen Frieden und spart Sozialkosten.

Die Sorgen des Gewerbes, wie diese Woche vorgetragen, sollten ernst genommen werden. Die Region muss ein vitales Interesse daran haben, den Gewerbebetrieben im Limmattal auch in Zukunft eine Heimat zu bieten.