Kurt Gutknecht ist 68. 40Jahre lang war er in einer wichtigen Funktion für die Gemeinde Urdorf tätig: 8Jahre als Schulpfleger, 16Jahre im Gemeinderat als Sozialvorstand, 8Jahre Gemeindepräsident und 8Jahre Standortförderer im Mandatsverhältnis. Neue Beschäftigungen sind ihm nichts Unbekanntes: «Mir wurde es nie langweilig, ich hatte immer wieder neue Herausforderungen.» Eine neue fand er 2006 als Präsident der Baurekurskommission4, welche die nördlichen Gemeinden des Kantons umfasst.

Nun hat Kurt Gutknecht eine neue, grosse Herausforderung angenommen. Der Kanton löste per 1.Januar 2011 die vier Baurekurskommissionen durch das Baurekursgericht ab. Die neue Kantonsverfassung machte dies notwendig. Zwecks Stärkung des Gewaltenteilungsprinzips sei das neue Baurekursgericht administrativ dem Verwaltungsgericht unterstellt und in seiner rechtssprechenden Tätigkeit unabhängig, wie Kurt Gutknecht erzählt. Er wurde zum neuen Präsidenten gewählt.

Präsidium und Abteilung

Weshalb ausgerechnet er, der pensionierte BauingenieurSIA? «Das Baurekursgericht ist ein so genanntes Fachgericht, weshalb neben Juristen regelmässig auch Architekten, Ingenieure, Raumplaner etc. als Mitglieder und Ersatzmitglieder gewählt werden.»

Gutknecht wird neben dem Präsidium weiterhin die Abteilung4 mit den Bezirken Andelfingen, Winterthur, Bülach und Dielsdorf führen. Dass er eine Abteilung ausserhalb seines Wohngebiets und nicht die Abteilung1 mit Dietikon und Zürich führt, hat mit der Befangenheit zu tun, mit der er in gewissen Fällen konfrontiert wäre. Dabei müsste er in den Ausstand treten, was nicht erwünscht ist.

Einigung anstreben

Als Präsident des Baurekursgerichts ist er Vorsitzender der Gerichtsleitung. Er vertritt das Gericht gegen aussen und gewährleistet die Zusammenarbeit mit anderen Behörden. Wieso tut er sich dies als Pensionierter noch an? Gutknecht (lacht): «Für mich ist es eine abwechslungsreiche Aufgabe, in der ich meine Kenntnisse und Erfahrungen aus der Baubranche und den politischen Tätigkeiten anwenden und einbringen kann. Zudem kommt mir in vielen Fällen meine Ausbildung als Mediator zugute.»

Kurt Gutknecht ist und war stets ein ausgeglichener, freundlicher Mensch. Da fällt es leicht, ihm sein Credo bei der Behandlung von Baurekursfällen abzunehmen. «Ich versuche in den Fällen, wo ein Augenschein stattfindet, nach Möglichkeit unter den Parteien eine Einigung herbeizuführen, um die nachbarschaftlichen Beziehungen möglichst wenig zu belasten.» Dies gelinge ihm recht häufig. «Wenn es nämlich zu einem Urteil kommt, gibt es Gewinner und Verlierer. Bei einer Einigung hat man das nicht. Da kommt mir meine Vermittlungsfähigkeit zugute.»

Gericht ist die erste Instanz

So hatte er im Verlaufe seiner Tätigkeit schon einige Erfolgserlebnisse: «Vielfach stellt man fest, dass Nachbarn schon seit Jahren im Streit leben. Wenn es gelingt, beim Augenschein einen Interessenausgleich zu erreichen, können Probleme oft zur Zufriedenheit der Beteiligten gelöst werden. Das sind dann Erfolgserlebnisse.» Und wenn nicht? «Wenn die Parteien einen Entscheid wollen, dann bekommen sie ihn selbstverständlich. Dafür sind wir ja auch da. Verhandlungen sind immer ein Angebot; die Parteien entscheiden, ob sie es annehmen wollen.»

Das Baurekursgericht behandelt pro Jahr im ganzen Kanton seit über einem Jahrzehnt regelmässig 1000 Fälle pro Jahr, was pro Abteilung rund 250Fälle ausmacht. Das Gericht entscheidet Streitigkeiten aus dem Planungs-, Bau- und Umweltrecht in erster Instanz. Mehrheitlich habe es sich mit der Beurteilung von Rekursen gegen die Erteilung beziehungsweise Verweigerung von Baubewilligungen durch die Gemeinden und kantonale Verwaltungsinstanzen zu befassen, erklärt Gutknecht. Die restlichen Verfahren würden sich im Wesentlichen auf planungsrechtliche Gegenstände und auf den Natur- und Heimatschutz beziehen.

Ab 2011 Übernahme

«Wir behandeln alle Baurekurse im Kanton Zürich. Dies umfasst die ganze Spannweite von Hochhäusern, Einkaufszentren, Grossüberbauungen bis zu Gartenmauern und Plakatstandorten. Auch das Bauen ausserhalb der Bauzone und die Einhaltung der Umweltschutzgesetze gehören dazu.» Ab Mitte 2011 übernimmt das Baurekursgericht alle Rekursfälle der Gebäudeversicherung und, weil das Landwirtschaftsgericht aufgehoben wird, ab Anfang 2012 auch landwirtschaftliche Streitigkeiten.

Als Präsident amtet der Urdorfer als Vorsitzender der Gerichtsleitung, die es vorher mit den Baurekurskommissionen nicht gab. Da werden beispielsweise sämtliche Anstellungen entschieden. Die Einführung von Weiterbildungsprogrammen für Richter, die Zusammenarbeit mit kantonalen Stellen oder anderen Gerichtsbehörden, zum Beispiel dem Verwaltungsgericht, welches die nächsthöhere Instanz ist, gehören ebenfalls dazu. Danach kommt übrigens nur noch das Bundesgericht.

Kurt Gutknecht war bis anhin mit 25Stellenprozenten belastet. Das Präsidium nimmt weitere 3Prozent ein. Immerhin steht er einem Betrieb mit ca. 60Mitarbeitern vor: Richtern, Ersatzmitgliedern, Juristen und Administrativpersonal. «Für mich ist das ein Traumjob. Ich werde durch stets neue Problemstellungen herausgefordert und habe häufig Kontakte mit Vertretern der Gemeinden und Bauherrschaften. Auf Ende 2012 werde ich allerdings aufhören. Dann bin ich 70.»