Kirche
Das ist der neue reformierte Pfarrer in Birmensdorf

Der neue reformierte Pfarrer der Gemeinde Birmensdorf Marc Stillhard-Hochuli überrascht im Gespräch mit der az mit seiner erfrischenden, religiösen Offenheit.

Nicole Emmenegger
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Geht den Dingen gerne auf den Grund: Marc Stillhard im Wohnzimmer des Aescher Pfarrhauses. nem

Geht den Dingen gerne auf den Grund: Marc Stillhard im Wohnzimmer des Aescher Pfarrhauses. nem

Limmattaler Zeitung

Das Sitzungszimmer im Aescher Pfarrhaus gibt bestens Auskunft über die Weltanschauung von Marc Stillhard-Hochuli, der am 18. September die Ergänzungspfarrstelle der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Birmensdorf-Aesch antritt: Zuoberst auf dem weissen Bücherregal steht eine ledergebundene Bibel. Weiter unten befinden sich zahlreiche Werke über das Judentum, über die Psychologie nach C.G. Jung, über Sekten, über die Weltreligionen. Die Offenheit gegenüber anderen Kulturen zeigt sich auch in der asiatischen Teekanne auf dem roten Sideboard.

«Ich finde absolute Wahrheitsansprüche verwerflich», sagt der 34-Jährige, der auf einem weissen Sessel Platz genommen hat. «Auch wenn Jesus Christus für uns Christen eindeutig der richtige Weg ist: Die anderen grossen Weltreligionen haben ebenfalls einen Zugang zum Göttlichen. Unser Herz spürt das, bevor es der Kopf eingestehen kann.»

«Reaktionen waren rührend»

Das Herz hat den bisherigen Pfarrstellvertreter Stillhard auch in eine Ehe geführt, die in früheren Zeiten undenkbar gewesen wäre: Seine Frau Adrienne Hochuli Stillhard ist katholische Theologin und arbeitet als Pastoralassistentin für die Pfarrei St.Theresia in Zürich-Friesenberg. Mit ihr gestaltete Stillhard den diesjährigen ökumenischen Auffahrtsgottesdienst in Aesch, der viele neugierige Besucher anzog: «Über hundert Leute kamen, und ihre Reaktionen waren rührend», erinnert er sich. «Viele leben in einer konfessionell gemischten Partnerschaft und freuen sich, wenn offen gezeigt wird, dass es funktioniert.»

Stillhard scheint in seinem Jahr als Pfarrstellvertreter in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Birmensdorf-Aesch den Draht zu den Menschen gefunden zu haben. «Die Gemeinde hat mich mit offenen Armen empfangen. Auch die Zusammenarbeit mit meinem Pfarrkollegen Carl Schnetzer, mit der Kirchenpflege und den Mitarbeitenden ist ausgezeichnet.» Besonders freut er sich über den «Goodwill» der Jugendlichen, mit denen er unter anderem ein Konfirmandenlager in der Toscana durchführte. «Wenn ich auf der Strasse ehemalige Konfirmanden antreffe, bleiben sie stehen und wechseln ein paar Worte mit mir. Das ist ein schönes Zeichen», so Stillhard.

Er lebt mit der Behinderung

Er versuche, die Jungen in ihrer Alltagsrealität abzuholen und ihnen so die religiösen Botschaften näher zu bringen. An die Sorgen der Teenager kann er sich gut erinnern: an die Angst, dass die eigene Leistung oder das eigene Aussehen nicht gut genug ist. «Ich vermittle ihnen die befreiende Einsicht: Es gibt immer jemanden, der dich schön findet, noch bevor du dich selber schön gemacht hast – seien es die Eltern, eine Freundin, letztlich Gott.»

Stillhard selbst kennt das Gefühl, nicht perfekt zu sein: Er ist hörbehindert. Beim Gespräch im Sitzungszimmer fällt auf, dass er ab und zu eine Frage nicht versteht. «Natürlich spüre ich meine Behinderung im Alltag und andere merken es mir auch an», sagt er. Am Anfang seines Theologiestudiums habe er nicht gewusst, ob er mit seiner Hörbehinderung überhaupt Pfarrer werden könne. Bei einem halbjährigen Praktikum in Zürich Höngg lösten sich jedoch seine Befürchtungen in Luft auf, dass er den Gemeindemitgliedern nicht genügend Gehör schenken könnte. «Zudem finde ich es sehr wichtig, dass behinderte Menschen in unserer Gesellschaft sichtbar sind und ihren Platz haben, auch an vorderster Front. Das erinnert uns an die nötige Hilfsbereitschaft und Solidarität», sagt Stillhard.

Träume sind das Kerngeschäft

Als Pfarrer wird er nicht nur zuhören, sondern auch reden und verkünden: «Ich möchte den Menschen in den Gottesdiensten, an Beerdigungen, bei Trauungen, an Taufen, in der Seelsorge oder im Unterricht Räume auftun, in denen sie das Heilige spüren.» In einer Zeit, in der die Statistiken den Rückgang der Kirchenmitglieder belegen, solle sich die Kirche auf «ihr Kerngeschäft» konzentrieren: «Sie ist das Haus, das die Träume der Menschen verwaltet: von der Menschenwürde, von der Gerechtigkeit, von der Liebe, von der Bergung des Lebens in Gott. Wichtiger als die vielen Events ist eine klare Botschaft», so Stillhard.

Eine klare Vorstellung hat der neue Pfarrer auch von seiner eigenen Zukunft: Er will den vielen Fragen, die das Leben aufwirft, weiterhin auf den Grund gehen und theologisch reflektieren, statt pfannenfertige Antworten zu liefern. Zudem wünscht er sich, eine Familie gründen zu können, und möchte die nächsten Jahre für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Birmensdorf-Aesch tätig sein. «Ich habe eine lange Ausbildung hinter mir – jetzt ist es Zeit, zu arbeiten.»

Die Pfarrinstallation von Marc Stillhard-Hochuli findet am Sonntag, 18. September, in der reformierten Kirche in Birmensdorf statt: 9.30 Uhr Gottesdienst zum Bettag mit Abendmahl, Auftritt des ökumenischen Singkreises und Installation durch Pfarrer Markus Bayer. Anschliessend Apéro.