Schlieren
Das historische Schlieren: Noch immer trotzt das Dorf der Stadt

Die historischen Gebäude an der Badenerstrasse verweisen auf die Alemannen. Sie zeigen aber auch die aktuelle Stadtentwicklung auf und werden immer weiter zurückgedrängt.

Florian Niedermann
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Noch immer trotzt das dörfliche Schlieren der Stadt
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So sehen die Bauernhäuser Badenerstrasee 12, 18 und 20 bei der Ringstrasse im Zentrum heute aus
Eine Luftansicht der drei Gebäude
Das Haus an der Badenerstrasse 12 wird auch Kafichäschtli genannt Dies wohl deshalb, weil darin wohl Kaffee konsumiert werden konnte, als dieser hierzulande verboten wurde.
Die Badenerstrasse 18 auch zur Höll genannt Im Saal des Gebäudes war fürher eine Schenke untergebracht. Darin muss es dem Namen nach rau zu und her gegangen sein.
Darin ist noch heute ein alter Holzherd und die Feuerungswand vorhanden, obwohl längst eine Einbauküche montiert wurde
Das Gebäude an der Badenerstrasse 20.
Stadtplan Auf diesem Plan ist ersichtlich, wie die neue Verkehrsführung im Schlieremer Zentrum die Platzverhältnisse rund um das Bauernhaus-Ensemble dereinst stark einschränken wird
Ein wichtiges Thema im aktuellen Jahrheft bildet das Zimmermannshandwerk Dieses war bei den Sanierungen historischer Gebäude von grosser Wichtigkeit.
Zimmerleute sorgten in Schlieren auch für kleinere Skandale So verewigte sich Zimmermann Martin Ricklin sich mit seinen Initialen an der Treppe des sanierten Stürmeierhuus.

Noch immer trotzt das dörfliche Schlieren der Stadt

zvg

Sie heissen «Zur Höll», «Kafichäschtli« oder «Trotte»; schon ihren Namen haftet der Geruch des Althergebrachten an. Und auch optisch wirken die historischen Gebäude im heutigen Schlieren wie Findlinge aus längst vergangenen Zeiten, erbaut, um dem Wachstum der Stadt zu trotzen. Erhalten blieben sie nur, weil öffentliche Hand, Kirchen und private Eigentümer sie teilweise aufwendig saniert haben. Der Geschichte dieser Häuser, den handwerklichen Meisterleistungen, die ihre Renovationen bedingten, und den Schwierigkeiten, die dabei amtliche und denkmalschützerische Vorgaben bildeten, widmet die Vereinigung für Heimatkunde ihr aktuelles Jahrheft 2014 (siehe Box).

«Sanieren. Was? Wer? Wozu?»,

Jahrheft 2014. Herausgeber: Vereinigung für Heimatkunde Schlieren. 53 Seiten.

Preis: 18 Franken.

Zu beziehen bei: Stadtbibliothek Schlieren und Auer Augenoptik.

Neben Peter Suter, dem Hauptautor, schrieben darin auch Zeitzeugen wie Architekt José Pujol, Zimmermann Martin Ricklin oder Schulpräsidentin Bea Krebs ihre Sichtweisen auf einzelne Sanierungsprojekte nieder.

In der «Höll» ging es rau zu und her

Den wenigsten Schlieremern bekannt sein dürfte etwa die Geschichte des Gebäude-Ensembles am westlichen Ende der Ringstrasse (Badenerstrasse 12, 18 und 20). Zu seiner Vergangenheit enthält das Jahrheft ein ganzes Unterkapitel. Darin erfahren die Leserinnen und Leser etwa, dass der ehemalige Bauernhof an der Badenerstrasse 18 «zur Höll» genannt wurde. Dies, weil im Gebäude aus dem 17. Jahrhundert einst eine Schenke war, in der es unter den «fahrenden Leuten» sehr rau zu und her gegangen sein musste.

Das Haus «zur Höll» sei ein Beispiel für eine geglückte Gratwanderung zwischen den Forderungen von Heimatschutz und Denkmalpflege sowie den Ansprüchen der Eigentümerfamilie Wetter auf zeitgemässes Wohnen, urteilt Suter im Jahrheft. So bestehen darin zum Beispiel noch heute ein alter Holzherd und die Feuerungswand des ursprünglichen Kachelofens, obwohl schon längst eine moderne Einbauküche installierte wurde. Trotz Umbauten und Renovationen blieben auch die Riegelbaufassade und die Struktur des für Schlieren typischen «Dreisässenhauses» mit seiner am alemannischen Langhaus angelehnten Dreiteilung für Mensch, Vieh und Vorräte bestehen.

Die heutige Situation der drei Gebäude an der Badenerstrasse zeugt gleichzeitig von einer Leidensgeschichte, die eng mit der Entwicklung des Dorfs zur Stadt verbunden ist: Bis 1970 hatten diese Bauernhäuser von der schmalen geschotterten Strasse her ebenerdige Zufahrten und einen gemeinsamen Hofplatz. Mit der Verbreiterung der Badenerstrasse wurde das Strassenniveau um 1,5 Meter angehoben, der Hofplatz verkleinert und das Häuser-Ensemble vom Stadtpark getrennt.

In naher Zukunft wird sich auch der Bau der Limmattalbahn auf diese Liegenschaften auswirken. Denn die Ringstrasse soll dabei bis zur Bachstrasse verlängert und verbreitert werden. Die neue Strasse komme nahe an der Rückseite der Gebäude zu liegen, schreibt Suter: Das bedeute für die dortigen Eigentümer wohl weitere Einschränkungen oder sogar Enteignungen.

Auch Kritiker kommen zu Wort

Das Kapitel zu den drei Bauernhäusern ist nicht die einzige Stelle, an der das Jahrheft Widersprüche aufzeigt. Es kommen darin mehrfach kritische Stimmen zu Wort. So beschreibt Schulpräsidentin Bea Krebs beispielsweise, wie sie als Besitzerin der alten Trotte an der Urdorferstrasse 21 bei der Sanierung des Gebäudes mit teilweise kaum durchschaubaren Entscheiden der Denkmalpflege zu kämpfen hatte.

Und im Kapitel zur Sanierung des Stürmeierhuus schildert der Zimmermann Martin Ricklin, wie er nach getaner Arbeit nach althergebrachtem Brauch seine Initialen an einem Antrittpfosten der Aussentreppe des Gebäudes anbrachte. Architekt José Pujol habe diese wieder entfernen lassen wollen – allerdings erfolglos. «Während der Einweihung stand Herr Pujol deshalb immer vor dem Pfosten, um die Initialen abzudecken», schreibt Ricklin.

Gleichzeitig mit der Herausgabe des Jahrhefts 2014 eröffnet das Schlieremer Ortsmuseum eine Ausstellung zum Thema Zimmermanns-Handwerk. Die Ausstellung ist stark auf Interaktion ausgelegt, sagt Suter, der als Kurator fungierte: «Wir zeigen nicht nur Werkzeuge, Videos und Bilder, sondern wollen das Publikum zum Rätseln und zu praktischen handwerklichen Übungen animieren.»