Wenn Romanie Bolinger von ihrer Leidenschaft spricht, beginnen ihre grossen blauen Augen zu strahlen. Mit Eleganz und Leichtigkeit führt sie einige Streichbewegungen in der Luft aus. Ihre «echte» Violine ist verpackt und vor Feuchtigkeit geschützt in einem Koffer. «Meine Geige tönt wunderbar», erklärt die Uitikerin am Ufer des Zürichsees in der Nähe der Tonhalle. Die Violine des neapolitanischen Geigenbauers Ferdinando Gagliano besitzt sie nun seit drei Jahren. Es sei zwar nicht ganz einfach, darauf zu spielen – doch genau das ist es, was die 25-Jährige am Geigespielen liebt: «Ich bin ständig auf der Suche nach dem perfekten Ton.»

Ob leicht, eher brillant, tiefgründig oder voluminös, «an der Klangfarbe kann man bis ans Lebensende feilen», weiss Bolinger. Für eine Geigenspielerin sei daher viel und gut Üben das Wichtigste. Viel und gut geübt hat sie auch für ihren bevorstehenden Auftritt: Am Sonntagabend tritt sie anlässlich des Benefizkonzerts des Zakhar Bron Chamber Orchestra in der Tonhalle in Zürich auf. Am Konzert wird sie nicht nur ein Intermezzo des französischen Komponisten Jules Massenet spielen, sondern auch in einem Bach-Doppelkonzert mit der Konzertmeisterin des Basler Sinfonieorchesters Soyoung Yoon zu hören sein. Dirigiert wird das Konzert vom russischen Geigenprofessor Zakhar Bron.

Bei ihm hat sie an der Zürcher Hochschule der Künste ein Bachelorstudium und zwei Masterstudiengänge absolviert. «Für mich ist es ein Traum, ein Solo spielen zu können», sagt Bolinger. Denn das Orchester vereint Brons beste Studenten und seine ehemaligen aus den Hochschulen Köln, Madrid und Zürich.

«Zakhar Bron lehrt eine Technik, die beim Geigespielen viele Möglichkeiten zulässt», sagt sie. Es sei wie ein Rezept für ein Kochgericht, das auf verschiedene Arten zubereitet werden könne. Der berühmte Professor sei für Bolinger «ein Glücksfall» gewesen. Bald wird sie wieder von ihm unterrichtet. Denn sie hat vor, einige Meisterkurse in Brons Akademie in Interlaken zu besuchen. «Ausgelernt habe ich nicht. Es liegt noch viel Arbeit vor mir», sagt die 25-Jährige, die seit Studienabschluss im Tonhalle Orchester ad interim in den ersten Violinen spielt.

Sportverletzung war «Erlösung»

An Entschlossenheit und Ehrgeiz hat es ihr nie gemangelt. Bereits als Vierjährige wusste sie, dass sie «immer alles super machen» will: Ob als Geigenspielerin oder Balletttänzerin — die Limmattalerin schlug beide Wege ein. So kam es, dass die Stundenpläne des Kunst- und Sportgymnasiums Rämibühl, der Ballettschule des Zürcher Opernhauses und die Geigenstunden während vieler Jahre den Alltag diktierten. Sie wurde von allen Seiten gefördert, der Druck wurde grösser und grösser. Zudem realisierte Bolinger, dass sie nur noch «voll und ganz» Geige spielen wollte. Doch sie hatte den Mut nicht, dies den Verantwortlichen der Ballettschule mitzuteilen. «Sie wussten auch gar nicht, dass ich ein Instrument spiele», sagt sie.

Mit 17 Jahren, zwei Jahre vor der Matura, kamen die ersten Abnützungserscheinungen: Bolinger erlitt mehrere Leistenbrüche und hatte Knorpelrisse in der Hüfte. Die Ärzte sagten ihr, dass sie mit dem Hochleistungssport aufhören müsse. «Das war für mich eine grosse Erlösung», erklärt sie zurückblickend. Denn jetzt hatte sie einen handfesten Grund, mit dem Ballett aufzuhören. Dann ging alles ganz schnell: Ein Vorspielen vor Experten des Gymnasiums und der Zürcher Hochschule genügte; sie konnte von der Sport- in die Musikklasse wechseln. Sie büffelte ausserhalb der Schulstunden und holte in kürzester Zeit die verpasste Musiktheorie nach.

Die Disziplin kommt vom Ballett

Die Entscheidung, nicht von Anfang an auf die Musik zu setzen, hat sie nie bereut: «Die Haltung, die Disziplin und das Umgehen mit der Bühne kommen vom Ballett», sagt Bolinger. Zwar sei sie vor Konzerten stets nervös, doch sobald sie die Bühne betrete, sei alles wie weggeblasen. Das Glücksgefühl, das sie verspürt, wenn sie im Orchester sitzt, sei unbeschreiblich. Und wenn Romaine Bolinger hört, wie der Saal mit schöner Musik gefüllt wird und sie ihren Teil zum Gesamtklang des Orchesters beitragen darf, erfüllt sie das «mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl».

Benefizkonzert Zakhar Bron Akademie. Sonntag, 6. Juli, 17 Uhr, Tonhalle Zürich.