Dietikon
Das gibt Ärger: Villa-Abbruch erfolgte nicht im Einvernehmen mit der Stadt

Die am Abbruch einer Villa beteiligten Firmen werden verzeigt– davon betroffen ist auch der Architekt und Gemeinderat Lucas Neff.

Gabriele Heigl
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Die Villa Simon war kurz davor, in die Inventarliste der schutzwürdigen Bauten aufgenommen zu werden. Am letzten Freitagvormittag wurde das Gebäude aus dem Jahr 1929 abgerissen.

Die Villa Simon war kurz davor, in die Inventarliste der schutzwürdigen Bauten aufgenommen zu werden. Am letzten Freitagvormittag wurde das Gebäude aus dem Jahr 1929 abgerissen.

ZVG & GAH

Nach zweieinhalb Stunden war die Villa Simon an der Römerstrasse 2/Ecke Badenerstrasse Geschichte. Am letzten Freitag um 8.30 Uhr begannen die Mitarbeiter der Abbruchfirma Richi AG aus Weiningen mit ihrer Arbeit an dem alten Gebäude, um 11 Uhr war kein Stein mehr auf dem anderen.

Was zu diesem Zeitpunkt schon feststand: Der Abbruch war nicht rechtmässig und hätte daher nicht erfolgen dürfen. Nun muss geklärt werden, inwieweit Bauherrschaft, Architekt und Abbruchunternehmen sich in der Sache schuldig gemacht haben. Die Stadt hat bereits einen Rechtsbeistand hinzugezogen und bereitet die Verzeigungen vor.

Der Fall ist von gewisser Brisanz, ist doch mit Lucas Neff nicht nur ein örtlich bekannter Architekt involviert.

Lucas Neff, Architekt

«Ich habe Kenntnis davon, dass der Abbruch nicht im Einvernehmen mit der Stadt erfolgt ist. Ganz grundsätzlich benötigt ein Abbruch ausserhalb der Kernzone keine Bewilligung.»

Neff sitzt auch seit 2007 als Fraktionsmitglied der Grünen im Dietiker Stadtparlament. Der Redaktion liegen schriftliche Dokumente und mehrere Äusserungen beteiligter Personen vor, nach denen Neff schon seit Anfang Oktober davon unterrichtet war, dass das Gebäude aller Wahrscheinlichkeit nach in die Inventarliste der schutzwürdigen Gebäude aufgenommen werden sollte.

In einem Schreiben der Hochbauabteilung vom 6. Oktober an den Bauherrn, das in Kopie auch an Neff ging, heisst es: «Zurzeit wird das kommunale Inventar der schutzwürdigen Bauten überarbeitet. Die Liste mit potenziellen Objekten sieht auch vor, das Gebäude in der Römerstrasse 2 gegebenenfalls aufzunehmen. Aus diesem Grunde kann dem Abbruch nicht ohne Abklärung der Schutzwürdigkeit zugestimmt werden.»

Statt Villa ein Mehrfamilienhaus

Interessant ist der Fall auch, weil gleich drei Firmen an verschiedenen Punkten der Geschichte als Bauherren auftreten: die CRS Management AG, die Generalista AG und die Dima und Partner AG. Der für die Stadt offizielle Bauherr ist die im Kanton Schwyz ansässige CRS, für die Stefan Creus und Ghaden Gyalzur im Verwaltungsrat sitzen.

CRS ist der Eigentümer der gesamten Parzelle an der Römerstrasse 2 (das Villengrundstück) und 3. Ausser der Villa, die früher dem Fuhrwerker Josef Simon gehörte, befinden sich noch Stallungen auf dem Gelände. Deren Abriss ist unstrittig, ebenso wie die Bebauung dieses Teils des Grundstücks mit zwei sechs- bis achtstöckigen Mehrfamilienhäusern. Anstelle der alten Villa möchte der Bauherr ein drittes Mehrfamilienhaus errichten.

Die Lage des Grundstücks ist insofern besonders, als genau dort einmal die Station «Oetwilerstrasse» der Limmattalbahn zu liegen kommen wird. Gyalzur, der der Stadt Dietikon gegenüber als Vertreter der Bauherrschaft auftritt, ist wiederum Partner der Generalista AG, und Creus ist Partner und Geschäftsführer der Dima und Partner AG (siehe auch Chronologie).

Abbruch auf die schnelle Art

Die Klärung, wer wann was gewusst oder nicht gewusst hat, erweist sich als schwierig; das wird auch das Rechtsverfahren spannend gestalten. Diese Fakten bilden die Ausgangslage: Jakob Richi, Inhaber der Abbruchfirma, wurde schon Ende September von Neff bezüglich eines Abbruchs der Villa angefragt.

Seine Offerte richtete Richi an die Dima AG, die für ihn der Bauherr ist; Richi kennt Creus, den Dima-Partner von früheren gemeinsamen Projekten. Von Creus habe er auch die Anweisung erhalten, die Abbruchsarbeiten auf die schnelle Art zu erledigen, so Richi. Er erinnert sich, dass Creus gesagt hat: «Schau zu, dass das schnell wegkommt.»

Richi: «Wir möchten auch nicht, dass die Nachbarn unnötig lange gestört werden.» Offen bleibt die Frage, warum er die Abbrucharbeiten am 11. November weiterlaufen liess, obwohl am Vortag seine Mitarbeiter, die mit Vorarbeiten im Inneren der Villa beschäftigt waren, von der Stadt des Grundstücks verwiesen wurden. Creus war auch nach mehrmaligen Versuchen der Redaktion nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Lucas Neff gibt sich in der Sache zugeknöpft. Es gehöre sich nicht, dass man sich in einem laufenden Verfahren in der Sache äussere, meinte er. In einer Stellungnahme schreibt er: «Ich habe Kenntnis davon, dass der Abbruch nicht im Einvernehmen mit der Stadt erfolgt ist. Zu den Details kann ich keine Auskunft erteilen, da gemäss dem Telefon vom Bauamt Verzeigungen erfolgt sind.» Er habe am späten Morgen des 11. Novembers vom Abbruch erfahren. Eingegriffen hat er nicht, fuhr auch nicht zum Grundstück.

«Ganz grundsätzlich benötigt ein Abbruch ausserhalb der Kernzone keine Bewilligung», heisst es in der Stellungnahme weiter, der Abbruch müsse lediglich angezeigt werden und nach den gültigen Normen, also nach erfolgter Schadstoffanalyse und entsprechenden Massnahmen erfolgen. Dass das ordnungsgemäss gemacht wurde, war am Freitag die grösste Sorge von Bausekretär und stellvertretendem Leiter der Hochbauabteilung, Beat Frischknecht. Die erforderlichen Unterlagen konnte das Abbruchunternehmen noch am Freitag vorlegen.

Interessant: Das Gutachten des Gebäudechecks auf Bauschadstoffe, den die Firma Arcadis AG im Auftrag von Richi durchführte, ging in Kopie an Neff aber nicht an die Bauherrschaft.

«Es braucht eine Verdichtung»

Auf die Frage, wie er als Architekt und auf Nachhaltigkeit bedachter Grüner über den Abriss denke, meinte Neff, dass die Stadt eine qualitative Verdichtung brauche auch wegen der günstigeren Energiebilanz. «Eine Einfamilien-Villa passt da nicht dazu, gerade auch im Bereich des geplanten Stadtboulevards der Limmattalbahn.» Es brauche zwar Zeitzeugen und ein kulturelles Erbe, aber die Villa sei nun einmal nicht inventarisiert gewesen.

Zur Frage, was der Abriss für finanzielle Vorteile mit sich bringe, könne er nichts sagen. Es sei nicht automatisch so, dass der Abriss eine Wertsteigerung des Grundstücks mit sich bringt. Die geplanten drei Mehrfamilienhäuser würde man auch anders auf dem Grundstück platzieren können.

Was die strafrechtlichen Konsequenzen anbelangt, ist die Stadt noch am Anfang ihrer Abklärungen. Laut Auskunft von Frischknecht liegt in dem Abriss eine Straftat nach dem Paragraphen 340 des Planungs- und Baugesetzes in Verbindung mit Artikel 291 des Schweizerischen Strafgesetzbuches vor. Bei vorsätzlichem Verstoss ist laut Gesetzeslage mit einer Busse bis zu 50 000 Franken, «bei Gewinnsucht» mit Busse in unbeschränkter Höhe zu rechnen.

Denkbar ist allerdings auch eine Abschöpfung des Mehrwerts, also des Zugewinns aufgrund des Abrisses, zugunsten der öffentlichen Hand. Seit Montag gebe es, so Frischknecht, erste Einschätzungen durch einen Anwalt, eine juristische Koryphäe in Sachen Denkmalschutz. Zunächst muss der ganze Vorfall aber noch vor den Stadtrat, der über das weitere Vorgehen entscheiden wird.

Chronologie des Abbruchs

Dass die Villa den Status eines schutzwürdigen Gebäudes erlangen sollte, kam nicht über Nacht:

- Ende September

Architekt Neff trifft sich mit dem Rückbauunternehmer Jakob Richi bei der Villa und bespricht mit ihm deren Abbruch.

- 4. Oktober

Neff beantragt den Rückbau der Villa bei der Stadt, nachdem er mündlich informiert wurde, dass die Liegenschaft eventuell schützenswert ist.

- 6. Oktober

Bauherr CRS Management AG und Architekt Neff werden von der Stadt schriftlich per Einschreiben informiert, dass der Abbruch nicht ohne weiteres erteilt werden kann, da Hindernisse aus planungs- und baurechtlicher Sicht bestünden. Der Bauherr wird aufgefordert, bis zum
31. Oktober mitzuteilen, ob er sein Abbruchgesuch zurückziehen will, oder ob die Schutzwürdigkeit geprüft werden soll.

- 10. Oktober

Bauherr CRS und Architekt Neff reichen ein Baugesuch ein für den Abbruch der Villa und den Neubau eines Mehrfamilienhauses an dessen Stelle. Eine Publikation erfolgt wegen der ungeklärten Schutzwürdigkeit nicht.

- 31. Oktober

An einer Sitzung beim Hochbauamt Dietikon, an der Architekt Neff teilnimmt aber kein Vertreter des Bauherrn, geht es um die Klärung der baurechtlichen Hindernisse, unter anderem den Abbruch der Villa.
Am selben Tag geht ein erster Vorbericht bezüglich der Bauschadstoffuntersuchung per Mail an die Firma Richi und in Kopie an Neff Architektur.

- 1. November

Die Bauherrschaft, dieses Mal die Firma Generalista, bittet um eine Fristverlängerung von zehn Tagen betreffend des weiteren Vorgehens (siehe 6. Oktober).

- 3. November

Eine Begehung des Villengrundstücks findet statt. Teilnehmer sind der Architekt Neff, der Leiter der Hochbauabteilung Peter Baumgartner, der von der Stadt beauftragte Kunsthistoriker Daniel Schulz sowie Daniela Saxer, die Projektleiterin Inventarisierung der Hochbauabteilung. Ein Vertreter des Bauherren ist nicht anwesend.

- 10. November, 15 Uhr

Daniela Saxer beobachtet auf dem Weg zu einer anderen Bauabnahme im Vorbeigehen, dass im Inneren der Villa Abbrucharbeiten durch die Firma Richi im Gange sind. Aufgrund Saxers Intervention stellen die Männer ihre Arbeit ein. Die Hochbauabteilung bereitet den schriftlichen Baustopp vor, der am nächsten Tag durch die Hochbauvorsteherin Esther Tonini hätte verfügt werden sollen.

- 11. November, 8.30 Uhr

Nach Aussage eines Richi-Mitarbeiters beginnt um diese Zeit der Abriss der Villa.

- 11. November, nach 10 Uhr

Architekt Neff erfährt vom Abbruch, nimmt davon Kenntnis, greift aber nicht ein.

- 11. November, 11 Uhr

Aufgrund von Hinweisen aus der Nachbarschaft begeben sich Bausekretär, Bau- und Stadtpolizei vor Ort. Der Abbruch war zu diesem Zeitpunkt schon vollzogen. Der Bagger sei da noch warm gewesen, so Frischknecht. (GAH)

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