Barbara Kohler Gross ist keine Klischee-Imkerin. Erstens ist sie eine Frau. Zweitens ist die Dietikerin von Beruf Psychotherapeutin. Drittens hat sie Angst vor ihren Bienen, die im Bienenhaus im Wald oberhalb des Bauers Fahrni auf Urdorfer Gebiet leben: «Ich bin nervös und deswegen werde ich immer wieder gestochen.» Sie zögert, weil es ihr peinlich ist und erzählt dann doch: «Mindestens einmal pro Saison renne ich aus dem Bienenhaus raus, den Wald hinunter und ziehe in Panik den Schutzanzug aus.»

Barbara Kohler Gross öffnet ihr Bienenhaus auf  Urdorfer Gemeindegebiet.

Barbara Kohler Gross öffnet ihr Bienenhaus auf Urdorfer Gemeindegebiet.

Trotzdem liebt sie das Imkern. Das sagt sie, während sie eine Wabe mit Hunderten Bienen aus dem Bienenkasten nimmt. Daneben brennen Kräuter, sogenannter Imkerrauch, der verhindert, dass die Bienen zur Imkerin fliegen. Die bleiben erstaunlicherweise zum Grossteil auf der Wabe. Kohler Gross sagt: «Imkern ist Psychohygiene». Bei ihrer Arbeit als Psychotherapeutin müsse sie viele Entscheidungen intuitiv treffen. Welche Massnahme am Ende was bewirkt hat, wisse sie häufig nicht. «Beim Imkern ist das anders. Ich schätze die Klarheit. Wenn ich eine Wabe auf den Boden fallen lasse, sind die Bienen am Boden. Die Auswirkungen des Tuns sind sofort zu sehen», sagt die 56-Jährige.

Sie konnte nicht Nein sagen

Es gibt noch einen vierten Grund, warum Kohler Gross keine typische Imkerin ist: Sie hat nicht freiwillig angefangen. Ihr Vater fragte sie vor zwölf Jahren, als er älter und körperlich zu schwach wurde, ob sie sein Bienenhaus übernehmen würde. Es lag ihm sehr am Herzen. «Wer kann zu einem alten Mann Nein sagen?», fragt Kohler Gross rhetorisch. Mindestens 35 Jahre hatte er damals schon geimkert, genau weiss Kohler Gross es nicht mehr. Er war ein Bauernsohn aus dem Kanton Bern und im Herzen Landwirt, hatte aber als ältester Sohn damals keine Erbrechte. «Also blieb ihm das Imkern. Damit konnte er Landwirt sein ohne Land», sagt Kohler Gross.

Im letzten Herbst starb ihr Vater in hohem Alter. Und diesen Frühling verlor Kohler Gross zum ersten Mal vier Bienenvölker, weil sie zu schwach waren oder ihre Königin starb und es im März viel regnete. Sie verknüpft den Tod ihres Vaters und die verlorenen Bienenvölker: «Ich glaube das lag auch daran, dass mir der Vater fehlt.» Er sei geistig immer fit gewesen und ihr mit Rat zur Seite gestanden. Als der Vater gestorben war, überlegte sich Kohler Gross kurz, ob sie die Imkerei aufgeben soll. Heute sagt sie: «Ich würde dieses Hobby nicht mehr hergeben.»

Der Schwarm auf dem Handy

Mit einem Leuchten in den Augen zeigt sie auf ihrem Smartphone Bilder eines Bienenschwarms, den sie vor zehn Tagen eingefangen hat. Ein Schwarm entsteht, wenn ein Volk zwei Königinnen hat. Dann sucht sich etwa ein Viertel des Volks, also bis zu 20 000 Bienen gleichzeitig, eine neue Bleibe. Ein Imker verliert also einen Teil eines seiner Völker, ein anderer fängt ihn ein. «Ohne Bienenhaus kann ein Bienenvolk heute nur noch selten überleben, weil im Wald zum Beispiel tote Bäume schnell weggeräumt werden», sagt Kohler Gross. Der Schwarm, von dem sie nicht weiss, woher er kam, liess sich zufällig an einer Tanne genau neben ihrem Bienenhaus nieder. Kohler Gross: «Das Einfangen ist immer ein sehr freudiges Ereignis.»

Die Bienen bleiben auf ihren Waben (Symbolbild).

   

Während sie das erzählt, schiebt sie bei einem Bienenkasten das Zeitungspapier zur Seite. Hinter einer Glasscheibe herrscht ein unfassbares Gewusel. Im Bienenkasten, 50 Zentimeter hoch, ebenso tief und 20 Zentimeter breit, tummeln sich rund 50 000 Bienen. Die gelben Waben, auf denen die Insekten herumkraxeln, sieht man nicht mehr. Viel mehr ist alles schwarz von den vielen Bienen. Kohler Gross erklärt: «Die meisten sind weibliche Arbeiterinnen. Nur rund 500 der Bienen sind männlich.» Ihre einzige Aufgabe: Fortpflanzung mit der Bienenkönigin. «Man könnte jetzt sagen: schönes Leben. Aber wenn sie nicht mehr benötigt werden, vertreibt oder tötet sie das Volk.»

Bald beginnt die Honigernte. Bis zu 220 Kilogramm schöpft Kohler Gross pro Jahr ab. Einige Gläser gehen als symbolischer Pachtzins an den Besitzer des Landes. «Ich selber esse nur zweimal im Monat Honig», sagt sie. Deshalb verkauft sie den Grossteil im Hofladen Bräm in Dietikon. Ihre vier erwachsenen Kinder und deren Bekannte bekommen ebenfalls Honig, wenn sie beim Imkern helfen. Die Helfer organisieren sich – ganz modern und entgegen dem Klischee – über eine Whatsapp-Gruppe.