Sakura heisst vom Japanischen ins Deutsche übersetzt Kirschblüte. In Oberengstringen war mit dem Wort jahrelang eher ein Zankapfel verbunden. Mit keinem anderen Ort wurde die Gemeinde stärker in Verbindung gesetzt als mit dem einschlägigen Etablissement in einem Wohnquartier am westlichen Dorfende. Das «Sakura Fantasyland» war zu seinen Hochzeiten in den 1990er-Jahren wohl das berühmteste Puff der Schweiz. Immer wieder sahen sich die Einwohner dazu veranlasst, Aussenstehenden zu erklären, dass Oberengstringen weit mehr zu bieten hat als ein landesweit bekanntes Bordell. Das Image blieb jedoch haften. Bis heute.

Doch nun geht diese Ära definitiv zu Ende. Erst kürzlich hat der Gemeinderat der Lang Management AG, die gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, die Baubewilligung für den Umbau des ehemaligen Hallenbades und Erotikklubs erteilt. Im Erdgeschoss sollen vier Wohnungen entstehen. Das Untergeschoss wird zu einer Einstellhalle umgebaut, die durch eine zu erstellende neue Rampe zugänglich gemacht wird.

Partys bei Polterabenden beliebt

In der Gemeinde ist man froh, dass dieses Kapitel, das in den 1980er-Jahren seinen Anfang nahm, nun endgültig abgeschlossen werden kann. Damals wurde das öffentliche Hallenbad, das nicht rentierte, sukzessive um eine Sauna-Landschaft, einen Massage- sowie einem Erotikbereich erweitert. Noch früher residierte in der Liegenschaft an der Märzenbühlstrasse 14 ein japanisches Restaurant, das 1989 sogar vom Gastrokritiker der NZZ aufgesucht und für seine vorzügliche Küche gelobt wurde.

Das «Sakura», in einem eher unscheinbaren Mehrfamilienhaus untergebracht, hat im Laufe der Jahre einige Geschichten geschrieben. In alten Presseartikeln sorgten vor allem die Tutti-Frutti-Partys im Blätterwald für einige Erregung. Für etwas mehr als 500 Franken waren an diesen Veranstaltungen sämtliche Dienstleistungen und Getränke à discretion zu haben. Offenbar erfreute sich das Angebot besonders bei Polterabenden einer grossen Beliebtheit.

Auch Reportagen zu Weihnachten gehörten zum lustvollen Blick hinter die Kulisse. Genüsslich wurde die Inneneinrichtung des Etablissements beschrieben. Von der Discokugel an der Decke über die Wandbemalung, die das Meer und einen Sandstrand zeigte, bis hin zu den Kunststoffpalmen wurde nichts ausgelassen. Herzstück war das Wasserbassin mit einer geschwungenen Holzbrücke.

Die Kundschaft bestand aus eher gut verdienenden Männern. Täglich kamen rund 60 Gäste sowie acht bis zehn Paare. An Weihnachten waren freilich nur etwa halb so viele zugegen. Zur Hausregel gehörte, dass es Sex nur mit Kondom gab.

Trotz dieser Safer-Sex-Doktrin kam es 1994 zu einem unvergessenen Polizeieinsatz. Der damalige Bezirksanwalt Marc Ziegler drang an der Spitze eines grossen Polizeiaufgebotes in das Etablissement ein. Er liess mehrere Personen festnehmen. Ihnen wurde unter anderem Drogenhandel, Kindesmissbrauch, Menschenhandel und die «Verbreitung einer Krankheit» vorgeworfen. Noch in der gleichen Nacht wurden 20 Personen zum HIV-Test abgeführt. Schon bald stellte sich heraus, dass an den Vorwürfen so gut wie nichts dran war. Der Besitzer des «Sakuras», Viktor Lang, und seine Partnerin wurden im Zuge der Aktion per Strafbefehl mit 45 Tagen Gefängnis bedingt bestraft. Erst im Jahr 2000 wurde das Verfahren eingestellt. Der Betrieb des «Sakuras» wurde als legal eingestuft.

Imagegewinn für Gemeinde

Letztmals in die Schlagzeilen geriet das Etablissement vor rund vier Jahren. Dieses Mal wegen eines langjährigen Geschäftsführers, der die Kassen des Bordells um rund 91 700 Franken erleichtert hat. Damit finanzierte er seine Kokainsucht. Vom Bezirksgericht Dietikon wurde er dafür zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt.

Das alles ist mit der Umnutzung des Lokals nun Geschichte. Die wilden Jahre sind vorbei. «Wir sind froh, dass wir jetzt ruhigeren Zeiten entgegenblicken können», sagt Gemeindepräsident André Bender. Im Laufe der Jahre habe es immer wieder Klagen von Anwohnern sowie Bewohnern des Hauses gegeben, die sich am Lärm rund um das Etablissement störten. Für die Bewohner der Liegenschaft sei es gut, dass nun Wohnungen entstünden. Und auch für das Image der Gemeinde dürfte das Ende des «Sakuras» eine gewisse Aufwertung bedeuten. «Es ist nicht das Vorteilhafteste, als Gemeinde über ein berühmtes Bordell definiert zu werden», sagt Bender.