Sonntagsgespräch

«Das Dunkle, das Leiden, das Schwierige ist eine menschliche Realität»

Daniel Wiederkehr: Der Rückzug in die Privatsphäre sei eine Gefahr.

Daniel Wiederkehr: Der Rückzug in die Privatsphäre sei eine Gefahr.

In der Osterliturgie fliessen Themen wie der Umgang mit Leid und Opfern, die Begrüssung des Lichts und die Gemeinschaft ein. Daniel Wiederkehr, reformierte Pfarrer in Dietikon, erklärt, dass Staus und Schokolade an Ostern in den Mittelpunkt rückten, weil sich die Gesellschaft den dunklen Seiten des Lebens verschliesst.

Herr Wiederkehr, Ostern ist das Fest der Schokolade und des Staus in Richtung Süden. Stimmen Sie mir zu?

Daniel Wiederkehr: Dass sich dies in den letzten Jahren manifestiert hat, kann ich sicherlich nicht abstreiten. Zwar ist es schade, wenn das Fest nur darauf reduziert wird, aber ich bin kein Zivilisationsgegner. Auch ich verreise gerne und mag Schokolade.

Für die Christen ist es aber das wichtigste Fest des Jahres.

Ja. Dies, weil die zentrale Botschaft von Ostern darin besteht, dass das Leben stärker als der Tod ist. Alles Leiden und alles Schwierige kann durch eine Transformation in etwas Positives verwandelt werden. Die Kreuzigung Jesus' und seine Wiederauferstehung stehen dafür.

Welchen Wert hat diese Grundaussage für die Menschen von heute?

Heute haben die Menschen zwei Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen. Die eine stützt sich darauf, die negativen Seiten des Lebens zu verdrängen. Trauriges existiert nicht. Dies entspricht nicht der Lehre des Christentums. Wir sagen, dass das Dunkle, das Leiden, das Schwierige eine menschliche Realität ist, ohne die kein Leben auskommt. Weil Gott Jesus in seinem Leid nicht auflaufen liess, gibt auch dies den Menschen noch heute Hoffnung und den Willen, nicht zu resignieren.

Dies wird aber gar nicht mehr mit dem Osterfest assoziiert. Heute sind eher Hasen, Eier und Staus ins Zentrum gerückt.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass sich die Gesellschaft den dunklen Seiten des Lebens verschliesst. Das manifestiert sich auch im Umgang mit dem Sterben. Dies wird nur selten öffentlich thematisiert.

Ostern ist das Ende der Fastenzeit. Welchen Stellenwert hatte der Verzicht bei Ihnen?

Gemeinsam mit 70 Leuten aus den beiden Kirchgemeinden habe ich gefastet und somit keine Genussmittel konsumiert. Dies sah ich jedoch nicht als Verzicht, sondern als Rückbesinnung auf die körpereigenen Heilkräfte. Eine Art Reduktion auf das Wesentliche. Es war eigentlich ein Gewinn, dass man die tägliche Essenszeit von rund drei Stunden mit anderen Aktivitäten, wie Spaziergängen oder Gesprächen verbringen konnte.

Verzicht ist jedoch nur ein Aspekt der Ostermythologie. Auch die Befreiung des jüdischen Volks und heidnische Elemente fanden Einzug.

Die Judenchristen verbanden mit Ostern vor allem den Pessach, die Feier der wundersamen Rettung des jüdischen Volkes durch das Schilfmeer; die Heidenchristen waren in erster Linie an der Auferstehung von Jesus Christus interessiert. Während der ersten Jahrhunderte nach Christus rangen die beiden Strömungen untereinander, welches Ereignis an Ostern im Vordergrund steht. Dabei gehören die beiden Aspekte zusammen: Ostern beginnt mit dem Gründonnerstag, wo das Abendmahl mit Elementen des Pessach gefeiert wird.

Sind diese beiden Ereignisse thematisch verwandt?

Ja. Was das israelische Volk vor Jahrtausenden durchmachte, wiederfuhr Jesus. Er wurde ein Opfer von Gesetzlichkeit und lebensfeindlichen Kräften.

Warum dominieren die erst während der Neuzeit hinzugekommenen heidnischen Symbole des Hasen und der Eier das heutige Osterfest?

Eine zentrale Frage war, wann dieses Fest begangen werden sollte. Erst im Jahr 135 nach Christus entschied man sich, es auf den ersten Vollmond des Frühlings zu verlegen. Dabei wurden die Gestirne bedeutsam. Das deutsche Wort «Ostern» entstammt dem Begriff «Osten», wo die Sonne aufgeht. Der auferstandene Christus wurde als neue Sonne verstanden. Das Fruchtbarkeitssymbol Hase soll die österliche Fülle von Leben ausdrücken.

Welchen Stellenwert hat die Gemeinschaft im ursprünglichen Osterfest?

Ostern beginnt mit einem gemeinsamen Essen am Abendmahlstisch und führt zum Essen der Emmausjünger mit dem Auferstandenen. Diese Gemeinschaft lebt heute in der Form des familiären Zusammenseins. Ich denke aber, dass der Gemeinschaft der Menschen in einem etwas weiteren Sinn gedacht werden sollte. In Südamerika habe ich diese Form des Osterfestes gesehen. Dort entwickelt sich aus dem Religiösen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das durchaus auch eine politische Dimension annehmen kann.

Wie meinen Sie das?

In Südamerika hat das Ertragen von Ungerechtigkeit unter der Herrschaft von Grossgrundbesitzern oder Despoten die Menschen zu einer Gemeinschaft zusammengebracht. Diese kämpft gemeinschaftlich für ein gutes Leben für viele. Ich denke, dass diese grösser gedachte Form von Gemeinschaft, diejenige, die über den eigenen Familienbrunch hinausgeht, gefeiert werden sollte.

Der Familienbrunch ist aber die Form von Gemeinschaft, die hier an Ostern gelebt wird.

Ja. Darin sehe ich eine Gefahr. Das Abkoppeln vom Politischen und der Rückzug in die Privatsphäre tut der Gesellschaft gar nicht gut.

Sie selber sind reformierter Pfarrer, Ihre Familie ist katholisch. Gibt es hier eine Diskrepanz in der Auffassung von Ostern?

Die reformierten Christen haben vielleicht einen gewissen Neid auf die symbolstarken Traditionen der Katholiken. Bei diesen beginnen die Feierlichkeiten mit einem Feuer, meist wird auch eine Taufe vollzogen. Bei uns Reformierten stand eher das Leid Jesu im Zentrum der Feierlichkeit. Aber es ist nicht verboten, voneinander zu lernen. Auch wir feiern schon länger mit einem Feuer und mit einem Brunch.

Nach heute kommt bis Pfingsten die Freudenzeit. Wo setzen Sie persönlich dort Ihre Akzente?

Ich esse und koche gern, verbringe Zeit mit anderen Menschen. Auch liebe ich die Natur und treibe viel Sport.

Schätzfrage: Wie viele Limmattaler sind sich der Thematiken bewusst, die das Osterfest in seiner heutigen Form geprägt haben?

Ich vermute, dass es nicht wahnsinnig viele sind.

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