Langsam falten sich die Flügel des massiven Eingangtores zusammen. Kalte Luft schlägt einem entgegen, kalte, leicht abgestandene Luft. Die Deckenlampen flackern, eine nach der anderen zündet. Zu sehen ist auf den ersten Blick nicht viel; hohe, leere Regale hinter einem grünen Gitter, ein paar Holzkisten, in Folie eingewickelte Geräte. Das ist also das Gubrist-Lager des Universitätsspitals Zürich, kurz USZ, eingegraben im Lärmschutzhügel Weiningen.

Was hier lagert, ist ein Sammelsurium von Mobiliar aus zwei Jahrzehnten Spitalalltag. Kühn wäre zu behaupten, das Gubrist-Lager sei ein kleines Museum; spannend ist es dennoch. So aufgeräumt und doch so durcheinander.

Die Notfallnummer im Lift

Da liegen Lampen, so furchtbar altbacken, dass sie schon fast wieder modern sind. Im gleichen Regal stehen zwei bunt bemalte Plastik-Kühe, eine Personenwaage mit Gewichten, die an einer gefurchten Stange entlang geschoben werden müssen, und rote Gartenstühle. An einem Gitter hängt ein Telefonbuch aus dem Jahr 1982; der guten alten Zeit, als Telefonnummern noch siebenstellig waren. Zwischen den Regalen ist ein Schiffanhänger parkiert, der einen Wand entlang türmt sich säckeweise Streusalz, dahinter ein Haufen hölzerne Lattenroste.

Das Lager zieht sich über drei Stockwerke. Es geht nicht in die Tiefe, sondern nach oben. Im Lift hat jemand mit schwarzem Filzstift eine Telefonnummer notiert, «für Notfälle». Und wie der Lift einem so surrend und ruckelnd nach oben hievt, hofft man, dass es sich bei der Filzstift-Notiz nicht um mehr als reine Vorsichtsmassnahmen handelt.

Im ersten Stock sind die Decken deutlich tiefer und die Luft noch schlechter, leicht süsslich. Kühlschränke stehen hier, Schliessfächer und Schreibtische. Auf jedem Stück klebt eine «Material-Begleit-Etikette», mit Bezeichnung, Herkunft, Standort und anderen Angaben. Alles hat hier seinen exakt bestimmten Platz, zufällig scheint nur die Art des Gegenstandes. «Vor zwei Jahren war hier noch alles voll», sagt Markus Bissegger, Gruppenleiter Warentransport am USZ, und zeigt in den aufgeräumten, halb leeren Raum. «Man hätte ja noch irgendetwas davon gebrauchen können.» Bissegger winkt ab, wer wolle die Sachen denn noch nach einem Umbau? Keiner. «Und deshalb wurde auch ausgemistet», sagt Bissegger. Was noch funktionstüchtig war, ging an Hilfswerke.

Kaninchenstall im Lager

Die Kälte kriecht allmählich durch die Schuhsohlen, zieht die Waden hoch und lässt die Härchen auf den Armen stehen. Wir ziehen weiter, vorbei an Blumentöpfen, Lastwagenreifen, Laufbändern und Kanistern, entlang schachtelweise archivierten Unterlagen und Patientenakten, bis hin zum Lager für Kaninchenställe. Im zweiten Stock lagern die Patientenakten. Meterhohe Berge, wie Schluchten ziehen sich die Gänge da durch. An der Wand hängt eine Uhr, die Zeiger sind um 2 Uhr stehen geblieben. Doch wo ist das Medikamentenlager, das angeblich hier drin sein soll? «Hier gibt es kein Medikamentenlager, das ist wohl ein Gerücht», sagt Viviane Gutzwiller, Kommunikationsbeauftragte des USZ, die den kleinen Trupp begleitet.

Der Lift bringt uns zügiger nach unten, als er uns nach oben gestemmt hat. Bissegger rasselt mit dem Schlüsselbund. «Hier haben wir noch ein kleines Büro», sagt er und sperrt die Tür einer kleinen Baracke auf. «Früher war hier im Lager jemand halbtags angestellt.»

Würfelzucker und Stempelkissen

Ein Schrank, ein Bürostuhl, ein Pult mit Faxgerät und Telefon, an der Wand ein kleiner elektrischer Heizkörper; das Büro ist zweckmässig eingerichtet. Auf der Schreibunterlage liegt ein aufgerissenes Pack Würfelzucker, daneben ein Stempel samtausgetrocknetem Stempelkissen. Ein Datumsstempel, letztmals am 20. August 2004 gebraucht. «Stellen Sie sich vor, wie der arme Kerl hier im Winter gefroren hat», sagt Bissegger und lacht. Tatsächlich, der Gedanke daran lässt einem erneut schaudern.

Nur raus hier, in die Wärme. Hinter uns rastet die orange Flügeltür mit einem wuchtigen Knall im Schloss ein.