Limmattaler Ortskerne
«Das Alte darf nicht zu einer Kulisse verkommen»

Bauen in historischen Ortskernen ist heikel – wie Beispiele aus Schlieren, Dietikon und Unterengstringen zeigen, liegen Erfolg und Misserfolg oft nahe beieinander. Zuoberst stehe der Respekt vor der alten Bausubstanz, sagt Architekt Rémy Baenziger

Alex Rudolf
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Die Sägestrasse war Zentrum des landwirtschaftlich geprägten Schlierens..
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Aus Alt wird Neu - am Beispiel einer Scheune an der Schlieremer Sägestrasse zeigt sich, wie dies gehen kann
Das geschützte Wohnhaus (links) wurde saniert, die Scheune komplett abgerissen
Es entstand ein Gebäude mit denselben Proportionen, welche die Scheune einst hatte
Neu entstand ein Wohnhaus für drei Parteien, das die Erinnerung an die Scheune aufleben lässt
Diese verfügen über überhöhte Räume
Im Inneren entstanden moderne Wohnungen
Noch immer Teilen sich Wohnhaus und die neue Scheune das Dach - wie dies bereits früher der Fall war
Architekt Rémy Baenziger
Auch auf dem Dietiker Kronenareal hätte Neues entstehen sollen
Das Projekt Flussbalkone wurde im vergangenen Herbst jedoch bachab geschickt
Für Architektin Tilla Theus steht fest, dass der Stadtrat auch politische Aspekte in seine Entscheidungen bezüglich des Kronenareals hatte einfliessen lassen müssen
Erfolgreicher war ein Neubau in Unterengstringen - im Sommer soll das neue Gemeindehaus an der Dorfstrasse eröffnet werden
Auch hier stammt das Projekt aus der Feder von Tilla Theus
Mit einer Fassade, die an das Dorfwappen erinnert, will die Architektin erreichen, dass das Projekt zum alten Dorfkern passt
Bauen in historischen Zonen

Die Sägestrasse war Zentrum des landwirtschaftlich geprägten Schlierens..

Ortsmuseum Schlieren

Sie ist wohl einer der idyllischsten Orte auf Schlieremer Stadtgebiet – die Sägestrasse. Um den altertümlichen Brunnen entlang der Kurve gruppieren sich Sitzbänke. Bäume rahmen den mit Pflasterstein ausgelegten Boden und die Häuser – ein. Vieles erinnert an die Bauernvergangenheit der Stadt.

Bis vor kurzem war der Holzbau mit der Hausnummer 10 noch eine Scheune, die sich mit dem dazugehörigen Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert weiter südlich ein Satteldach teilt. Dieses teilen sich die beiden Bauten zwar noch immer und das kommunal denkmalgeschützte Wohnhaus besticht noch immer mit seinen rot bemalten Sichtbalken in der Fassade. Die Scheune ist jedoch nicht wiederzuerkennen. Sie ist einem modernen Wohnhaus für drei Parteien gewichen.

Das Bauen in alten Ortskernen oder bei geschützten Gebäuden ist komplex, gehört im Limmattal, wo wegen des Bevölkerungswachstums verdichtet gebaut werden soll, aber schon fast zur Tagesordnung. Das Beispiel aus Schlieren zeigt, dass Bauherren, Behörden und Architekten eng zusammenarbeiten müssen. Rémy Baenziger von Singer Baenziger Architekten, die für den Neubau anstelle der Scheune verantwortlich waren, sagt, dass man zwar viel Respekt vor der alten Bausubstanz gehabt habe, jedoch auch Freude, diese weiterzuentwickeln. Er präzisiert: «Das Alte darf nicht zu einer Kulisse verkommen.» Der Schutz historischer Bausubstanz sei etwas sehr Wichtiges, denn noch immer würden wunderbare, schöne Bauten viel zu oft achtlos abgerissen oder verschandelt.

Scheune ist nun an der Fassade

Bei der ehemaligen Scheune achteten die Architekten darauf, dass der Bau zum geschützten Bauernhaus und ins heutige Strassenbild passt. «Ursprünglich hatten wir ein grösseres Gebäudevolumen vorgesehen.

Die Bauherrschaft hat auf Anraten der Stadtbaukommission auf das maximal mögliche Volumen verzichtet, was uns als Architekten entgegenkam», so Baenziger. Von innen wie auch von aussen erinnert noch vieles an die frühere Nutzung des Holzbaus: «Mit den überhöhten Räumen und der sichtbaren Holzstruktur wollten wir an die frühere Nutzung erinnern und gleichzeitig modernen Wohnraum schaffen.»

Am augenscheinlichsten ist wohl die Holzfassade. Damit wollten die Architekten dem Quartier die Erinnerung an die landwirtschaftliche Nutzung lassen. Scheunen verfügen üblicherweise jedoch über keine Fenster, wie es Wohnhäuser – auch von Gesetzes wegen – tun. «Wir verfolgten den Ansatz, die Konstruktion der Scheune nach aussen hin zu zeigen.» So ist die Holzfassade von vertikal und horizontal verlaufenden Elementen geprägt. «Perspektivisch betrachtet entsteht der Eindruck, als würde noch immer ein einfacher Holzbau an das alte Wohnhaus angrenzen», so Baenziger.

Der Architekt führt das gute Gelingen darauf zurück, dass sich die Stadt, die Bauherrschaft, aber auch die Architekten selber der Sägestrasse verpflichtet fühlten. «Es ist ein prominentes Haus an einer wichtigen Fussgängerverbindungen – etwas Unpassendes zu erstellen, hätte vieles zerstören können.»

Das Bauen an historischen Orten gelingt nicht immer reibungslos. Eines der wohl ambitioniertesten Beispiele weist der Bezirkshauptort auf. Dietikon wollte das Kronenareal, dessen Gebäude baufällig waren, aufwerten. Im Konzept aus dem Jahr 2009 war vorgesehen, die denkmalgeschützte Taverne Krone sowie die Zehntenscheune mit dazugehörigem Wohnhaus zu restaurieren.

Erstere ist in der Zwischenzeit saniert worden. Zudem sollten anstelle des alten Bauamtes, eines Waschhauses, einer Metzgerei und eines ehemaligen Schlachthauses unter dem Namen Flussbalkone sieben Mehrfamilienhäuser entstehen. Doch blockierten Rekurse das Projekt, dem im 2011 die Baubewilligung erteilt wurde. Damit nicht genug: Nach einer Änderung der Bau- und Zonenordnung – der Kanton erachtete die Flussbalkone nicht als zonenkonform, die das Parlament zähneknirschend genehmigte, verkaufte der Stadtrat den Alten Bären, woraufhin sich grosser Widerstand formierte.

Der Schutz und die Entwicklung des alten Dietiker Ortskerns erwies sich als hochemotionales Thema. Im vergangenen September dann verkündete der Stadtrat, dass man auf die Flussbalkone verzichten wolle. Bei diesem Entscheid spiele die komplexe Vorgeschichte eine Rolle. Hochbauvorsteherin Esther Tonini (SP) sagte damals auch, dass man realisiert habe, dass das Verhältnis der Neubauten zu den historischen Gebäuden auf dem Areal nicht ausgewogen gewesen wäre.

Schlieren hat die Nase vorn

Schutzobjekt ist nicht gleich Schutzobjekt. Im Zürcher Bau- und Planungsgesetz sind davon zwei Kategorien festgeschrieben. Dabei handelt es sich um solche von kommunaler und überkommunaler Bedeutung. Für erstere sind die Gemeinden selber verantwortlich und verpflichtet, ein Inventar zu führen und für Schutzmassnahmen zu sorgen.

Verantwortlich für den Schutz von überkommunaler Schutzobjekte ist die kantonale Denkmalpflege. Sie führt das öffentlich einsehbare Inventar. Ist ein Bau inventarisiert, steht er jedoch noch nicht automatisch unter Schutz. Dies entscheidet die zuständige Behörde, meist erst dann wenn ein Baugesuch eingereicht wird. Zeigt sich, dass ein Gebäude kantonal denkmalgeschützt ist, hat der Besitzer Anrecht auf eine unentgeltliche Beratung durch die Denkmalpflege.

Von den Gemeinden des Bezirks Dietikon weist Schlieren die höchste Anzahl von Bauten auf, die im kantonalen Inventar für Denkmalschutzobjekte vermerkt sind. Wegen des Gaswerk-Areals sind deren stolze 59. Auf Platz zwei schafft es Urdorf mit 34, gefolgt von Dietikon mit 17.

Am wenigsten Schutzobjekte von überregionaler Bedeutung hat es in Oetwil, wo lediglich deren 4 zu finden sind. Eines mehr (5) steht in Aesch. Geroldswil kommt auf 7. (aru)

Für die Flussbalkone verantwortlich zeichnete das Architekturbüro von Tilla Theus, das bereits das Restaurant Krone sanierte und unter anderem auch den Fifa-Hauptsitz auf dem Zürichberg entwarf. Mit Bedauern habe sie auf den Entscheid reagiert, dieses «in jeder Beziehung durchdachte und gute Projekt», nicht zu realisieren, sagt sie auf Anfrage. «Aber ich muss akzeptieren, dass der Stadtrat neben planerischen und architektonischen Aspekten auch politische zu berücksichtigen hat.»

Das grosse Bauvorhaben nicht in einem, sondern in zeitlich gestaffelten Schritten zu realisieren, sei ein mögliches Vorgehen. Sie verweist zudem auf das Stadtentwicklungskonzept Dietikons, das helfen soll, das grosse Ganze im Auge zu behalten, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Architektin vertritt eine klare Haltung, wenn es um den Erhalt von historischen Bauten geht. «Dieser ist gerechtfertigt, wenn sie Zeugen eines historischen Ereignisses sind, in bemerkenswerterweise frühere Baustile zeigen oder dem Ortsbild einen unverwechselbaren Charakter verleihen», sagt Theus. So heisse der Abbruch eines alten Gebäudes stets, eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit abzubrechen. «Dies läuft auf die Vernichtung von Erinnerungen hinaus, denn der historische Bestand bezeugt unsere Herkunft.»

Man setzt auf Holz

Eine dieser Brücken wurde auch in Unterengstringen abgebrochen – es handelte sich um die Gemeindescheune an deren Stelle derzeit das neue Gemeindehaus gebaut wird. Dies wurde notwendig, da das alte nicht mehr genug Platz für die Verwaltung bot. Eröffnet werden soll das neue Gemeindehaus an der Dorfstrasse im kommenden Frühjahr. Auch hier finden sich einige kantonale Schutzobjekte. Anwesend sein wird dann auch Tilla Theus, deren Büro den Bau entwarf, der nun im Gegensatz zu den Flussbalkonen auch realisiert wird.

Gefragt danach, worauf Theus bei diesem Projekt in Anbetracht der historischen Umgebung mitsamt dem alten Schulhaus geachtet habe, kommt wie beim Projekt in Schlieren eine Holzfassade zur Sprache: «Ein Gemeindehaus braucht eine Anmutung», sagt Theus. Diese werde durch die vielen kleinen Muster von Pflugscharen und Rebmessern, die in die Holzfassade geschnitten wurden und sich auf das Ortswappen beziehen, erzeugt. «Die Wirkung ist von einer Schönheit, die überrascht und erfreut.»

Bereits oft arbeitete Theus mit Besitzern schützenswerter Bausubstanz zusammen: «Wichtig ist, die Freude am Bestand zu wecken und aufzuzeigen, welches Potenzial in alten Gebäuden steckt.»

«Wir stellen Zunahme fest»

Herr Eberschweiler, der Kanton inventarisiert die überkommunalen Denkmalschutzobjekte, der kommunale Schutz ist in den Gemeinden angesiedelt. Ist eine bauliche Entwicklung bei und in der Nähe von Schutzobjekten überhaupt noch möglich?

Beat Eberschweiler: Diese Frage muss von Fall zu Fall beurteilt werden. Sind die Schutzobjekte nicht unmittelbar betroffen, richten sich die baulichen Möglichkeiten nach den Nutzungsplanungen im Kernzonenplan. Aber auch innerhalb von schutzwürdigen Ensembles ist aus denkmalpflegerischer Sicht eine Entwicklung möglich.

Wie kann diese aussehen?
Auch hier muss der Einzelfall beurteilt werden. Es wurde schon immer weitergebaut und dies ist auch künftig sinnvoll. Für gute Architekturbüros ist das eine spannende Aufgabe. Bei Einzelschutzobjekten ist es zentral, das Gebäude und dessen wertvolles Umfeld zu respektieren. Für die respektvolle Weiterentwicklung ist die Auseinandersetzung mit dem historischen Gebäude und dessen architektonischer Sprache unabdingbar.

Worauf müssen die Architekten besonders achten?
Die architektonische Qualität der Neubauten ist sehr wichtig. Sie sollen die identitätsstiftende Funktion der Schutzobjekte oder des Ortskerns erhalten. Bauen Architekten in bestehenden Ensembles mit mehreren schützenswerten Gebäuden, muss auch der Charakter des Ortes und der Freiräume einbezogen werden. Die gestalterischen Ansprüche sind dadurch sehr hoch.

Wo liegen die schützenswerten Gebäude im Bezirk Dietikon?
Wie auch in anderen Gebieten, lässt sich im Limmattal eine hohe Dichte an Schutzobjekten in den historischen Ortskernen finden. Kirchen oder alte Schulhäuser, aber auch jüngere, öffentliche Gebäude sind in der Regel allein aufgrund ihrer Bedeutung für den jeweiligen Ort schutzwürdig.

Doch auch ausserhalb der historischen Ortskerne gibt es Schützenswertes. Man denke an das Gaswerk-Areal in Schlieren.
Genau. Dieses ist als Ensemble mit vielen Schutzobjekten im überkommunalen Inventar vertreten. Ein Ensemble oder ein einzelnes Bauwerk muss bestimmte Kriterien erfüllen, um als bedeutender Zeuge der jeweiligen Epoche zu gelten. Dies kann eine kunsthistorische, baugeschichtliche, architektonische, sozialgeschichtliche oder wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung sein. Zwar müssen nicht alle Kriterien erfüllt sein, aber für die Gemeinde, die Region muss diese Bedeutung gegeben sein.

Im Limmattal wird, wie in anderen Regionen in der Agglomeration Zürich auch, stark verdichtet. Stellen Sie vermehrt das Bedürfnis fest, in alten Ortskernen oder bei schutzwürdigen Objekten zu verdichten?
Die fortschreitende Innenentwicklung betrifft auch die Schutzobjekte und die dazugehörige Umgebung sowie die direkte Nachbarschaft von den betroffenen Gebäuden. Seit rund zehn Jahren stellen wir eine Zunahme fest. Beispielsweise werden zunehmend Estriche ausgebaut.

Beat Eberschweiler, Leiter der kantonalen Denkmalpflege, über respektvolles Bauen

Beat Eberschweiler, Leiter der kantonalen Denkmalpflege, über respektvolles Bauen

ZVG