Sie ist wohl einer der idyllischsten Orte auf Schlieremer Stadtgebiet – die Sägestrasse. Um den altertümlichen Brunnen entlang der Kurve gruppieren sich Sitzbänke. Bäume rahmen den mit Pflasterstein ausgelegten Boden und die Häuser – ein. Vieles erinnert an die Bauernvergangenheit der Stadt.

Bis vor kurzem war der Holzbau mit der Hausnummer 10 noch eine Scheune, die sich mit dem dazugehörigen Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert weiter südlich ein Satteldach teilt. Dieses teilen sich die beiden Bauten zwar noch immer und das kommunal denkmalgeschützte Wohnhaus besticht noch immer mit seinen rot bemalten Sichtbalken in der Fassade. Die Scheune ist jedoch nicht wiederzuerkennen. Sie ist einem modernen Wohnhaus für drei Parteien gewichen.

Grafik: Elia Diehl

Datenquelle:maps.zh.ch

CartoDB: Denkmalschutzobjekte im Bezirk Dietikon

Das Bauen in alten Ortskernen oder bei geschützten Gebäuden ist komplex, gehört im Limmattal, wo wegen des Bevölkerungswachstums verdichtet gebaut werden soll, aber schon fast zur Tagesordnung. Das Beispiel aus Schlieren zeigt, dass Bauherren, Behörden und Architekten eng zusammenarbeiten müssen. Rémy Baenziger von Singer Baenziger Architekten, die für den Neubau anstelle der Scheune verantwortlich waren, sagt, dass man zwar viel Respekt vor der alten Bausubstanz gehabt habe, jedoch auch Freude, diese weiterzuentwickeln. Er präzisiert: «Das Alte darf nicht zu einer Kulisse verkommen.» Der Schutz historischer Bausubstanz sei etwas sehr Wichtiges, denn noch immer würden wunderbare, schöne Bauten viel zu oft achtlos abgerissen oder verschandelt.

Scheune ist nun an der Fassade

Bei der ehemaligen Scheune achteten die Architekten darauf, dass der Bau zum geschützten Bauernhaus und ins heutige Strassenbild passt. «Ursprünglich hatten wir ein grösseres Gebäudevolumen vorgesehen.

Die Bauherrschaft hat auf Anraten der Stadtbaukommission auf das maximal mögliche Volumen verzichtet, was uns als Architekten entgegenkam», so Baenziger. Von innen wie auch von aussen erinnert noch vieles an die frühere Nutzung des Holzbaus: «Mit den überhöhten Räumen und der sichtbaren Holzstruktur wollten wir an die frühere Nutzung erinnern und gleichzeitig modernen Wohnraum schaffen.»

Am augenscheinlichsten ist wohl die Holzfassade. Damit wollten die Architekten dem Quartier die Erinnerung an die landwirtschaftliche Nutzung lassen. Scheunen verfügen üblicherweise jedoch über keine Fenster, wie es Wohnhäuser – auch von Gesetzes wegen – tun. «Wir verfolgten den Ansatz, die Konstruktion der Scheune nach aussen hin zu zeigen.» So ist die Holzfassade von vertikal und horizontal verlaufenden Elementen geprägt. «Perspektivisch betrachtet entsteht der Eindruck, als würde noch immer ein einfacher Holzbau an das alte Wohnhaus angrenzen», so Baenziger.

Der Architekt führt das gute Gelingen darauf zurück, dass sich die Stadt, die Bauherrschaft, aber auch die Architekten selber der Sägestrasse verpflichtet fühlten. «Es ist ein prominentes Haus an einer wichtigen Fussgängerverbindungen – etwas Unpassendes zu erstellen, hätte vieles zerstören können.»

cards: Historische Bauten im Limmattal

Das Bauen an historischen Orten gelingt nicht immer reibungslos. Eines der wohl ambitioniertesten Beispiele weist der Bezirkshauptort auf. Dietikon wollte das Kronenareal, dessen Gebäude baufällig waren, aufwerten. Im Konzept aus dem Jahr 2009 war vorgesehen, die denkmalgeschützte Taverne Krone sowie die Zehntenscheune mit dazugehörigem Wohnhaus zu restaurieren.

Erstere ist in der Zwischenzeit saniert worden. Zudem sollten anstelle des alten Bauamtes, eines Waschhauses, einer Metzgerei und eines ehemaligen Schlachthauses unter dem Namen Flussbalkone sieben Mehrfamilienhäuser entstehen. Doch blockierten Rekurse das Projekt, dem im 2011 die Baubewilligung erteilt wurde. Damit nicht genug: Nach einer Änderung der Bau- und Zonenordnung – der Kanton erachtete die Flussbalkone nicht als zonenkonform, die das Parlament zähneknirschend genehmigte, verkaufte der Stadtrat den Alten Bären, woraufhin sich grosser Widerstand formierte.

Der Schutz und die Entwicklung des alten Dietiker Ortskerns erwies sich als hochemotionales Thema. Im vergangenen September dann verkündete der Stadtrat, dass man auf die Flussbalkone verzichten wolle. Bei diesem Entscheid spiele die komplexe Vorgeschichte eine Rolle. Hochbauvorsteherin Esther Tonini (SP) sagte damals auch, dass man realisiert habe, dass das Verhältnis der Neubauten zu den historischen Gebäuden auf dem Areal nicht ausgewogen gewesen wäre.

 Für die Flussbalkone verantwortlich zeichnete das Architekturbüro von Tilla Theus, das bereits das Restaurant Krone sanierte und unter anderem auch den Fifa-Hauptsitz auf dem Zürichberg entwarf. Mit Bedauern habe sie auf den Entscheid reagiert, dieses «in jeder Beziehung durchdachte und gute Projekt», nicht zu realisieren, sagt sie auf Anfrage. «Aber ich muss akzeptieren, dass der Stadtrat neben planerischen und architektonischen Aspekten auch politische zu berücksichtigen hat.»

Das grosse Bauvorhaben nicht in einem, sondern in zeitlich gestaffelten Schritten zu realisieren, sei ein mögliches Vorgehen. Sie verweist zudem auf das Stadtentwicklungskonzept Dietikons, das helfen soll, das grosse Ganze im Auge zu behalten, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Architektin vertritt eine klare Haltung, wenn es um den Erhalt von historischen Bauten geht. «Dieser ist gerechtfertigt, wenn sie Zeugen eines historischen Ereignisses sind, in bemerkenswerterweise frühere Baustile zeigen oder dem Ortsbild einen unverwechselbaren Charakter verleihen», sagt Theus. So heisse der Abbruch eines alten Gebäudes stets, eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit abzubrechen. «Dies läuft auf die Vernichtung von Erinnerungen hinaus, denn der historische Bestand bezeugt unsere Herkunft.»

Quiz Bauen in historischen Orten

Man setzt auf Holz

Eine dieser Brücken wurde auch in Unterengstringen abgebrochen – es handelte sich um die Gemeindescheune an deren Stelle derzeit das neue Gemeindehaus gebaut wird. Dies wurde notwendig, da das alte nicht mehr genug Platz für die Verwaltung bot. Eröffnet werden soll das neue Gemeindehaus an der Dorfstrasse im kommenden Frühjahr. Auch hier finden sich einige kantonale Schutzobjekte. Anwesend sein wird dann auch Tilla Theus, deren Büro den Bau entwarf, der nun im Gegensatz zu den Flussbalkonen auch realisiert wird.

Gefragt danach, worauf Theus bei diesem Projekt in Anbetracht der historischen Umgebung mitsamt dem alten Schulhaus geachtet habe, kommt wie beim Projekt in Schlieren eine Holzfassade zur Sprache: «Ein Gemeindehaus braucht eine Anmutung», sagt Theus. Diese werde durch die vielen kleinen Muster von Pflugscharen und Rebmessern, die in die Holzfassade geschnitten wurden und sich auf das Ortswappen beziehen, erzeugt. «Die Wirkung ist von einer Schönheit, die überrascht und erfreut.»

Bereits oft arbeitete Theus mit Besitzern schützenswerter Bausubstanz zusammen: «Wichtig ist, die Freude am Bestand zu wecken und aufzuzeigen, welches Potenzial in alten Gebäuden steckt.»

Beat Eberschweiler, Leiter der kantonalen Denkmalpflege, über respektvolles Bauen

Beat Eberschweiler, Leiter der kantonalen Denkmalpflege, über respektvolles Bauen