Agglomeration
Darum ist in Schlieren die Zahl der Sozialhilfeempfänger so hoch

Neue Zahlen zeichnen ein genaues Bild jener, die Gefahr laufen, von der Sozialhilfe abhängig zu werden.

Alex Rudolf
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Schlieren weist unter den 14 Städten den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern auf, die über 65 Jahre alt sind. AP Photo/Roberto Pfeil

Schlieren weist unter den 14 Städten den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern auf, die über 65 Jahre alt sind. AP Photo/Roberto Pfeil

KEYSTONE

Ein Grund für Alarmismus im Sozialbereich besteht nicht. Dies schreiben die Verfasser des Kennzahlenvergleichs zur Sozialhilfe. Im gestern veröffentlichten Bericht, in welchem 14 Schweizer Städten verglichen werden, zeigt sich, dass die Sozialhilfequote in Agglomerationsstädten leicht steigt, in Grosszentren derweil stabil bleibt oder gar leicht sinkt. «Insgesamt entwickelt sich die Zahl der Sozialhilfebezüger ungefähr parallel zum Bevölkerungswachstum», heisst es. Schlieren ist als einzige Limmattaler Gemeinde Teil der Erhebung, die mit Zahlen aus dem Jahr 2015 arbeitet. Aus dem Kanton Zürich sind neben der Stadt Zürich und Winterthur auch Uster und Wädenswil dabei.

Die vergleichsweise hohe Sozialhilfequote von Schlieren als Kleinste der erhobenen Städte steche hervor, wie die Autoren der Abteilung Soziale Arbeit der Fachhochschule Bern unterstreichen. Gegenüber dem Vorjahr stieg diese um 0,2 Prozent auf einen Wert von 4,8. Zum Vergleich: In Zürich beträgt sie 4,5 Prozent, in Luzern 3,5 Prozent. Das rasante Bevölkerungswachstum von Schlieren gilt als einer der möglichen Gründe dafür. Doch während im ebenfalls stark gewachsenen Zürich durch teurere Wohnungen und Quartieraufwertungsprogramme Gutbetuchte angezogen wurden, entstanden in Schlieren auch viele «vergleichsweise günstige Wohnungen», heisst es. Hinzu kommt, dass Schlieren – nach Lausanne – die zweithöchste Arbeitslosenquote unter den Vergleichsstädten aufweist. «Ein grosser Teil der arbeitslosen Schlieremer verfügt im Vergleich zu den Arbeitslosen anderer Städte häufiger über keine Berufsbildung», heisst es im Bericht. Rund 61,3 Prozent der Schlieremer Sozialhilfeempfänger haben lediglich einen obligatorischen Schulabschluss. Dies ist der höchste Wert der 14 Vergleichsgemeinden.

In Schlieren dauern die Fälle im Jahr 2015 länger als in früheren Jahren
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Mit 4,8 Prozent fliegt Schlieren zwar nicht obenaus, ist aber eine der wenigen deren Tendenz steigend ist
In grossen Städten blieb die Sozialhilfequote konstant oder sank leicht
Wegen der geringen Einwohnerzahl weist Schlieren auf eine geringe Anzahl Fälle auf
Der Anteil der über 65-Jährigen ist in Schlieren am höchsten
Aufschlüsselung nach Geschlecht und Nationalität
Schlusslicht in Sachen Ausbildung - in Schlieren haben am meisten Sozialhilfebezüger keine berufliche Ausbildung

In Schlieren dauern die Fälle im Jahr 2015 länger als in früheren Jahren

BFS, Sozialhilfestatistik

Auch bezüglich der verschiedenen Altersgruppen von Sozialhilfebezügern weisen die Städte grosse Unterschiede auf. In Schlieren ist der Anteil der über 65-Jährigen mit 2,7 Prozent am höchsten. Weil aber AHV-Bezüger mit wenig Vermögen Anspruch auf kommunale Beihilfen haben, sei dieser Wert grundsätzlich tief. Mit 31 Prozent ist der Anteil Sozialhilfebezüger unter 17 Jahren in Schlieren sehr hoch. Nur Biel, Winterthur und Bern haben mehr Minderjährige in der Sozialhilfe.

Darum geht es: Einsatz für ein kohärentes System im Sozialbereich

Städte seien soziale Frühwarnsysteme, heisst es auf der Website der Städteinitiative Sozialpolitik. Sie ist eine Sektion des schweizerischen Städteverbandes und vertritt die sozialpolitischen Interessen von rund 60 Schweizer Städten. Sie setzt sich für ein kohärentes System im Bereich der sozialen Sicherung und eine gute Zusammenarbeit von Städten, Bund und Kantonen ein. Seit dem Jahr 2009 gibt sie den Kennzahlenbericht heraus und organisiert Konferenzen zu sozialpolitischen Themen. Im aktuellen Bericht, der die Zahlen aus 14 Städten des Jahres 2015 analysiert. Diese sind Basel, Bern, Biel, Chur, Lausanne, Luzern, Schaffhausen, S. Gallen, Wädenswil, Winterthur, Uster, Zug, Zürich und Schlieren. amsE(aru)amsA

Des Weiteren besteht eine Korrelation zwischen dem Ausländeranteil und der Sozialhilfequote: So verfügen ausländische Erwerbstätige teilweise über geringe berufliche Qualifikationen und arbeiten somit auch in eher konjunktursensiblen Jobs. «Verlieren sie ihre Anstellung, sind sie aufgrund fehlender Ersparnisse schnell auf die Sozialhilfe angewiesen», heisst es im Bericht.

Kein Grund zur Sorge

Dass die Grosszentren wie Zürich, Basel oder Lausanne ihre Sozialhilfequote stabilisieren konnten, führen die Autoren darauf zurück, dass in den Zentren ein grosser lokaler Arbeitsmarkt bestehe, preisgünstige Wohnungen hingegen nur wenige zur Verfügung stünden. «In Agglomerationen und mittleren Städten ist dieses Verhältnis teilweise genau umgekehrt», heisst es. Ausgehend von den Zahlen aus den 14 Schweizer Städten, können die Autoren ein jährlich genaueres Bild jener Personengruppen zeichnen, die Gefahr laufen, von der Sozialhilfe abhängig zu werden. So sei es am wahrscheinlichsten, dass Personen über 45 Jahren, die über keine Berufsausbildung verfügen oder bei denen eine Erwerbstätigkeit nicht möglich ist, irgendwann ihre Anstellung verlieren und Sozialhilfe beziehen müssen.

Diese Zahlen geben jedoch nur bedingt Grund zur Sorge aus der Sicht Schlierens. Denn wie es im Bericht heisst, sei die Sozialhilfequote in Schlieren von Jahr zu Jahr Schwankungen unterworfen: «Inwiefern der Anstieg des vergangenen Jahres eine Tendenz hin zu einer höheren Sozialhilfequote anzeigt, wird sich erst im kommenden Jahr zeigen», schreiben die Autoren.

«Schutz vor wandernden Sozialhilfeempfängern ist unnötig»

Herr Chatelain, auf welche Erkenntnisse des diesjährigen Berichts der Städteinitiative Sozialpolitik legen Sie ein besonderes Augenmerk für Schlieren?

Claude Chatelain: Am interessantesten sind für uns die Spezialstatistiken, die ein spezifisches Thema behandeln. Dieses Jahr steht die Mobilität der Sozialhilfeempfänger im Fokus. Die Vermutung, dass sich besonders Neuzuzüger bei der Sozialhilfe anmelden, wurde widerlegt. So wohnen Neueintritte in der Sozialhilfe in der Regel bereits mehrere Jahre in Schlieren. Ein Schutz vor «wandernden›» Sozialhilfebezügern ist somit nicht notwendig.

Es wird im Bericht auch aufgezeigt, dass Schlieren weniger finanzielle Ressourcen im Sozialbereich hat als andere Städte.

Wir sind in der Tat stark belastet, wie es unser Nachbar Dietikon auch ist. Dass eine Stadt aus eigener Kraft– etwa mittels Stadtplanung – dieses Problem in den Griff bekommen kann, ist illusorisch. Aus unserer Sicht ist die gerechtere Verteilung der Sozialkosten auf alle Gemeinden des Kantons die einzige nachhaltige Lösung.

Der durchschnittliche Sozialhilfebezüger ist über 45 Jahre alt und verfügt lediglich über die obligatorische Schulbildung. Legen Sie ein Augenmerk auf solche Personen?

Sicherlich. Zentral hierbei ist, dass diesen Personen eine angepasste Ausbildung ermöglich wird. Dass die Stadt Schlieren über eine gewisse Dauer für Ausbildungen aufkommt, ist aus unserer Sicht sinnvoll und fördernd für eine nachhaltige Berufsintegration.

Weiter fällt in Schlieren auf, dass der Anteil der über 65-Jährigen in der Sozialhilfe am höchsten ist unter den Vergleichsstädten. Warum das?

Dies ist in der Tat ein typisches Schlieren-Problem. Diese Senioren, die Sozialhilfe beziehen, wurden von ihren Kindern in die Schweiz geholt. Aus verschiedenen Gründen konnten diese hier nicht arbeiten, weswegen die Kinder finanziell für sie aufgekommen sind. Kommen diese Senioren ins Rentenalter, haben sie kein Anrecht auf AHV-Leistungen und somit auch nicht auf Zusatzleistungen, da sie hier in der Schweiz nicht berufstätig waren. Fallen dann später Kosten für einen Heimaufenthalt an, ist die Stadt Schlieren finanziell für diese Menschen verantwortlich.

* Claude Chatelain ist Leiter der Abteilung Soziales der Stadt Schlieren.lw.2%