Seit mittlerweile vier Jahren engagiert sich der Dietiker Rapper Siga dafür, auch Gehörlosen einen Zugang zu seiner Musik zu verschaffen. In den Videoclips zu seinen Songs übersetzt die 16-jährige Vanessa Feller-Jung, die als Tochter gehörloser Eltern aufgewachsen ist, seine Raptexte in die Gebärdensprache. Siga zeigt sich froh darüber, dass das im deutschen Sprachraum einmalige Projekt namens «Du» beim Publikum immer besser ankommt.

Eben ist mit «Meine Nr. 1» die vierte Single zusammen mit Vanessa erschienen, das Video zum Song folgt bald. Das Interesse der Medien war im Vorfeld gross. Im Hinblick auf seine neue Single machte er unter anderem Halt bei «Glanz und Gloria», der Pro-Sieben-Sendung Taff und RTL Hessen. «Die Barriere zu den Menschen mit einer Behinderung geht langsam auf», sagt der Rapper, der sich aktuell noch auf seiner Promotion-Tour durch Deutschland und die Schweiz befindet.

An der neuen Single arbeitet Siga seit vier Wochen. «Der Videoclip ist schon im Kasten», sagt er. Der Kameramann schneide momentan die Szenen und dann folge die Veröffentlichung. Mit dem Lied wolle er seiner Partnerin zeigen, wie schön es sei mit ihr. «Ich hoffe, es wird ein Sommerhit», sagt der 33-Jährige. Er spricht und rappt Hochdeutsch, weil er einen grossen Teil seiner Jugend in Deutschland verbrachte.

Siga bleibt seinem Projekt treu

An der kommenden Single zeigte sich auch ein bekanntes Musiklabel interessiert. «Sie boten mir einen Deal an», sagt der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Siva Ganesu heisst. Das Label habe aber von ihm verlangt, im Videoclip auf die Gebärdensprache zu verzichten. «Da habe ich dankend abgelehnt.» Manche hätten ihm gesagt, er verpasse die Chance seines Lebens. «Aber ich höre auf meinen Instinkt und bleibe meiner Linie treu», so der gebürtige Sri Lanker. Nun veröffentlicht er den Song selbst und bietet ihn unter anderem auf iTunes und Spotify an.

«Ich möchte mit meinem Projekt ‹Du› beweisen, dass man auch ohne antisemitische und frauenfeindliche Texte erfolgreich sein kann», sagt Siga. Er bezieht sich damit auf die umstrittene Verleihung des deutschen Musikpreises Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang, die letzten Monat für Schlagzeilen sorgte. Mit solch provokativen Texten ist Siga bisher nie aufgefallen, doch auch ihm ist die harte Gangart des Gangster-Raps durchaus bekannt. Im Frühjahr des vergangenen Jahres nahm er zusammen mit Alpa Gun von Aggro Berlin die Single «2 Guns». «Meine Fanbase wurde damals grösser, das kriminelle Rappen hatte irgendwas in den Jugendlichen geweckt und sie feierten es», erinnert sich Siga.

Doch es sei ihm nicht gut gegangen nach den Auftritten und er sei jeweils aufgewühlt nach Hause gefahren. Den Sohn in seinen Armen haltend, habe er sich gefragt, ob er ein gutes Vorbild sei. Nach einem Auftritt in Hannover entschied er sich, voll auf das Projekt «Du» umzusatteln und sich darauf zu fokussieren, Menschen Mut zu machen. So rappt er im Stück «Hand in Hand»: «Ich glaub an Wunder, ich glaub an Glück, ich glaub an Frieden, die Welt spielt verrückt.»

Obwohl es zu Beginn mit der Resonanz haperte, gab er nicht auf. «Ich war der Meinung, dass auch hörgeschädigte Menschen Musik verstehen und fühlen sollten», sagt er. Das scheint ihm zu gelingen: Siga sagt, er erhalte täglich Mails von Menschen mit einer Hörbehinderung, die ihm Dinge schreiben wie «Danke, dass ihr uns eine Stimme gebt» oder «Danke, dass ihr uns unsere Ohren zurückgibt». Videos mit Untertiteln könnten nicht dasselbe erreichen, weil Vanessa über ihren Gesichtsausdruck die Emotionen viel besser transportieren könne, sagt er.

Rapper werden erwachsen

Dass Rapper mit der Erfahrung des Vaterseins eine Wandlung vom Gangster-Rapper zum Kuschel-Rapper vollziehen, kommt häufig vor. Aggro-Berlin-Star Sido, der mit provokativen Songs wie «Mein Block» oder dem «Arschficksong» berühmt wurde, widmete im Jahr 2006 seinem Sohn das Lied «Ein Teil von mir» und produzierte von da an allgemein familientauglichere Lieder. Und Bushido rappt in «Euer bester Feind» von 2012 : «Es ist ein Mädchen, ich bin jetzt Familienvater. An dieser Stelle schöne Grüsse an Alice Schwarzer.»

Siga hat die Erfahrung gemacht, dass man sich verändert, wenn man Vater wird. «Als Vater trägt man plötzlich sehr viel Verantwortung», sagt er. Man fange an, das Leben anders zu sehen und viel Geduld zu haben. «Ich bin ruhiger und weiser geworden», so Siga.