Weiningen
Dank Fötzeln werden Sozialhilfe-Empfänger auf dem Arbeitsmarkt attraktiver

Das Beschäftigungsprogramm, welches bereits seit zwei Jahren läuft, zeigt Wirkung: Die Gemeinde zählt weniger Sozialhilfeempfänger.

Sibylle Egloff
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Das Beschäftigungsprogramm in Weiningen trägt dazu bei, dass das Dorf sauber bleibt. Nicht bei allen Teilnehmern kommt die Arbeit gleich gut an.

Das Beschäftigungsprogramm in Weiningen trägt dazu bei, dass das Dorf sauber bleibt. Nicht bei allen Teilnehmern kommt die Arbeit gleich gut an.

Limmattaler Zeitung

Die Sonne brennt vom Himmel. Eine Brise weht durch den Rebberg. «Toll, ein leichtes Lüftchen», sagt Nathalie Delgado (Name geändert) und streckt ihre Arme aus. In der einen Hand hält sie eine Abfallzange, in der anderen einen Eimer. Darin liegen ein paar Zigarettenstummel und Plastikverpackungen. An der Rebbergstrasse in Weiningen scheint Littering kein Thema zu sein. Und auch der Blick in die Biotonne verrät, in Sachen Abfall verhalten sich die Bewohner vorbildlich. «Nein, da ist nichts. Alles gut», sagt Delgado und schliesst den grünen Deckel.

«Das Programm scheint eine abschreckende Wirkung zu haben.» Nicole Roman, Sachbearbeiterin Beschäftigungsprogramm

«Das Programm scheint eine abschreckende Wirkung zu haben.» Nicole Roman, Sachbearbeiterin Beschäftigungsprogramm

Limmattaler Zeitung

Die Arbeiten, die die junge Frau an diesem Nachmittag verrichtet, sind Teil des Weininger Beschäftigungsprogramms für Sozialhilfebezüger. «Dazu gehört nicht nur das Fötzeln oder die Stichprobenkontrolle der Bioabfalltonne. Die Teilnehmer beseitigen unter anderem auch Neophyten, reinigen Brunnen, verteilen Flyer oder entfernen Graffitis im ganzen Dorf», sagt Nicole Roman. Sie ist als Sachbearbeiterin des Beschäftigungsprogramms für die Koordination und Betreuung der Teilnehmer zuständig. Zudem ist sie die Schnittstelle zwischen Sozialdienst und Werkhof. «Wir arbeiten eng zusammen. Der Werkleiter vergibt uns die Arbeiten.» Jeden Nachmittag von Montag bis Freitag ist sie drei Stunden mit den Teilnehmern im Dorf unterwegs.

Symbolische Gegenleistung

Das Programm läuft seit exakt zwei Jahren. Zuerst war es ein Pilotprojekt. Im Dezember 2017 sprach sich das Stimmvolk an der Gemeindeversammlung für die definitive Einführung aus und bewilligte eine neue, fixe Stelle. «Zu Beginn war es ein Job im Nebenamt. Es fehlten Erfahrungen, da es das erste Projekt dieser Art ist», sagt Roman. Nun seien die Abläufe ausgereift. «Wir wissen, was wir etwa bei schlechtem Wetter machen oder welche Arbeitskleider man benötigt.» Jeder Sozialhilfebezüger in Weiningen ist — soweit er körperlich und geistig dazu fähig und nicht durch Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt verhindert ist— verpflichtet, am Programm teilzunehmen. «Die Arbeit der Sozialhilfebezüger ist eine symbolische Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung, die sie von der Gemeinde erhalten.» Das Ziel sei aber auch, die Betroffenen zu unterstützen. «Sie erhalten eine Tagesstruktur. Durch die Arbeit haben Arbeitslose zudem grössere Chancen, sich im Arbeitsmarkt wieder einzugliedern und Flüchtlinge haben die Möglichkeit, Arbeitserfahrung zu sammeln.» Die Sachbearbeiterin schreibt auf Wunsch Arbeitsbestätigungen und ist auch beim Erstellen von Lebensläufen behilflich.

Sozialvorstand Reto Beutler (FDP) zieht eine positive Bilanz: «Die Zahl der Sozialhilfebezüger ist seit der Einführung im Juni 2016 um fast 20 Prozent zurückgegangen.» Damals hätten rund 60 Personen Sozialhilfeleistungen bezogen. Heute seien es noch rund 50. Ein direkter Zusammenhang mit dem Programm könne nicht hundertprozentig nachgewiesen werden. Man gehe aber schon davon aus, dass es damit zusammenhänge, dass einige Teilnehmer wieder eine Arbeitsstelle gefunden hätten. «Das Programm scheint aber auch die Attraktivität für den Bezug von Sozialhilfe einzudämmen», sagt Roman. Man überlege sich zweimal, Unterstützung zu beantragen, wenn man wisse, dass man dafür etwas leisten müsse. «Einige sind weggezogen, auch um das Beschäftigungsprogramm zu umgehen.» Das Programm zahle sich für die Gemeinde aus, findet Beutler. «Die Attraktivität von Weiningen konnte dadurch erhöht werden. Die Gemeinde wird zudem sauber gehalten und der Werkhof wird etwas entlastet», sagt er.

Insgesamt haben bereits 22 Personen am Beschäftigungsprogramm teilgenommen. Derzeit gibt es vier Teilnehmer. An diesem Nachmittag ist aber nur Delgado mit Roman unterwegs. Jemand ist krankgeschrieben, ein anderer ist am Probearbeiten und die dritte Person, die seit dem Start des Programms dabei ist, verrichtet die Arbeiten an diesem Nachmittag selbstständig. Delgado gefällt die Arbeit. «Es gibt viel zu tun in Weiningen. Ich bin gerne draussen und setze mich für die Umwelt ein», sagt sie. Seit drei Monaten ist sie dabei. Erwerbslos ist die ausgebildete Hauswirtschaftsfachfrau schon seit Längerem. «Ich würde gerne wieder in der Reinigung arbeiten, bin aber auch offen für anderes», sagt sie. Nicht alle seien so selbstständig und motiviert wie Delgado, sagt Roman. Daher begleitet sie die Personen bei der Arbeit. «Sie brauchen jemanden, der es ihnen vorzeigt.» Zudem wolle sie sicherstellen, dass alles erledigt werde. Wer ohne Grund nicht erscheint, muss mit Sozialhilfekürzungen von 15 bis 30 Prozent oder gar Sozialhilfeentzug rechnen.

Vor zwei Jahren startete Roman noch mit 15 Teilnehmern. Den Rückgang wertet sie sowohl positiv als auch negativ. «Weniger Teilnehmer bedeuten weniger Sozialhilfeempfänger. Bei so wenig Teilnehmern stimmt das Verhältnis zum Aufwand aber nicht mehr», sagt Roman. Dieses Problem erkennt auch Beutler. «Wenn die Teilnehmerzahl weiterhin zurückgeht, müssen wir nochmals über die Bücher.»

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