Exaktheit und Planung. Vielleicht lässt sich so auf den Punkt bringen, was Daniel Jositschs Alltagsleben ausmacht. Zum Frühstück nimmt er 100 Gramm Brot, ein Glas Rivella Blau und einen schwarzen Kaffee zu sich. «Das macht 250 Kalorien», sagt der SP-Nationalrat beim Interview im Bundeshaus über seinen Alltag. Er hat abgenommen. 39 Kilo, um genau zu sein. Und er hat drei Hometrainer: einen zu Hause in Stäfa; einen in seinem Privatbüro in Zürich, wo er übernachtet, wenn sich die Arbeit länger als bis 22 Uhr hinzieht; und einen im Hotel in Bern, wo er während der Session jeweils eincheckt. Eine Stunde reserviert sich Jositsch täglich für Sport: «Das bewahrt vor Stress und Burnout.»

Drei Orte, drei Alltagsaspekte

Bern/Zürich/Stäfa: Damit verknüpft sind drei Aspekte, die sein Alltagsleben prägen. In Bern ist er als SP-Nationalrat Gesetzgeber. In Zürich erklärt er als Strafrechtsprofessor seinen Studenten Gesetze. Und in Stäfa findet das statt, was an Privatleben noch übrig bleibt. Einmal pro Woche übernachtet sein elfjähriger Sohn aus geschiedener Ehe bei ihm. «Wir wollten eigentlich ein ausgeglicheneres Betreuungsmodell», sagt Jositsch. Doch damals, als sein Sohn zur Welt kam, ergab sich die Chance, Strafrechtsprofessor in Zürich zu werden – und die Uni habe ein volles Pensum gewollt. «Teilzeitarbeit geht gut. Aber Teilzeitkarriere ist schwierig», lautet Daniel Jositschs Fazit aus dieser Zeit.

Das Thema «Arbeit der Zukunft» beschäftigt ihn heute auch als Präsident des Kaufmännischen Verbandes Schweiz. «Homeoffice und Teilzeitkarrieren werden wichtiger», sagt Jositsch. Selbst punkto Zuwanderung könne dies eine Rolle spielen: «Man muss nicht unbedingt aus Süddeutschland in die Schweiz ziehen, um hier zu arbeiten.» Viele Arbeiten liessen sich heute ortsunabhängig erledigen, kombiniert mit sporadischen Treffen. Früher nahm Jositsch jeweils einen Rollkoffer voller Akten mit nach Bern, um auch während der Sessionszeit seiner Arbeit als Jurist nachzukommen. Heute genüge ihm dafür eine Mappe mit Laptop und Handy.

Nun will Jositsch Ständerat werden. Und im Wahlkampf werden die Arbeitstage noch länger. Um dabei kühlen Kopf zu bewahren, setzt der SP-Kandidat auch auf genaue Planung. «Wenn ich ein Problem habe, nehme ich mir beispielsweise vor, mich von 19 bis 20 Uhr damit zu beschäftigen. Dann dominiert es mich nicht den ganzen Tag.»

So bleibt Jositschs Kopf frei für die Themen, derentwegen er politisiert. Zentral sei für ihn eine nachhaltige, sozial und umweltverträgliche Wirtschaft; eine konstruktive Weiterentwicklung der Beziehungen zur Europäischen Union; der Schutz von Menschenrechten und Minderheiten.

Jositsch schrieb einst seine Doktorarbeit zum Thema Rassendiskriminierung. Die SP betonte bei seiner Nomination als Ständeratskandidat, dass er aus einer jüdischen Flüchtlingsfamilie stammt. «Mein Urgrossvater kam im 19. Jahrhundert aus der Ukraine in die Schweiz», erklärt Jositsch. Seine jüdischen Wurzeln seien ihm wichtig: «Ich fühle mich dieser Tradition verbunden.» Sie spiele zwar nicht in seinen Alltag hinein. «Aber als Parlamentarier nehme ich mich der Interessen der jüdischen Minderheit an.»

«Blocher bekommt auch AHV»

Es ist Mittag. Jositsch läuft vom Bundeshaus zum Bahnhof und nimmt den Zug nach Zürich. Am Nachmittag beginnt dort seine Strafrechtsvorlesung. Die Zeit im Zug nutzt er für ein privates Treffen. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof Zürich zur Uni hat er das Handy am Ohr, erklärt einem Anrufer seine umstrittene Haltung zur AHV-Revision, bei der er für den vom Bundesrat vorgeschlagenen Kompromiss einsteht, weil er an der Mehrheitsfähigkeit der vom Ständerat vorgeschlagenen AHV-Erhöhung um 70 Franken zweifelt. Was ihn stört, ist der pauschale Ansatz, von dem auch Superreiche profitieren würden: «Christoph Blocher bekommt auch AHV-Rente», spitzt Jositsch sein Argument zu und verlangsamt während des Telefonats seinen Schritt.

Kurz vor Vorlesungsbeginn steht er allein in einer Ecke des Hörsaals. Der Professor wartet auf das Läuten, das den Beginn der Lektion markiert. Er wird den Studenten verschiedene Formen von Vermögensdelikten darlegen, sie begrifflich exakt voneinander abgrenzen und mit alltagsnahen Beispielen erläutern. Bei Jositsch sei die Vorlesung nicht so langweilig, gibt eine Studentin ihrer Kollegin zu verstehen.

Am Abend geht Daniel Jositsch noch an ein Ständerats-Kandidatenpodium zum Thema Wohnen. Er wird dieser Tage öfters in seinem Büro in Zürich übernachten.

Neun entscheidende Fragen zu Daniel Jositsch

1. Wo steht Daniel Jositsch in der eigenen Partei?
Jositsch zählt zum rechten Flügel der SP. Er sieht sich damit näher bei der SP-Basis als andere Parteiexponenten und verweist darauf, dass er bei den Nationalratswahlen 2011 von allen Kandidaten am meisten Stimmen aus der SP-Wählerschaft bekam. Nationale Bekanntheit erlangte er im Wahlkampf 2007 mit Vorschlägen zur Verschärfung des Jugendstrafrechts. Zuletzt sorgte seine Position in der Debatte um die AHV-Revision für Schlagzeilen: Jositsch äusserte sich kritisch zur vom Ständerat vorgeschlagenen Erhöhung der AHV-Rente um 70 Franken.

2. Welche Politerfahrung bringt Jositsch mit und wie ist er politisch vernetzt?
2007 erhielt seine Politkarriere starken Auftrieb: Im Frühling wurde der vormalige Schulpflegepräsident aus Stäfa in den Kantonsrat gewählt, wo er ein halbes Jahr blieb. Dann gelang Jositsch die Wahl in den Nationalrat. 2009 folgte ein Dämpfer: Der SP-Senkrechtstarter unterlag im Regierungsratswahlkampf Ernst Stocker (SVP), als es um die Nachfolge von dessen Parteikollegin Rita Fuhrer ging. Im Nationalrat gehört Jositsch der Rechtskommission und der Kommission Finanzen an. Sein Wort hat vor allem Gewicht, wenn es um Strafrechtsfragen geht. Als pointierter Debattierer geniesst er viel Präsenz in Polit-Talkshows.

3. Wie kommt Jositsch bei den anderen Parteien an?
Als einer, der innerhalb der SP eher rechts steht, stösst Jositsch auch im bürgerlichen Lager auf Wohlwollen. Ernst Buschor, alt Regierungsrat der CVP, zählt zu seinem Wahlkomitee. FDP-Nationalrätin Doris Fiala beschrieb ihn in der «Weltwoche» als ihren Lieblingsgegner im Bundeshaus. Sie bescheinigt ihm: «Er zieht etwas durch – auch gegen parteiinterne Widerstände.» Und: «Von ihm werden Sie nie hören, man müsse den Kapitalismus überwinden.» Handkehrum kreidete ihm die Konkurrenz von den Grünen zuletzt seine Kritik an der vom Ständerat vorgeschlagenen AHV-Rentenerhöhung um 70 Franken an.

Die Jositsch-Spider

Die Jositsch-Spider

4. Ist Jositsch volksnah?
Von der Ausstrahlung her nicht unbedingt. Das Kumpelhafte eines Toni Brunner geht ihm ab. Jositsch strahlt Ernsthaftigkeit aus, durchaus mit professoraler Attitüde. Doch seine Gabe, auch komplizierte Sachverhalte einfach zu erklären, verschafft ihm mediale Breitenwirkung.

5. Welches Kernanliegen vertritt Jositsch?
Ihm ist es wichtig, die Beziehungen der Schweiz zur Europäischen Union zu stabilisieren und auf der Grundlage der bilateralen Verträge weiterzuentwickeln. Ein EU-Beitritt ist für Jositsch aus heutiger Sicht kein Thema. Weiter steht der
SP-Ständeratskandidat für den Atomausstieg und die Energiewende ein. Ein anderes Kernanliegen von Jositsch ist die öffentliche Sicherheit. Als Präsident des Kaufmännischen Verbands Schweiz beschäftigt ihn zudem die Umorganisation der Wirtschaft hin zu mehr Homeoffice und Teilzeitkarrieren. Auch eine nachhaltige Revision der Sozialwerke ist ihm wichtig.

6. Was hat Jositsch bisher politisch bewegt?
Er schmiedete beispielsweise im Nationalrat ein Allparteienbündnis, um härtere Strafen für Raser im Strassenverkehr durchzusetzen. Und: Aufgrund eines Vorstosses von ihm darf die Polizei gegen Pädophile im Internet ermitteln. Auch eine der Hauptforderungen seiner im Jahr 2007 veröffentlichten Thesen zum Jugendstrafrecht wurde umgesetzt, nämlich die Erhöhung des Massnahmenalters von 22 auf 25 Jahre.

7. Welche Interessenbindungen weist der SP-Ständeratskandidat auf?
Er ist Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich, Präsident des Kaufmännischen Verbands Schweiz und führt ein eigenes Anwaltsbüro. Ausserdem gehört er dem Stiftungsrat der Stiftung für das Tier im Recht an.

8. Wie steht es um Jositschs Wahlchancen?
Seit 32 Jahren versucht die Zürcher SP vergeblich, einen Ständeratssitz zu erlangen. Schwierig wird es auch diesmal, denn im Kanton Zürich herrscht eine stabile bürgerliche Mehrheit. Doch die Chancen, dass die SP heuer zum ersten Mal seit den Zeiten von Emilie Lieberherr wieder einen Ständeratssitz erringt, sind besser als auch schon: Mit Felix Gutzwiller (FDP) und Verena Diener (GLP) räumen beide Bisherigen ihren Sitz. Die SP ist nach der SVP derzeit zweitstärkste Partei im Kanton. Und Jositsch hat als Vertreter des rechten SP-Flügels das Potenzial, auch im bürgerlichen Lager zu punkten. Schon als Regierungsratskandidat erzielte er 2009 ein respektables Ergebnis. Punkto Bekanntheit zählt er zu den Topkandidaten der Zürcher Ständeratswahl. Und: Nachdem die SP 2007 im zweiten Wahlgang der nun scheidenden Verena Diener (GLP) den Vortritt liess, um einen SVP-Ständerat zu verhindern, könnte sie jetzt Gegenrecht beanspruchen.

9. Wie viel eigenes Geld steckt Jositsch in den Wahlkampf?
Sein gesamtes Wahlkampfbudget, das zum Grossteil auf Spenden beruht, beläuft sich auf 300 000 Franken. Jositsch rechnet damit, dass er 30 000 Franken aus der eigenen Tasche beisteuern wird. (mts)