Als Johann Dähler zum ersten Mal Kontakt mit Fredy Hiestand aufnahm, verlor er keine Zeit mit Nettigkeiten. «Herr Hiestand, ich brauche eine Million für meine Plantage in Costa Rica», erklärte der entthronte Ananaskönig dem Geroldswiler Gipfelikönig vor rund zehn Jahren am Telefon unumwunden. Hiestand, der Dähler in seiner verzweifelten Suche nach Investoren beim Durchblättern der «Bilanz»-Liste der «300 Reichsten» aufgefallen war, würde ihn verstehen. Hatte doch auch der Vater des Gipfeliteiglings nach seinem Abgang bei der «Hiestand AG» mit «Fredy’s» erfolgreich den Neuanfang gewagt, dachte sich der Thurgauer Bauernsohn, der an der Elfenbeinküste ein Ananasimperium aufgebaut und es wieder verloren hatte.

Adel verpflichtet

Der royale Kollege war von der direkten Anfrage wohl etwas überrumpelt, jedoch nicht abgeneigt. Und so rettete der Gipfelikönig die neue Farm des Ananaskönigs – Adel verpflichtet eben. Mit der Rettung der costa-ricanischen Plantage, die heute von seinen Söhnen geführt wird, war Dähler aber nur einen Schritt näher an seinem eigentlichen Ziel: der Rückkehr an die Elfenbeinküste. Damit sollte sich die Investition in den bankrotten Ananaskönig auch für Hiestand lohnen. Denn durch die Beziehung zu Dähler erfüllt sich der 71-Jährige heute einen späten Traum: den Traum einer eigenen, nachhaltig bewirtschafteten Plantage in Afrika.

Doch die Geschichte des Ananaskönigs beginnt, lange bevor er mit dem Gipfelikönig zusammenspannte. Sie beginnt in Tiassalé, nördlich der ehemaligen ivorischen Hauptstadt Abidjan, wo Dähler in den 1970er-Jahren ein Ananasimperium aufbaute. Zu Hochzeiten beschäftigte er 1500 Leute auf seinen 2000 Hektaren umfassenden Plantagen, bestritt eine Zeit lang die Hälfte des Ananasabsatzes auf dem Schweizer Markt. Dafür erntete er in den guten Zeiten auch hierzulande viel Lob: Als «gelungenstes Beispiel für sinnvolle Entwicklungshilfe» lobte etwa der Direktor des Bundesamts für Aussenwirtschaft (heute SECO) Franz Blankart das Unternehmen damals.

Doch so hoch der König thronte, so tief war auch sein Fall. Der sinkende Ananaspreis setzte Dähler zusehends zu, da konnten auch die Gelder des von der Eidgenossenschaft und der Elfenbeinküste eingerichteten Entwicklungsfonds «Fisdes» nicht mehr helfen. Mit einem drohenden Bürgerkrieg in greifbarer Nähe verliess Dähler im Jahr 2000 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Land. Zurück blieben Arbeiter ohne Lohn und Perspektiven, von der Ananasmonokultur ausgelaugte Erde und eine verlassene Plantage. Dähler fand in der Schweiz keine Ruhe, er war ein Bauer ohne Land, versuchte unermüdlich, Geld für den Rückkauf seiner Plantage zu beschaffen. Es sollte mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis es ihm gelang.

2012, nach Zwischenbeschäftigungen als Fruchthändler, dem Aufbau der costa-ricanischen Ananasfarm, einer erfolglosen Schadenersatzklage gegen den Bund wegen Urkundenfälschung beim «Fisdes»-Fonds, einem Herzinfarkt und einer Nierentransplantation konnte Dähler seinen Grossgrundbesitz «zu einem anständigen Preis» wieder zurückkaufen. Erstmals kehrte er zurück an den Ort, an dem seine Kinder aufwuchsen, begutachtete das zerstörte Wohnhaus, die verwilderten Ananasfelder und die heruntergekommenen Kautschukbäume, die er ab 1983 teils auf Geheiss der Regierung, teils aus Eigeninitiative angebaut hatte.

Mehr Regen dank Dieben

Vom eigenen Bestand blieb nicht viel übrig, jedoch schossen während seiner Abwesenheit die Kautschukbäume links und rechts in die Höhe. Die Ivorer hatten sich auf der verlassenen Plantage mit Setzlingen bedient – und das nicht einmal zum Ärger des Besitzers: «Seit hier auf rund 5000 Hektaren Kautschukbäume wachsen, regnet es in der Region wieder regelmässiger.» Davon kann Dähler beim Aufpäppeln seiner Bäume heute profitieren. Denn Ananas will er in Tiassalé nicht mehr anbauen.

100 der 470 zurückgewonnenen Hektaren stellt Dähler seinem damaligen Retter in Not zur Verfügung. «Zum Leben gehört Nehmen und Geben», sagt er. «Und genommen habe ich von Fredy wahrlich genug.» Dieser hat nun grosse Pläne mit dem Land. Mit einer Mischkultur will Hiestand den degradierten Boden wieder aufbauen – Dähler, der aus seiner Liebe zu Monokulturen keinen Hehl macht, lässt ihn grosszügig gewähren. Neben der Hauptpflanze Kakao, deren Früchte dereinst auch in «Fredy’s» Schoggigipfeln landen sollen, werden hier ab April etwa Mais, Kürbis, Bohnen, Maniok, Bananen, Kautschuk, Fruchtbäume, Ölpalmen angepflanzt.

Hiestand will in Tiassalé «etwas aufbauen, das den Menschen hilft», sagt er. Denn er ist überzeugt: «Afrika braucht Unternehmer. Zu oft landen Hilfsgelder wieder auf Schweizer Banken, bevor sie überhaupt erst angekommen sind.» So soll das Projekt, das ihn bisher rund 400 000 Franken kostete, nicht nur ökologisch nachhaltig werden, sondern mittels eines Schulungszentrums auch in die Ausbildung der einheimischen Arbeiter investieren. «Wir wollen hier Bauern, Handwerker, Bäcker, Mechaniker, Köche ausbilden, die dann ein eigenes Unternehmen starten können.»

Selber ist Hiestand nicht mehr darauf angewiesen, dass das Projekt rentiert – der Gipfelikönig hat längst ausgesorgt. Trotzdem hofft er, dass «Fredy’s Plantation» bald schwarze Zahlen schreibt: «Nur so kann das Projekt Nachahmer finden. Und das ist das wahre Ziel.»