Urs Junger, vor rund zwölf Jahren haben Sie die Pink-Floyd-Coverband Crazy Diamond gegründet. Nun veröffentlichen Sie Ihr erstes Soloalbum. Ist Ihnen Pink Floyd verleidet?

Urs Junger: Nein, überhaupt nicht. Wir haben mit Crazy Diamond grossen Erfolg. Es macht immer noch Spass, in der Band zu spielen. Wir können unsere Sache aber letztlich noch so gut machen, die Musik bleibt stets eine Kopie. Das hat mich irgendwann gewurmt. Ich wollte herausfinden, was wirklich in mir steckt. Deshalb habe ich den Griffel und die Gitarre in die Hand genommen und den Blick über den Tellerrand von Pink Floyd gerichtet.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, ein Album mit eigenen Songs herauszugeben. Früher habe ich mich aber nicht getraut. Vieles von dem, was heute auf den Markt kommt, ist unglaublich gut. Irgendwann habe ich mir gesagt, wenn andere das können, kannst du das auch.

Wie war es, erstmals eigene Songs zu schreiben?

Kurz gesagt: Es war ein fantastischer und spannender Trip. Manchmal habe ich mich gefühlt, als würde ich auf einer Welle surfen. Besonders spannend war es, die Entwicklung der Demo-Tapes bis hin zum fertigen Produkt zu verfolgen.

Bereits mit Crazy Diamond haben Sie Studioerfahrung gesammelt. Worin besteht der Unterschied zwischen dem Aufnehmen eigener Songs und dem Einspielen von Stücken anderer Künstler?

Bei Crazy Diamond wissen wir, wie die Songs klingen müssen, weil es bereits eine Vorlage gibt. Die eigenen Songs habe ich im Kopf, muss sie aber noch auf Band bringen. Ich habe Musiker gefragt, ob sie mir helfen wollen. Sie haben versucht, meine Vorgaben umzusetzen, haben aber auch ihre eigene Färbung eingebracht. Es war daher spannend zu sehen, was dabei herauskommt. Ich hatte das Glück, mit Felix Lämmli einen genialen Produzenten gewinnen zu können. Er hat mich musikalisch gecoacht.

Wie ist dieses Coaching abgelaufen?

Wenn ein Solo nicht so rüber kam, wie es sollte, hat er mich darauf aufmerksam gemacht. Er machte mir dann Vorschläge, wie ich es anders spielen könnte. Ich hatte also jemanden an meiner Seite, der mich führte.

In einer Band ist man in einem festen Gefüge. Hat Ihnen das bei Ihrem Soloprojekt nicht gefehlt?

Ich habe schnell festgestellt, dass ich extrem auf mich allein gestellt bin. Bei Crazy Diamond sind wir sieben Musiker plus weitere Spezialisten. Dort kann man sich immer Hilfe holen. Auch beim Soloprojekt habe ich Rat von aussen geholt. Der Entscheid, wie etwas umgesetzt wird, lag aber alleine bei mir. Das war für mich eine neue Erfahrung.

War es eine gute Erfahrung?

Ich muss ehrlich sagen, dass es mir liegt. Ich verwirkliche mich gerne. Daher ist es mir entgegengekommen, dass ich vieles selber entscheiden durfte. Es liegt in meiner Natur, dass ich eine Idee verfolge, bis sie umgesetzt ist. Ich bin richtig aufgeblüht bei der Arbeit.

Die Arbeit am Album dauerte über ein Jahr. Haben Sie in dieser Zeit nie daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen?

Die Arbeit hat sich fast zwei Jahre hingezogen. Ich habe keinen Tag bereut, an dem ich am Album gearbeitet habe. Der entscheidende Moment war, als ich erstmals ins Studio ging und drei Songs aufnahm. Ich wollte wissen, wie meine Arbeit wirkt. Wäre das Resultat unbefriedigend gewesen, hätte ich das Projekt aufgegeben. Aber es hat funktioniert.

Sie haben auch eigene Texte verfasst. War das schwierig?

Texte sind ein wichtiger Bestandteil von Songs. Viele Musiker tun sich schwer damit. Auch ich finde es nicht einfach. Ich habe Erfahrungen, die ich gemacht habe, in meinen Texten verarbeitet. Das war aber nicht das grösste Problem.

Sondern?

Die Sprache war die grösste Herausforderung. Ich wusste von Anfang an, dass ich die Texte in Englisch verfasse. Nun ist das aber nicht meine Muttersprache. Es besteht die Gefahr, dass man Sätze eins zu eins übersetzt. Dann kommt der Text aber schief raus. Ich konnte glücklicherweise mit einer New Yorkerin zusammenarbeiten. Sie hat mir geholfen, die Texte in korrektem Englisch zu verfassen. Gleichzeitig habe ich die Texte immer wieder gesprochen und gesungen, damit sie möglichst authentisch klingen. Ob das gelungen ist, sollen die Hörer entscheiden.

Zwei Songs haben Sie bereits vorab auf Ihrer Homepage veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe bislang nur positives Feedback erhalten. Das hat mich gefreut. Viele haben attestiert, es sei unüberhörbar, dass ich schon seit zwölf Jahren in einer Pink-Floyd-Coverband engagiert bin. Dass meine bisherige musikalische Tätigkeit auf dieses Album abfärbt, muss wohl ein Stück weit so sein. Aber es ist keine Pink-Floyd-Scheibe. Ich bin nun extrem gespannt, wie das gesamte Album aufgenommen wird. Vor allem wird es interessant sein, in welche Schublade ich gesteckt werde.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich beim Schreiben der Songs von Pink Floyd zu lösen?

Nein, weil ich gar nicht versucht habe, mich bewusst von Pink Floyd abzugrenzen. Früher hatte ich eine zu hohe Messlatte. Ich habe mir dann gesagt: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Mach das, was du kannst.

Was liegt Ihnen besonders gut?

Ich kann nicht singen wie ein David Coverdale. Aber ich habe Songs geschrieben, bei denen wusste ich, dass ich eine richtige Rockstimme brauche. Also habe ich Jean-Marc Viller, einen begnadeten Sänger, angefragt, ob er diese Stücke einsingen will. Ich sang die Parts, die mir liegen, ohne dass ich mich verstellen oder quälen musste. Dabei hatte ich nie im Hinterkopf, dass die Songs ja nicht nach Pink Floyd klingen dürfen.

Vorerst müssen sich die Fans mit der CD begnügen. Live-Auftritte sind keine geplant. Weshalb nicht?

Ich habe fast zwei Jahre am Album gearbeitet und mehr als 1000 Stunden investiert. Gegen den Schluss wurde das Projekt zu einer 100-Prozent-Stelle. Ich habe im Sommer sogar meinen Job an den Nagel gehängt, damit das Album fertig wird. Daneben noch eine Band aufzubauen und Auftritte zu organisieren, ist nochmals eine ganz andere Aufgabe. Auch bei Crazy Diamond war der Aufbau einer Gruppe, die zweieinhalb Stunden auf der Bühne steht. eine strenge Arbeit. Kommt dazu, dass die Musiker auf meinem Album in erster Linie Studiomusiker sind und deshalb viele andere Verpflichtungen haben.

Trotzdem: Ist es für einen Musiker nicht das Schönste, seine Songs live zu performen?

Das ist so. Es wäre spannend zu erfahren, wie die Songs live rüberkommen. Sollte die Nachfrage gross sein, dann sind Konzerte sicher eine Überlegung wert.

Apropos Nachfrage, Sie haben Ihren Job an den Nagel gehängt. Ist es Ihr Ziel, von der Musik zu leben?

Einerseits habe ich gemerkt, dass mich der Job nicht mehr zu 100 Prozent befriedigt. Als Lehrer ist das heikel. Man arbeitet mit Kindern und sollte eigentlich ein Motivator sein. Wenn man es nicht mehr schafft, zu motivieren, braucht es eine Kurskorrektur.

Was war der andere Grund?

Die Musik hat immer mehr überhandgenommen. Ich merkte, dass ich dieses Projekt unbedingt realisieren wollte, koste es, was es wolle. Daher fiel es mir leichter, den Job an den Nagel zu hängen. Es wäre allerdings blauäugig zu denken, ich sei der nächste Superstar. Es ist nicht einfach, von der Musik zu leben. Deshalb verlasse ich mich auch nicht darauf. Aber zuerst lasse ich das Album raus und schaue, was passiert.