Mit Gaffern hatte Corina Hofmänner schon immer zu tun: Bis im Herbst 2013 arbeitete sie als Rettungssanitäterin. «Makaber» sei es gewesen, wie andere Menschen in Momenten der Not die Unfallopfer fotografierten, sagt die Geroldswilerin. Immerhin stand sie als Retterin nicht selber im Mittelpunkt. Inzwischen ist das anders.

Denn heute ist Hofmänner selber den bohrenden Blicken von Fremden ausgeliefert, auch wegen eines Unfalls: Im November 2013 veränderte sich ihr Leben auf einen Schlag. Ein Unfall, über den die 33-Jährige nicht sprechen will. Nicht jede Querschnittlähmung sei die Folge eines spektakulären Ski- oder Autounfalls. Sie könnte es sich einfach machen und trotzdem erzählen, dass sie einen Autounfall gehabt hätte. «Dafür bin ich zu ehrlich», sagt Hofmänner. Eine anstrengende Ehrlichkeit: Oft ist die Frage nach dem Unfall die erste, die Hofmänner gestellt wird. Als wäre es das einzige, was in ihrem Leben jemals passiert ist.

Dabei hat Hofmänner viel anderes zu erzählen, zum Beispiel dass sie am Sonntag erstmals im Rollstuhl an einem Rennen teilnimmt. Kontinuierlich hat sie sich seit dem Unfall zurückgekämpft, der ihren Körper zu einem grossen Teil lähmte. Den linken Fuss kann sie noch leicht heben. Die Freude und der Stolz sind ihr ins Gesicht geschrieben. Aber es ist nicht so, dass die Bewegung für etwas nützlich wäre. Auch die Zehen kann sie noch spreizen. Ihre Arme sind voll funktionsfähig, doch durch die Querschnittlähmung haben sich ihre Hände so verkrümmt, dass sie viele Handgriffe nur mit Zusatzaufwand durchführen kann. Schon das sei ein grosser Fortschritt, sagt Hofmänner.

Zweimonatige Lücke im Leben

«Als ich noch auf dem Balgrist in der Reha war, konnte ich meine Hand nicht bis zum Gesicht heben. Zähneputzen war unmöglich.» An die ersten zwei Monate in der Reha kann sich Hofmänner nicht erinnern. «Da ist eine grosse Lücke. Es gibt diesen Moment nicht, in dem ich realisiert habe, dass ich querschnittgelähmt bin. Wahrscheinlich will mein Gehirn das aus Selbstschutz so», sagt sie. Im September 2014 hatte sie die Reha verlassen, wohnte noch für einen Monat in einem Altersheim, bis ihre Eltern das Haus behindertengerecht umgebaut hatten, damit die Tochter zurückkehren kann, die eigentlich schon längst ausgezogen war. Nun beinhaltet das Haus einige Wunder der Technik. Die Türe öffnet Hofmänner via App, die Treppe erklimmt sie nicht mit einem typischen Rollstuhllift: Stattdessen wird sie an Seilenhochgezogen und schaukelt durch die Luft. An speziellen Haken erkennt sie jeden anderen Rollstuhlfahrer, der zuhause den gleichen Treppenlift hat. Die Bewegungseinschränkungen bringen gegenüber ihrem früheren Leben viel Mehraufwand mit sich. Aber es gibt Dinge, die Hofmänner mehr zu schaffen machen.

Tortur: Sie kann nicht schwitzen

«Da meine Zwischenrippenmuskulatur gelähmt ist, fällt es mir zum Beispiel sehr schwer, zu husten. Und mein Körper kann die Temperatur nicht selber regulieren.» Das heisst: Sie nimmt stets die Umgebungstemperatur an. «Ich kann nicht schwitzen. Der Hitzesommer 2015 war für mich eine schlimme Tortur.» Aber Hofmänner wäre nicht Hofmänner, wenn sie der Hitze ab sofort komplett aus dem Weg gehen würde. Stattdessen will sie dieses Jahr nach Botswana in die Ferien. «Wenn ich eine Sprühflasche mit Wasser dabei habe, um das Schwitzen zu ersetzen, dann geht es.»

Früher, als Hofmänner noch schwitzen konnte, ging sie regelmässig joggen und nahm an Rennen teil, dreimal absolvierte sie sogar einen Halbmarathon. «Sport macht süchtig und versetzte mich in Trance», sagt Hofmänner. Darum treibt sie auch heute wieder Sport. Sie geht schwimmen und probiert verschiedene Sportarten aus, kürzlich spielte sie Rollstuhl-Rugby, im Winter war sie auf der Eisbahn. «Das Angebot für Behindertensport ist in Zürich sehr gross, das ist praktisch», sagt Hofmänner. Doch die Trance, die sie früher hatte, hat sie noch nicht wieder erreichen können.

Auch sonst liess sich Hofmänner ihren Platz in der Gesellschaft nicht wegnehmen. Nach einer Ausbildung als Arztgehilfin arbeitete sie fast acht Jahre lang als Rettungssanitäterin bei Schutz und Rettung Zürich – bis zum Unfall. Danach bot ihr der Chef an, dass sie so schnell wie möglich wieder zurückkommt. Seit letztem September arbeitet Hofmänner im 20-Prozent-Pensum im Büro von Schutz und Rettung Zürich. Irgendwann will sie vielleicht umsatteln und Mental-Trainerin werden. Die Willensstärke dazu hat Corina Hofmänner allemal. Sie hat sich an die fremden Blicke gewöhnt, im Bus, im Thermalbad, beim Einkaufen, im Restaurant, überall. Doch es gibt auch Anerkennung. «Es beeindruckt mich zum Beispiel, wie geduldig Corina den Alltag meistert, weil alles mehr Zeit braucht. Auch ihr ganzes Umfeld, mich eingeschlossen, ist geduldiger geworden», sagt ihre jüngere Schwester Tanja.

Irgendwann will Corina Hofmänner wieder von zuhause ausziehen, Das braucht dann viel Organisation und etwas Spitex. Aber im Organisieren ist Hofmänner inzwischen ein Profi: «Als ich im März Osterhasen für die Familie kaufen ging, wollte ich diese unbemerkt ins Haus schmuggeln. Alleine im Rollstuhl geht das nicht.»