Sie wirken etwas gestresst. Kommen Sie gut klar mit all den Leuten, die diese Tage etwas von Ihnen wollen?

Claudia D'Addio: Das ist kein Problem. Ich finde es wunderbar, dass in Sachen Musik endlich etwas läuft. Sonst wäre mir ja langweilig. Ich habe nun so lange auf diesem Moment hin gearbeitet und könnte mir nichts Besseres wünschen.

Sie sprechen von Ihrem ersten Soloalbum, das wir bald zu hören bekommen. Doch beginnen wir von vorn: Eine breite Öffentlichkeit kennt Sie schon seit 2004, als Sie an der Castingshow «Music Star» teilnahmen. Sprechen Sie noch gern über diese Zeit?

Ich spreche gern darüber, denn es war eine gute Erfahrung. Eigentlich wurde darüber aber schon alles gesagt.

Ist es gut, als Musikerin auf diese Art berühmt zu werden?

Schlecht war es auf jeden Fall nicht. Ich konnte mich überhaupt mal einem Publikum vorstellen. Nur an einer solchen Show teilzunehmen, bringt aber noch keinen Erfolg, auch wenn das viele denken. Ich musste jahrelang hart arbeiten und erst was ich heute mache, ist wirklich meine eigene Musik.

Hatten Sie nie Probleme damit, das Image der Casting-Teilnehmerin wieder loszuwerden?

Nein, damit hatte ich kein Problem. Man hat mich nachher immer für das anerkannt, was ich gerade gemacht habe. Zum Beispiel für meine Projekte in der elektronischen Musik. Der Grund, warum ich diesen Stempel so einfach wieder losgeworden bin, ist ganz einfach, dass ich nicht gewonnen habe. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Als Siegerin wäre ich danach nicht so frei gewesen.

Den Titel holte im Jahr Ihrer Teilnahme Salomé Clausen, die schon bald wieder in ihren Coiffeur-Salon im Wallis zurückgekehrt ist. Geschafft hat es dagegen der sechstplatzierte Baschi. Wieso gewinnen bei «Music Star» immer die Falschen?

Das kann ich Ihnen genau sagen: Nur wenige erhalten die Chance auf den Durchbruch. Das hat aber viel mehr mit dem Umfeld, etwa der Plattenfirma und den finanziellen Mitteln, zu tun, als mit der Künstlerin selbst. Baschi hatte dieses Umfeld, Salomé eher nicht. Ich frage mich auch, ob sie wirklich Musik machen wollte.

Es wurde damals klar, dass Sie eine viel bessere Stimme haben als etwa Salomé Clausen. Haben die Zuschauer das einfach nicht begriffen?

Ich weiss es nicht. Aber ich hätte zu dieser Zeit eh nicht die Kraft gehabt, eine Karriere zu starten. Wichtiger als der Zeitpunkt ist für mich, dass ich die Sache selbst in die Hand nehme.

Sie betonen, dass es Ihnen wichtig ist, Ihrer Linie treu zu bleiben. Was ist diese Linie und wie habe Sie sie gefunden?

Dazu braucht es innere Ruhe. Dann kannst du herausfinden, wer du bist, welche Musik du machen willst und was du vermitteln möchtest. Für mich war klar, dass ich über Situationen berichten will, die ich wirklich erlebt habe. Ich bin eine Südländerin und eine starke Frau und ich hatte mit vielen Schicksalsschlägen umzugehen. Davon handelt mein Album. Ich gebe damit viel preis und rechne auch mit vielem ab.

Womit rechnen Sie ab?

Vor allem mit mir selber. Eine gute Stimme haben viele, es geht aber darum, wirklich etwas mitzuteilen und das konnte ich nur, weil ich mich mit mir auseinandergesetzt habe.

Ob Ihre Musik auch beim Publikum ankommt, ist eine andere Frage. Mussten Sie Ihren Geschmack auch zurückstecken, um dem Publikum zu gefallen?

Alle Geschmäcker zu treffen, ist unmöglich. Darum geht mein eigener Geschmack voraus. Ohne von der eigenen Musik überzeugt zu sein, wird es sowieso nicht klappen. Um zu dieser Überzeugung zu gelangen, habe ich einen längeren Weg zurückgelegt. Dafür darf ich heute auch alles selbst entscheiden.

Welche Dinge müssen Sie unbedingt in der Hand haben?

Ich bin ein Kontrollfreak, also eigentlich alles. Mir stehen aber viele fachkundige Leute zur Seite. Wenn ich ein gutes Gefühl dabei habe, kann ich auch vieles geschehen lassen. Wenn ich einfach stur wäre, wäre ich in diesem harten Business auch nicht an einen Punkt gekommen, an dem ich so viel bestimmen kann.

Wo haben Sie diese Härte am stärksten gespürt?

In der Schweiz ist es generell schwierig, jemanden zu finden, der etwas breiter denkt. Hier geht es vielen nur darum, ein Stück vom Kuchen zu erhalten. Daher habe ich mir auf der ganzen Welt Leute gesucht, die an mein Projekt geglaubt haben.

Am 21. April habe Sie in Zürich Ihre Single vorgestellt. Wie hat sich das angefühlt?

Sehr eigenartig. Es war das erste Mal, dass ich ein wirklich eigenes Lied gesungen habe. Zum ersten Mal habe ich mich wirklich als Künstlerin gefühlt.

In der Schweiz kann ja nur eine Hand-voll Künstler von der Musik leben ...

... je nach dem. Man muss ja nicht unbedingt im Fernsehen auftreten und Millionärin werden. Es gibt auch eine gute Handvoll Musikerinnen, die zufrieden sind, mit dem was sie erreichen. Nach «Music Star» hätte ich problemlos von der Musik leben können, wenn ich an jeder Hochzeit gesungen hätte.

Sie haben sich aber dagegen entschieden.

Genau. Nebenher arbeite ich 50% in einem Büro. Nur so behalte ich den Kontakt zur Realität. Ausserdem muss ich am Ende des Monats meine Rechnungen bezahlen und das kann ich mit der Musik momentan noch nicht.

Wenn man Ihre Fotos auf der «Music Star»-Bühne mit den heutigen Promo-Fotos vergleicht, hat man das Gefühl, Claudia D’Addio hat sich neu erfunden. Stimmt das?

Das mussten wir machen. Es ging darum, mich selbst zu präsentieren. Dazu musste ich mich auf meine Wurzeln zurückbesinnen. Eigentlich war alles schon da, ich musste es nur noch entdecken.

Wurden Sie nie missverstanden?

In diesem Business wird man immer missverstanden. Schon dieses Interview kann ganz anders wirken, als ich das wollte. Damit muss ich rechnen. Wichtig ist vor allem, dass ich zum Gesprächsstoff werde.

Sie geben auch gern die Diva ...

... ich bin Südländerin, natürlich bin ich eine Diva.

Was heisst das für Sie?

Es gibt die Divas, die sagen: Bring mir das, bring mir jenes. Ich bin aber eine gesunde Diva. Ich liebe es einfach, mich auf der Bühne zu präsentieren und dafür Anerkennung zu erhalten. Jede Person, die sich gern zeigt in dem, was sie macht, hat eine Diva in sich.

Kann man davon auch süchtig werden?

Das ist sogar wichtig. Sonst könnte ich das nicht so lange machen. Sucht und Leidenschaft sind in der Musik für mich das gleiche. Damit ich dieser Sucht aber nicht verfalle, behalte ich meinen Job im Büro.

Auch für den Fall, dass es mit dem Album nicht funktioniert?

Damit muss ich rechnen. Der künstlerische Teil ist nun beendet, der Rest ist Business. Wenn das nicht klappt, muss ich es einfach wieder probieren.

Was würden Sie sich für weitere Projekte denn wünschen?

Ich habe eine Riesenliste mit Namen von Musikern, mit denen ich gerne aufnehmen würde. Diese Liste gebe ich natürlich nicht preis, sonst geht nichts davon in Erfüllung. Ich vertraue aber darauf, dass ich noch dahin komme.

Sie sind auch gläubig. Beziehen Sie diese Gelassenheit von da?

Ich bin gläubig, aber das ist meine private Angelegenheit. Mit meiner Karriere hat das nichts zu tun, für die bin alleine ich verantwortlich. Die Selbstsicherheit, die ich dort habe, ist meine Waffe.

Das war nicht immer so.

Das ist richtig. Eigentlich wollten wir das Album bereits 2009 veröffentlichen. Dann ist mein Sandkastenfreund plötzlich bei einem Unfall gestorben. Am Anfang hat mich das vernichtet und ich habe zwei Jahre lang gar nichts gemacht. Ich habe ihn aber in meinem Künstlernamen verewigt und ihm versprochen, dieses Projekt weiterzuführen. Obwohl er nicht physisch da war, hat er mir so die Kraft gegeben, dieses Album fertigzustellen.