Sie waren gerade in den Ferien im süditalienischen Caserta. Sind Sie ausgeruht?

Diamá: Ich habe viel zu tun, bin aber nicht gestresst.

Ihre Eltern sind vor einem Jahr in ihre Heimat zurückgekehrt. Können Sie sich vorstellen, eines Tages auch in Caserta zu wohnen?

Meine Eltern leben dort friedlicher als hier. Wenn ich pensioniert bin und gesund, dann könnte ich mir schon vorstellen, dorthin zu ziehen.

Vor drei Wochen ist Ihre erste eigene Single «La Mossa» herausgekommen. Wieso der Name «La Mossa»?

Eigentlich ist «La Mossa» eine Tanzbewegung, die eine Frau mit den Hüften macht, um einem Mann ohne Worte den Laufpass zu geben. Als kleines Mädchen tanzte ich manchmal mit meinem Grossvater im Hof in Caserte. Dann sagte er jeweils: «Claudia fammi vedere la mossa!» (Claudia, mach für uns «la mossa»!) Das Lied ist darum auch eine Erinnerung an meine Verwandtschaft. Es ist eine Hommage an die südländische Kultur und deren Frauen - und an starke Frauen im Allgemeinen.

Warum singen Sie das Lied in Englisch?

Auf Englisch ist es einfacher, ein breiteres Publikum anzusprechen. Mit Englisch hat man heute mehr Möglichkeiten, sich auf dem Markt zu präsentieren. Aber «La Mossa» ist nicht ausschliesslich auf Englisch. Der letzte Teil des Liedes ist ein südneapolitanischer Rap.

Wie hält Ihre Familie in Italien von Ihrer Musik?

Es ist lustig. Als sie «La Mossa» hörten mit dem Rap am Ende des Songs , waren sie überrascht. Ich glaube, sie haben mich unterschätzt, und als sie hörten, wie ich den italienischen Dialekt als ein künstlerisches Element benutze, waren sie sicherlich beeindruckt.

Wie ist der Mix im Album zwischen Englisch und Italienisch?

Ein Lied, meine zweite Single «Mare», singe ich in Italienisch. Der Rest ist in Englisch. Es war interessant, meine persönlichen Erfahrungen, von denen meine Lieder handeln, ins Englische zu übersetzen. Mir gefällt, wie meine Geschichten jetzt mit den sinnlichen, englischen Worten klingen.

War es schwierig, diese persönlichen Geschichten in eine Fremdsprache zu übersetzen?

Nein, eigentlich nicht. Denn ich benutze ja nur andere Worte, aber die Geschichte und das Gefühl bleiben dieselben.

Nach Ihrer Drittplatzierung bei «Music Star» 2005 und dem Auftritt beim Eurovision Song Contest 2006 wurde es ruhig in Ihrer Karriere. Wie haben Sie sich seither weiterentwickelt?

Es wurde nicht wirklich ruhig, ich habe mit vielen DJs kollaboriert, Featurings, Projekte und viele Auftritte gehabt. Die sieben Jahre von «Music Star» bis zu meinem ersten Album haben mir den Weg gezeigt, den ich gehen möchte.

Und wohin führte der Weg?

Ich musste mich damit befassen, was ich überhaupt schreiben möchte. Zudem ist auch das Geld immer ein grosses Thema. Eigentlich wäre ich mit dem Album schon 2009 bereit gewesen. Aber dann ist mein bester Freund Maurizio bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Das riss mich aus der Bahn. Ich hatte keine Ideen mehr, wusste nicht mehr, was ich machen sollte. Drei Jahre lang war ich nicht mehr zu gebrauchen. Nach seinem Tod musste ich zuerst psychisch aufräumen.

Gibt es in Ihrem Album ein Lied, das Sie Maurizio gewidmet haben?

Das ganze Album ist ihm gewidmet. An seinem Sterbebett habe ich ihm versprochen, dass ich das Album fertig machen werde. Zwei Lieder sind speziell ihm gewidmet. In «I Just Wanna Scream» erzähle ich seine Geschichte. Der Titel verweist darauf, wie ich mich nach seinem Tod gefühlt habe. Das Lied «Fake Smiling» ist das letzte, das er von mir gehört hat, und er war gleich davon begeistert. Als er es hörte, konnte er kaum glauben, dass ich das bin, die singt. Er sagte mir, ich solle gar nichts mehr an der Demoversion ändern, was wir dann auch so gemacht haben. Wenn ich dieses Lied live spiele, muss ich jedes Mal zuerst leer schlucken.

Welche Tricks wenden Sie an, wenn Sie solche emotionalen Songs live darbieten?

Oje! Ich weiss es auch nicht. Ich mache es irgendwie. Würge meine Emotionen irgendwie runter und singe einfach. Wenn ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen würde, müsste ich bei jedem zweiten Wort, das ich singe, weinen. Als Performerin muss ich nicht nur fühlen, sondern auch verdrängen können.

Ist es Ihnen nicht unangenehm, so private Gedanken und Gefühle einem breiten Publikum zu präsentieren?

Nein, unangenehm ist es nicht. Ich könnte stundenlang über Maurizio sprechen. Und bei dem Song «I Just Wanna Scream» geht es ja darum, dass ich meine Gefühle herausschreien will. Ich will, dass die Leute seinen Namen kennen und diesen Song hören.

Als Vorbilder nennen Sie Anna Magnani, Sophia Loren, Gina Lollobrigida.

Das sind alles italienische Schauspielerinnen, die für ihre Stärke und Schönheit bekannt waren. Inwiefern sind Sie eine starke Frau?

Erstens bin ich ein Widder. Dann bin ich eine südländische Frau. Ich nehme selten ein Blatt vor den Mund. Ich habe mich für den Weg im Musikbusiness entschieden und dafür muss ich nun einfach stark sein. In meinem Leben musste ich schon immer stark sein - auch für andere.

Haben Sie auch musikalische Vorbilder?

Mit 14 war Giorgia eines meiner ersten Idole. Ich wollte so singen können wie sie. Später kamen Whitney Houston und Madonna dazu.

Am 12. Juli haben Sie in Caserta Ihren langjährigen Partner geheiratet. Wie war die Hochzeit?

Sehr modern und nicht unbedingt traditionell italienisch.

Also haben Sie nicht vier Tage lang gegessen?

Nein, nein. Dass an allen italienischen Hochzeiten so viel gegessen wird, ist ein Klischee. Ich wollte nicht am Mittag heiraten, weil mir das zu stressig gewesen wäre. Dann sitzt man nach der Hochzeit in einem klimatisierten Raum und isst 15 Gänge. Wir hatten die Feier am Abend. Den Vormittag konnte ich mit Kollegen geniessen, einen Cocktail trinken und mich dann langsam für die Hochzeit fertig machen. Mehr möchte ich aber nicht verraten. Nur so viel: Am Schluss sprangen wir alle in den Pool. Mit Kleid.

Jetzt, wo Ihr Album erscheint: Bleibt da überhaupt noch Zeit für die Ehe?

Unsere Situation hat sich durch die Hochzeit nicht verändert. Wir lebten schon lange zusammen und hatten unseren Rhythmus.

Denken Sie schon an Familienplanung?

Ansonsten hätten wir ja nicht geheiratet. Nun stehen andere Dinge im Vordergrund, aber wir möchten bald Kinder haben.

Neben der Musik arbeiten Sie 50 Prozent in einem Büro. Möchten Sie einmal nur von der Musik leben können?

Klar, das ist der Traum eines jeden Künstlers. Aber momentan tut es auch gut, nebenbei noch etwas anderes als Musik zu machen. Ich brauche das. Nicht nur wegen der finanziellen Mittel, sondern auch um ab und zu unter normale Leute zu kommen, einen normalen Tagesablauf zu haben und den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren (lacht). Es tut gut, nicht nur über Musik zu sprechen.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ich bin zufrieden. Aber jetzt habe ich grosse Lust, wieder auf der Bühne zu stehen. Nach so langer Zeit möchte ich wieder zeigen, was ich draufhabe. Inzwischen habe ich richtig Heisshunger darauf. Kommende Konzerte sind in Planung.