Circolo Culturale
«Circolo Culturale Sandro Pertini» fördert Integration mit Kultur

Der Verein Circolo Culturale Sandro Pertini holt italienische Operntalente für Konzerte nach Dietikon und ist ein Musterbeispiel für Integration. Mario Pingitore gründete den Verein vor 20 Jahren und brachte Schweizer und Italiener so näher zusammen.

Meret Michel
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Perfekt Deutsch spricht Mario Pingitore nicht, im Gegenteil. Lieber redet er Italienisch und untermalt seine Worte mit ausholenden Gesten. Trotzdem ist Pingitore das, was man ein «Vorbild der Integration» nennen könnte: Vor 20 Jahren hat er den Verein Circolo Culturale Sandro Pertini mitgegründet, um Schweizer und Italiener einander mittels Kultur näher zu bringen.

Mit diesem Ziel vor Augen organisiert der Verein Konzerte mit Jungtalenten der italienischen Oper, veranstaltet Podien rund ums Thema Integration oder reist mit seinen Mitgliedern in italienische Kulturstädte. Dass er damit Erfolg hat, zeigt die Publikumszusammensetzung an den Konzerten – «Rund ein Drittel des Publikums sind Einheimische», sagt Silvia Knaus. Sie ist eine von 45 Schweizerinnen und Schweizern, die ebenfalls Mitglieder des Vereins sind. Insgesamt zählt der Circolo Culturale heute über 350 Mitglieder.

«Man kann sich verständigen, auch wenn jeder seine Sprache spricht.»

«Am Anfang war es nicht ganz einfach, den Austausch zwischen Schweizern und Italienern herzustellen», sagt Pingitore. Die Schweizer seien oft nur fürs Konzert gekommen, um danach wieder nach Hause zu gehen. «Dann haben wir begonnen, die Konzerte mit Apéros zu kombinieren.» So habe man sich – «piano, piano» – einander angenähert. Sind Sprachbarrieren dabei nicht ein Hindernis? «Nein, im Gegenteil», lacht Pingitore. «Viele Schweizer verstehen Italienisch, ohne es zu sprechen und umgekehrt. Man kann sich verständigen, auch wenn jeder seine Sprache spricht.»

Vor den 1980er-Jahren, als Pingitore den Verein gegründet hat, war der Begriff Integration in der Öffentlichkeit praktisch nicht vertreten – und auch für Pingitore war er kein Thema. Der Kalabrese kam 1974 mit der grossen Einwanderungswelle aus Italien nach Dietikon. «Die meisten Italiener, die in den Sechzigerjahren in die Schweiz kamen, wollten nach Italien zurück» (siehe auch Interview mit Luciano Alban). Deswegen hätten weder Schweizer noch Italiener grosses Interesse an einem Austausch gehabt. «Natürlich blieben wir meistens unter uns», sagt Pingitore. Aber auch die Schweizer hätten keinen Kontakt gesucht: «Wenn wir als grosse Gruppe im Dietiker ‹Bären› essen gingen, traf man im Restaurant keine Schweizer mehr.»

Grossteil der Einwanderergeneration im Rentenalter

Aus den geplanten Kurzaufenthalten wurden jedoch oft Jahrzehnte – viele Italiener sind bis heute geblieben. «Die Gesellschaft hat allmählich realisiert, dass wir bleiben werden.» Dies war Anfang der Achtzigerjahre. «Damals ist das Thema Integration auch von der Politik aufgegriffen worden», so Pingitore. Pionier in Dietikon sei der damalige Stadtpräsident Markus Notter gewesen. Er habe erstmals als Politiker aktiv den Kontakt zu den ausländischen Vereinen und der ausländischen Bevölkerung gesucht. «Integration kam nicht von einem Tag auf den anderen», sagt Pingitore. Doch sowohl Politik wie auch Vereine hätten sich um einen Austausch bemüht.

Bis heute dauere dieser Prozess an. «Zwar sind viele aus der zweiten und dritten Generation perfekt integriert», sagt Pingitore. Doch ein grosser Teil der Einwanderergeneration ist nun im Rentenalter. «Viele haben nicht in die Pensionskasse einbezahlt und müssen nun mit einer bescheidenen Rente auskommen.» Auch werde die Sprache wieder zum Problem, wenn Italiener, die nur gebrochen Deutsch sprechen würden, ins Altersheim kämen.

Noch heute fördert der Circolo Culturale den Austausch mit einem vielfältigen Kulturprogramm. Er stösst damit auf breites Interesse: Der Verein gewinnt jährlich neue Mitglieder, die längst nicht nur aus Dietikon kommen: «Unser Netz reicht von Solothurn bis Uster», sagt Pingitore nicht ohne Stolz.

Sonst reagiert er bescheiden, wird er auf den Erfolg des Vereins angesprochen. «Ich denke eher daran, wie es weiter geht», sagt er. Denn die Zukunft bereitet ihm auch Sorge: Wer wird den Verein dereinst weiterführen? «Wie auch Schweizer Vereine stellen wir fest, dass viele Junge sich nicht mehr in Vereinen engagieren mögen. Hinzu kommt, dass die jungen Italiener perfekt integriert sind», sagt Knaus. «Die Integration der Italiener ist im Grossen und Ganzen gut gelungen. Der Circolo Culturale ist ein Puzzleteil in dieser Entwicklung.»

Das Jubiläumskonzert des Vereins Circolo Culturale Sandro Pertini findet am 4. Mai um 20.00 Uhr in der Kirche St. Agatha in Dietikon statt.