Herr Meerwein, ich war krank letzte Woche. Kopf und Hals schmerzten, ich musste niesen und hatte erhöhte Temperatur. Ist die saisonale Grippe schuld?

Christopher Meerwein: Nein, das war nicht die saisonale Grippe, sondern ein anderes Virus. Die Grippeaktivität in der Schweiz liegt derzeit noch deutlich unter dem Schwellenwert von 67 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner; es gibt nur vereinzelte Fälle. Auch im umliegenden Ausland ist die saisonale Grippe noch nicht angekommen.

Wie merken Sie jeweils in Ihrer Praxis, dass eine Grippewelle das Limmattal überrollt?

Während einer Grippewelle kommen pro Tag zwei bis drei Grippeerkrankte zu uns. Ich führe aber keine Statistik über die Grippefälle in der Praxis.

Sie haben vorher ziemlich bestimmt gesagt, dass ich kein Grippeopfer war. Warum?

Weil sich Influenzaviren von Erkältungsviren deutlich unterscheiden. Sie sind aggressiver und verursachen in der Regel ein schwereres Krankheitsbild mit Fieber und Befall der gesamten oberen Atemwege – und nicht nur einen Schnupfen. Das Risiko, dass es zu Komplikationen kommt, ist zudem bei einer Grippeerkrankung viel höher.

Welche Komplikationen drohen?

Die häufigste und am meisten gefürchtete Komplikation ist eine Lungenentzündung. Aber es kann auch zu Entzündungen des Mittelohrs oder der Nebenhöhlen kommen.

Letzte Woche ist bei uns die Heizung ausgefallen. Hat das die Erkrankung begünstigt – oder ist es ein Mythos, dass Kälte krank macht?

Der Zusammenhang ist bis heute nicht nachgewiesen – im Gegenteil: Ich gehe davon aus, dass Heizungsluft die Schleimhäute austrocknet und damit das Eindringen von Viren erleichtert.

Gibt es weitere Gründe, warum Grippeviren sich besonders im Winter tummeln?

Ja, die Menschen rücken näher zusammen in der kalten Jahreszeit. So können sich Viren besser von Mensch zu Mensch verbreiten.

Nebst dem Mythos mit der Kälte gibt es bestimmt viele weitere Irrtümer. Ein paar Kostproben aus Ihrer Praxis?

Es gibt Leute, die meinen, noch nie eine Grippe gehabt zu haben, und sich deshalb für besonders resistent halten. Das kann ein Irrtum sein. Bei grossen Epidemien überleben oft ausgerechnet diejenigen Generationen, die ein paar Jahre zuvor bereits unter einem ähnlichen Grippevirus gelitten und Antikörper gebildet haben. Aus immunologischer Sicht sind diejenigen Menschen besonders gefährdet, die nie an einer Grippe erkrankt sind.

Weitere Mythen?

Dass hochprozentiger Alkohol dazu geeignet ist, die Viren im Körper abzutöten, stimmt beispielsweise nicht. Ebenso falsch ist, dass eine Behandlung mit Antibiotika die Heilung einer Grippe beschleunigt. Antibiotika wirken gegen Bakterien, die Grippe aber ist ein viraler Infekt. Eingesetzt werden Antibiotika erst dann, wenn es im grippegeschwächten Körper zu einer bakteriellen Infektion kommt. Bei Lungenentzündungen etwa können Bakterien mitbeteiligt sein.

Manche Leute setzten bei einer Grippe auf Hausmittel – andere rennen sofort zum Arzt. Wann ist der Gang in die Praxis wirklich sinnvoll und wichtig?

Menschen mit chronischen Herz- oder Lungenkrankheiten oder Diabetiker sollten bei einer Grippe den Arzt aufsuchen, wenn sich die Beschwerden ihrer Grundkrankheit verschlechtern oder wenn sie mehr als drei Tage Fieber und Husten haben.

Gibt es Hausmittel, die Sie empfehlen?

Ich empfehle, viel warme Flüssigkeit zu trinken. Dadurch kann der Körper genügend Sekret bilden, mit dem die Viren abgehustet werden. Andere Hausmittel sind in meinen Augen Geschmackssache.

Soll man bei Grippe Kamillentee oder Schwarztee trinken?

Das ist egal.

Noch vor der Heilung kommt die Prävention: Wie kann man sich vor der Grippe schützen?

Man sollte sich an die Empfehlungen halten, die vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der Schweinegrippe vermittelt wurden: häufig die Hände waschen, grössere Menschenansammlungen wenn möglich meiden und nicht rauchen, da es die Schleimhäute und somit die Immunabwehr schädigt.

Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe kam es 2009 zu einem Run auf Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel. Braucht man die heuer wieder?

Solange es keinen Hinweis auf ein überdurchschnittlich gefährliches Grippevirus gibt, sind Schutzmasken nicht erforderlich. Die kann man bis auf weiteres getrost im Schrank lassen. Händedesinfektion hingegen ist immer sinnvoll – gerade, wenn man mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist.

Ich habe mich noch nie gegen Grippe impfen lassen. Lebe ich gefährlich?

Nein, solange eine Person keine chronischen Krankheiten hat, nicht mindestens im vierten Monat schwanger und nicht über 65 Jahre alt ist, würde ich nicht viel Energie dafür aufwenden, sie von einer Impfung zu überzeugen, wenn sie skeptisch ist.

Das Thema Impfen hat allerdings auch eine moralische Komponente: Wer sich impft, tut laut Impfbefürwortern etwas gegen die Verbreitung der Viren. Ist das so?

Ja. Viren werden über eine Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen. Wenn Sie sich impfen lassen, werden die Viren in Ihrem Körper unschädlich gemacht. Sie werden nicht krank und husten nicht. Dadurch verbreiten Sie keine Viren.

Impfen kann also verhindern, dass man zur Virenschleuder wird. Unterstützen Sie einen Impfzwang für das Personal in Spitälern oder in Pflegeheimen?

Nein, zum Glück gibt es in der Schweiz keinen Impfzwang – im Gegensatz etwa zu den USA. Dort nehmen Schulen Kinder nicht auf, wenn bei diesen bestimmte Impfungen nicht gemacht wurden. Richtig finde ich hingegen, dass sich die Leute gut informieren und dann einen persönlichen Entscheid für oder gegen eine Impfung fällen. Das Personal in Spitälern oder in Pflegeheimen muss sich dabei seiner Verantwortung gegenüber den Patienten bewusst sein. Ein Zwang wäre aber kontraproduktiv und könnte wohl nicht durchgesetzt werden.

Wie steht es um die allgemeine Impfbereitschaft der Schweizerinnen und Schweizer – zwei Jahre nach der Schweinegrippe?

Sie ist viel geringer als vor fünfzehn Jahren, als ich mit Reihenimpfungen in Firmen begann. Seit einiger Zeit liegt sie konstant bei 10 bis 15 Prozent der Firmenbelegschaft.

Wie erklären Sie sich den Rückgang?

Möglicherweise hängt er mit der kritischeren Medienberichterstattung über die Impfthematik zusammen.

Ist die Kritik aus medizinischer Sicht gerechtfertigt?

Ich gebe den Impfskeptikern teilweise recht. Es gibt wenige hieb- und stichfeste Studien zum Thema Impfungen und deren Schutzwirkung. Das liegt allerdings nicht an einem Desinteresse der Pharmaindustrie, sondern an der Komplexität des Forschungsgegenstands. Die Wirksamkeit ist bei jungen Menschen besser als bei älteren.

Gibt es Leute, für die eine Impfung gefährlich ist?

Ja. Die gefürchtetste Nebenwirkung ist eine allergische Reaktion auf die im Impfstoff enthaltenen Hühnereiweissreste. Wer von dieser Allergie betroffen ist, sollte sich nicht impfen lassen. Solche Reaktionen sind allerdings sehr selten.

Wer sich hingegen piksen lassen sollte, sind Bauern und andere Menschen mit engem Kontakt zu Tieren. Warum?

Es besteht die Vermutung, dass gefährliche neue Viren dann entstehen, wenn Viren aus der Tierwelt – etwa von Schweinen – sich mit Viren paaren, die bereits beim Menschen zirkulieren. Die resultierenden Viren können sehr ansteckend für Menschen sein. Gleichzeitig erwischen sie uns völlig schutzlos, weil sie neu für unser körperliches Abwehrsystem sind. Genau das war beim Schweinegrippe-Virus der Fall.

Wenn man den Bauern impft, reduziert man folglich die Gefahr, dass sich seine Viren mit denjenigen seiner Schweine vermischen?

Genau, dadurch kommt es vielleicht zu weniger Mutationen.

Apropos Schweinegrippe-Virus: 2009 sorgte es für Pandemiealarm und Panik. Wo steckt es heute?

Das Schweinegrippe-Virus entpuppte sich 2009 zum Glück als verhältnismässig harmlos – nur wenige Menschen, zum Beispiel Schwangere, erkrankten ernsthaft daran. Im diesjährigen Grippeimpfstoff, der weltweit auf Empfehlung der WHO (World Health Organization, Anmerkung der Redaktion) eingesetzt wird, ist das H1N1-Virus enthalten.

Es ist also eines der Grippeviren, die diese Saison erwartet werden?

Ja.

Wenn Sie die Reaktion von Medien, Behörden, Pharmaindustrie oder Ärzten auf die Schweinegrippe rückblickend beurteilen: Waren die Massnahmen gerechtfertigt oder übertrieben?

Rückblickend und vom heutigen Wissensstand ausgehend kann man sagen, dass die Massnahmen nicht angemessen waren. Allerdings war ich froh zu sehen, dass die viel gescholtene Pharmaindustrie innerhalb eines halben Jahres einen neuen Impfstoff entwickeln konnte – eine beruhigende Tatsache.

Also war es eine ungeplante, aber mehrheitlich geglückte Feuerwehrübung?

Ja, und in dieser Situation war sie auch gerechtfertigt. Wirtschaftlich war sie für die Pharmaindustrie wahrscheinlich kein Erfolg. Ich hoffe, dass die Unternehmen trotzdem wieder zu einer solchen Aktion bereit sind, wenn das nächste Killervirus droht. Alles andere wäre verheerend.

Gibt es weitere unerwünschte Nebenwirkungen des Schweinegrippe-Alarms?

Ja. Leute, die schon damals von Panikmache sprachen, fühlten sich im Nachhinein bestätigt. Diese Einstellung kann gefährlich sein, wenn es einmal ernst gilt.